Bombendrohungen im europäischen Luftverkehr: Was bislang bekannt ist
Eine Welle von Bombendrohungen sorgt derzeit im europäischen Flugverkehr für erhebliche Verunsicherung. Zwar wurden bisher keine Sprengsätze entdeckt, dennoch beschäftigen mehr als 30 Vorfälle Airlines, Flughäfen und Sicherheitsbehörden. Diese stimmen sich grenzüberschreitend eng ab. Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.
Ist eine solche Häufung ungewöhnlich?
Ja. Nach Angaben der europäischen Flugsicherungsorganisation Eurocontrol wurden am 5. und 6. November jeweils 14 Flüge bedroht, am 3. November weitere 7. Zum Vergleich: An diesen Tagen waren jeweils zwischen rund 26.000 und knapp 30.000 Flugzeuge im europäischen Luftraum unterwegs.
Zwar kommt es immer wieder zu Drohungen gegen einzelne Flüge oder Fluggesellschaften. Eine derart geballte Serie gilt jedoch als Ausnahme. Auch bei der Deutschen Flugsicherung ist eine solche Häufung kaum erinnerlich. Vergleichbare Fälle gab es zuletzt etwa im Oktober 2024, als mehrere indische Airlines gleichzeitig über soziale Netzwerke bedroht wurden. In Deutschland sorgte 2023 eine Bombendrohung gegen den Hamburger Flughafen für Aufsehen, damals allerdings im Rahmen einer größeren Drohwelle gegen verschiedene Ziele.
Wer bewertet, wie ernst eine Drohung ist?
Das hängt zunächst davon ab, wo und auf welchem Weg die Drohung eingeht. Flughäfen und Airlines informieren umgehend die zuständigen Sicherheitsbehörden und richten eigene Krisenstäbe ein.
Befindet sich ein Flug bereits in der Luft, liegt die unmittelbare Verantwortung laut Vereinigung Cockpit bei der Kapitänin oder dem Kapitän. Sie entscheiden, ob der Flug fortgesetzt, umgeleitet oder sofort zur Landung gebracht wird. Behörden können jedoch eingreifen, etwa indem sie eine Landung an einem bestimmten Flughafen untersagen oder ein Flugzeug durch militärische Begleitung an einen anderen Ort lotsen.

Wer könnte hinter den Drohungen stecken?
Gesicherte Erkenntnisse dazu gibt es bislang nicht, die Ermittlungen laufen. Die hohe Zahl der Vorfälle spricht zunächst für ein koordiniertes Vorgehen. Denkbar sind sowohl einzelne Täter als auch staatlich beeinflusste Akteure. Zudem ist möglich, dass mit anhaltender Aufmerksamkeit Nachahmer weitere Drohungen verbreiten.
Der Sicherheitsexperte Peter R. Neumann hält eine breit angelegte Störaktion für denkbar, deren Ziel es sein könnte, möglichst viel Unsicherheit im europäischen Luftverkehr zu erzeugen. Auf der Plattform X schrieb er, das Vorgehen erinnere an eine koordinierte hybride Operation. Zugleich betonte er, dass es bisher keine belastbaren Hinweise auf eine russische Urheberschaft gebe.
Welche Abläufe gelten bei einer Bombendrohung an Bord?
Besatzungen von Passagierflugzeugen werden regelmäßig auf solche Notlagen vorbereitet. Für entsprechende Fälle existieren feste Verfahren, die Cockpit und Kabinencrew umsetzen.
Nach Einschätzung des erfahrenen Boeing-Piloten Matthias Baier geht es zunächst darum, Ruhe zu bewahren und strukturiert vorzugehen. Ist das Flugzeug bereits in der Luft, wird je nach Gefährdungslage in der Regel ein möglichst naher und geeigneter Flughafen angesteuert, um die Maschine dort räumen zu können. Dies geschieht in enger Abstimmung mit Flugsicherung und Sicherheitsbehörden.
Werden Passagiere während des Fluges informiert?
Ob und wann Reisende über eine Bedrohung unterrichtet werden, richtet sich nach der konkreten Lage. Oberste Priorität ist, dass die Crew die Sicherheitsmaßnahmen geordnet umsetzen kann.
Je nach Verfahren kann dazu gehören, das WLAN an Bord abzuschalten oder Lademöglichkeiten für elektronische Geräte zu deaktivieren. Unter bestimmten Bedingungen kann auch der Druckunterschied zwischen Kabine und Außenluft reduziert werden, um mögliche Folgen einer Explosion zu verringern.
Was geschieht, wenn ein verdächtiger Gegenstand gefunden wird?
Die Crew ist zwar nicht für die Entschärfung von Sprengkörpern zuständig, aber darauf vorbereitet, die möglichen Folgen einer Explosion so gering wie möglich zu halten. Für den Umgang mit verdächtigen Objekten bestehen besondere Verfahren.
Welche Maßnahmen konkret ergriffen werden, hängt von der jeweiligen Situation und den Vorgaben des Flugzeugherstellers ab. Ziel ist stets, die Gefährdung für die Menschen an Bord und für das Flugzeug selbst bestmöglich zu begrenzen.
Was passiert nach der Landung?
Nach der Landung wird ein betroffenes Flugzeug in der Regel zu einer gesonderten Position auf dem Flughafen gebracht, abseits des normalen Betriebs. Dort stehen idealerweise bereits Feuerwehr, Sicherheitskräfte und Spezialisten für verdächtige Gegenstände bereit.
Die Passagiere verlassen die Maschine anschließend entsprechend der Lage und nach Anweisung der Besatzung. Danach untersuchen Experten das Flugzeug gründlich.
Welche Rechte haben Fluggäste bei Verzögerungen oder Ausfällen?
Nach Einschätzung des Portals Flightright gelten Ausfälle oder Verspätungen infolge von Bombendrohungen als außergewöhnlicher Umstand. In solchen Fällen müssen Airlines in der Regel keine Entschädigung zahlen.
Unabhängig davon sind die Fluggesellschaften aber verpflichtet, ihre Passagiere so schnell wie möglich ans gebuchte Endziel zu bringen. Dabei müssen sie laut Flightright nicht nur eigene oder fremde Flüge prüfen, sondern gegebenenfalls auch andere Verkehrsmittel wie Bahn, Bus oder Taxi einbeziehen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber