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Wie Würfel und Karten den sozialen Kitt retten

Einsamkeit wächst, Brettspiele boomen: Warum Würfel und Karten plötzlich mehr verbinden, als viele ahnen

22.10.2026, 06:00 Uhr

Warum Brett- und Kartenspiele boomen – und am Spieltisch Nähe schaffen

Gemeinsam einen Schatz bergen, ein Dorf errichten, ein schräges Rätsel knacken oder als Team ein Quiz lösen: Brett- und Kartenspiele erleben einen starken Aufschwung. In einer Zeit, in der Einsamkeit wächst und sozialer Zusammenhalt oft brüchig wirkt, bekommt das Miteinander am Spieltisch neue Bedeutung. Gespielt wird mit Karten, Würfeln und Figuren – ganz bewusst analog.

Passend dazu rechnet die weltgrößte Brettspielmesse „Spiel Essen 2026“ bis Sonntag mit Rekordzahlen bei Besucherinnen, Besuchern und Ausstellern. Vorgestellt werden dort diesmal rund 1.900 neue Gesellschaftsspiele. Dahinter steht die Frage: Warum faszinieren Spiele so sehr – und was leisten sie gesellschaftlich?

Am Spieltisch können Fremde zu Freunden werden

Für die Spieleexpertin Christina Valentiner-Branth ist klar, dass Menschen unabhängig von Alter, Herkunft, Geschlecht oder Religion mit großer Freude spielen. Analoge Spiele würden von vielen als beziehungsstiftend und wohltuend erlebt. Sie verweist darauf, dass immer mehr Brettspielcafés entstehen und Vereine regelmäßige Spieletreffen organisieren.

Valentiner-Branth, die die Brettspielakademie sowie die Bildungsinitiative „Spielstarke Schule“ gegründet hat, geht davon aus, dass das Interesse an analogen Brettspielen weiter wächst und ihr gesellschaftlicher Wert zunimmt. Spielen fördere Begegnung und Respekt – und am Spieltisch könnten aus Unbekannten sogar Freundinnen und Freunde werden.

Mit Blick auf junge Menschen betont sie, dass Kinder und Jugendliche Gesellschaftsspiele sehr schätzen. Zugleich stärkten diese ganz nebenbei wichtige Lernkompetenzen. Aus ihrer Sicht gehören Brettspiele deshalb stärker in den Unterricht: weil sie Wissen fördern, sinnvoll sind und Spaß machen.

Regeln, Rücksicht und Zusammenarbeit

Der Münsteraner Soziologe Paul Eisewicht sieht den Boom nicht als Zufall. Gesellschaftsspiele passten gut in die aktuelle gesellschaftliche Lage, weil sie einen klaren sozialen Rahmen schaffen: Menschen erkennen Regeln an, steuern ihr Verhalten selbst, bringen sich ein und kooperieren mit anderen.

In diesem geschützten Raum könne man sich ausprobieren, in Wettbewerb treten, Anerkennung erleben und zugleich lernen, mit Niederlagen umzugehen. Spiele stifteten Beziehungen und stabilisierten sie. Ob Großeltern mit Enkeln, Jungen mit Mädchen oder Zugewanderte mit Einheimischen – sehr unterschiedliche Menschen kämen an einen Tisch.

Auch wer niemanden kennt, könne in ein Brettspielcafé gehen und dort Anschluss finden. Gerade darin sieht Eisewicht ein wirksames Mittel gegen Einsamkeit.

Hinzu kommt aus seiner Sicht, dass analoge Spiele Gefühle unmittelbarer auslösen: Freude und Frust seien direkt spürbar. Gemeinsame sinnliche Erfahrungen, Fantasie, emotionales und soziales Lernen sowie Wissenszuwachs gingen dabei oft Hand in Hand.

Junge Erwachsene sind eine zentrale Zielgruppe

Nach Einschätzung von Hermann Hutter, Vorstandsvorsitzender der Spieleverlage im Verband der Deutschen Spielwarenindustrie, zählen vor allem 15- bis 35-Jährige zu den wichtigsten Gruppen für die Branche. Diese Altersgruppe spiele häufig und gerne – auch bei Spieleabenden und Spielnächten. Besonders Kommunikations- und Partyspiele profitierten davon.

Hutter ist überzeugt, dass gerade junge Erwachsene es schätzen, auch einmal bewusst ohne Handy zu spielen. Generell suchten viele Menschen nach gemeinsamer Aktivität und direktem Austausch. Genau darin hätten Gesellschaftsspiele einen klaren Vorteil gegenüber Computerspielen.

Analog gewinnt in der digitalen Welt an Wert

Auch der Pädagoge und Spieleexperte Sebastian Schwägele hält Gesellschaftsspiele in einer immer digitaleren Welt für wichtiger denn je. Je mehr Zeit Menschen mit Smartphones, sozialen Netzwerken, KI-Anwendungen und anderen digitalen Angeboten verbringen, desto wertvoller würden Momente, in denen sie bewusst zusammenkommen.

Vor Online-Gaming müssten sich Brettspiele seiner Ansicht nach keineswegs verstecken. Im Gegenteil: Eine ihrer großen Stärken sei, dass man Dinge anfassen, bewegen, aufbauen und verändern kann – ganz ohne Bildschirm. Gerade deshalb sieht Schwägele großes Potenzial für Schulen, Erwachsenenbildung und Unternehmen.

Wegklicken ist am Spieltisch keine Option

Gleichzeitig verlangt gemeinsames Spielen, unterschiedliche Erwartungen und Persönlichkeiten auszuhalten. Am Tisch müsse man mit anderen klarkommen, auch wenn sie anders reagieren als erhofft oder nicht dasselbe wollen. Man lache, ärgere und freue sich gemeinsam, diskutiere bisweilen auch energisch – aber einfach wegklicken könne man sich nicht.

Gerade kooperative Spiele zeigen aus Schwägeles Sicht, dass Erfolg oft nur gemeinsam möglich ist. Zwar könnten Spiele gesellschaftliche Probleme nicht lösen. Doch wer häufiger mit Menschen spielt, die anders denken und handeln, sammelt wertvolle Erfahrungen für das Miteinander – auch weit über das Spielbrett hinaus.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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