Discounter für Alltagswaren wie Action, Tedi oder Woolworth gewinnen in deutschen Innenstädten weiter an Gewicht. Zu diesem Ergebnis kommt eine Auswertung des Handelsforschungsinstituts IFH Köln. Nach Einschätzung von IFH-Experte Ralf Deckers rücken Non-Food-Discounter für viele Verbraucher immer stärker in den Alltag. In etlichen Sortimenten verdrängten sie bereits andere Einkaufsorte und entzögen dem klassischen Fachhandel Umsätze.
Besonders deutlich zeigt sich das laut IFH bei DIY-Artikeln, Saisonware, Dekoration, Schreibwaren und Spielzeug. In vielen dieser Bereiche übernehmen die Ketten inzwischen ganz oder teilweise die Funktion, die früher vor allem Fachgeschäfte hatten. Zugleich erreichen sie ein breites Publikum, ihr Wachstumspotenzial sei aber noch nicht ausgeschöpft.
Anders als klassische Lebensmittel-Discounter wie Aldi oder Lidl konzentrieren sich Non-Food-Discounter auf Waren des täglichen Bedarfs ohne Lebensmittel-Schwerpunkt. Ihr Angebot reicht von Haushaltsartikeln und Schreibwaren über Kleidung, Heimtextilien und Deko bis zu Spielzeug, Multimedia sowie Freizeit- und Sportprodukten. Teilweise ergänzen Süßigkeiten, Snacks und Getränke das Sortiment. Zu den bekannten Anbietern zählen neben Action, Woolworth und Tedi auch Kik, Kodi, Mäc-Geiz und Hema.
Umfrage: Viele kaufen spontan ein
Eine repräsentative Online-Befragung des IFH Köln unter rund 500 Erwachsenen im März zeigt, wie etabliert diese Läden inzwischen sind: 85 Prozent der Befragten haben in den vergangenen zwei Jahren dort eingekauft, viele davon regelmäßig. Besonders gefragt sind Dekorationsartikel mit 57 Prozent, gefolgt von Schreib- und Spielwaren mit 54 Prozent. Haushaltswaren kommen auf 44 Prozent, Heimtextilien auf 42 Prozent und DIY-Produkte auf 41 Prozent.
Auffällig ist auch das Kaufverhalten: Jeder zweite Kunde sagt, bei Action und ähnlichen Anbietern Dinge zu kaufen, die bei teureren Geschäften nie im Einkaufswagen landen würden. 35 Prozent nehmen ungeplant Produkte mit. Fast ein Drittel besucht die Filialen sogar ohne konkreten Bedarf. Die große Mehrheit der bisherigen Käufer will auch künftig dort einkaufen. Nur wenige schließen das aus. Teilweise spielt dabei auch die Produktqualität eine Rolle: Ein Teil der Kundschaft wäre für bessere Qualität durchaus bereit, mehr zu zahlen.
Als Hauptgrund für den Erfolg nennt Deckers das niedrige Preisniveau in Verbindung mit einem stark ausgeprägten Sparbewusstsein. Zwei Drittel der Befragten gaben an, dass ihnen die steigenden Preise Sorgen bereiten. 42 Prozent wollen ihre Ausgaben senken, weitere 24 Prozent haben dies nach eigenen Angaben bereits getan.
Baumärkte spüren den Druck
Dass viele Verbraucher gezielt auf günstigere Alternativen ausweichen, merken inzwischen auch die großen Baumarktketten. Nach Angaben des Branchenverbands BHB sanken 2025 die Erlöse bei Werkzeugen, Gartengeräten und Haushaltswaren im Vergleich zum Vorjahr jeweils um rund vier Prozent. Insgesamt verzeichnete die Branche damit das dritte Umsatzminus in Folge.
Branchenkenner Klaus Peter Teipel beobachtet, dass das Interesse an den Sortimenten zwar vorhanden sei, die Käufe aber immer häufiger an anderer Stelle stattfänden. Viele Kunden wollten im Baumarkt kein Geld ausgeben oder könnten es sich nicht leisten. Discounter seien oft billiger, und für Gelegenheitsnutzer reiche die Qualität meist aus. Action entwickle sich damit ein Stück weit zu einer Art „Baumarkt light“.
Nach Teipels Schätzung erzielten allein Action, Woolworth und Tedi 2025 im Sortiment rund um Bauen und Garten etwa 1,4 Milliarden Euro Umsatz. Das wäre fast dreimal so viel wie 2020. Er rechnet damit, dass diese Anbieter weiter wachsen.
Marktanteile verschieben sich, Insolvenzen nehmen zu
Zwischen 2006 und 2024 haben Non-Food-Discounter ihren Anteil am Einzelhandel laut IFH Köln von weniger als 14 Prozent auf knapp 18 Prozent erhöht. Auch filialisierten Fachhandelsketten gelang ein Zuwachs. Deutlich verloren hat dagegen der nicht-filialisierte Fachhandel: Sein Anteil schrumpfte im selben Zeitraum von gut 25 auf knapp 12 Prozent.
Die anhaltend schwache Konsumlaune setzt viele Händler unter Druck. Die Zahl der Insolvenzen im Einzelhandel liegt inzwischen auf dem höchsten Stand seit zehn Jahren. Der Kreditversicherer Allianz Trade registrierte im vergangenen Jahr 2.571 Fälle.
Auch Fachhändler gerieten zuletzt verstärkt in Schwierigkeiten. Die Unternehmensgruppe Brüder Schlau, zu der die Fachmarktkette Hammer gehört, stellte im Juni 2025 Insolvenzantrag und Anfang 2026 erneut. Der Dekohändler Depot musste infolge seiner Insolvenz einen großen Teil seiner Filialen schließen.
Konkurrenz aus dem Internet verschärft die Lage
Nach Ansicht von IFH-Experte Deckers stehen Fachhandel und Discounter gleichermaßen unter Druck, weil sie zunehmend mit asiatischen Online-Plattformen konkurrieren. Gerade bei jüngeren Verbrauchern seien Shoppingportale aus Asien besonders beliebt.
Eine Untersuchung von IW Consult im Auftrag des Handelsverbands Deutschland beziffert die Umsatzeinbußen des deutschen Einzelhandels durch Anbieter wie Temu und Shein auf rund 2,5 Milliarden Euro pro Jahr. Dieses Geld fehle heimischen Händlern, weil die Käufe stattdessen über chinesische Plattformen abgewickelt würden.
Zudem hat die Zahl der Geschäfte in Deutschland in den vergangenen Jahren stark abgenommen – nicht nur wegen Insolvenzen. Nach einer Prognose des HDE dürfte die Zahl der Läden in diesem Jahr unter 300.000 fallen. 2015 waren es noch rund 372.000. Besonders hart treffe es kleinere und mittelständische Handelsunternehmen, sagte HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. Mit dem Verschwinden kleiner Fachgeschäfte verlierten viele Innenstädte ihren eigenen Charakter – und damit ein Stück ihres Herzens.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion