Mordprozess um den Tod des achtjährigen Fabian hat in Rostock begonnen
Unter hohen Sicherheitsvorkehrungen und mit großem öffentlichen Interesse hat vor dem Landgericht Rostock der Mordprozess um den gewaltsamen Tod des achtjährigen Fabian aus Güstrow begonnen. Der erste Verhandlungstag war allerdings schnell beendet: Nach nur 16 Minuten war der Auftakt vorbei. Die 30 Jahre alte Angeklagte muss sich wegen Mordes vor der Schwurgerichtskammer verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihr vor, den Jungen heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen getötet zu haben.
Im Gerichtssaal 2.002 verfolgten nach Gerichtsangaben rund 80 Zuschauer und etwa 30 Medienvertreter den Beginn des Verfahrens. Die Angeklagte wurde um 9.30 Uhr mit Fußfesseln in den Saal gebracht und hielt sich zunächst einen roten Aktendeckel vors Gesicht. Später wurden ihr die Fesseln abgenommen. Seit dem 7. November 2025 sitzt sie in Untersuchungshaft. Nach Angaben ihrer Verteidiger will sie sich vorerst nicht zur Sache äußern, eine spätere Einlassung sei aber nicht ausgeschlossen.
Der Vorsitzende Richter Holger Schütt rief die Medien zu einer möglichst sachlichen Berichterstattung auf. Bis zu einem rechtskräftigen Abschluss des Verfahrens gelte die Unschuldsvermutung, betonte er. Bis zum 2. Juli sind noch 16 weitere Verhandlungstage angesetzt. Mehr als 60 Zeugen könnten gehört werden.
Mutter des getöteten Jungen als Nebenklägerin im Saal
Fabians Mutter nimmt als Nebenklägerin persönlich am Prozess teil. Im Gerichtssaal saß sie nur wenige Meter von der Angeklagten entfernt. Ihre Anwältin Christine Habetha sagte vor Verhandlungsbeginn, die direkte Begegnung mit der Beschuldigten falle ihrer Mandantin sehr schwer. Während die Anklage verlesen wurde, saß die Mutter mit starrem Blick im Saal.
Schon am zweiten Prozesstag soll sie als Zeugin aussagen. Für den Nachmittag ist auch Fabians Vater geladen. Die Verteidiger der Angeklagten, Andreas Ohm und Thomas Löcker, kündigten an, ihn ausführlich auch zur früheren Beziehung mit der Beschuldigten befragen zu wollen.
Auch Güstrows Bürgermeister Sascha Zimmermann verfolgte den Prozessauftakt vor Ort. Der Fall habe die Stadt schwer getroffen, sagte er. Von dem Verfahren erhoffe er sich Aufklärung und zumindest die Chance auf einen Abschluss für die Familie.
Staatsanwaltschaft sieht Trennungskonflikt als zentrales Motiv
Nach Überzeugung der Anklage spielte die gescheiterte Beziehung zum Vater des Jungen eine entscheidende Rolle. Die Angeklagte war demnach bis August 2025 etwa vier Jahre lang mit ihm zusammen. Zu Beginn dieser Beziehung habe Fabian seinen Vater regelmäßig besucht und dort auch mit dem etwas jüngeren Sohn der Frau gespielt. Der Kontakt sei später abgebrochen, nachdem Fabian eine körperliche Auseinandersetzung zwischen seinem Vater und der Angeklagten miterlebt habe. Erst nach der Trennung habe der Junge seinen Vater wieder regelmäßig besucht, den Angaben zufolge von Freitag bis Sonntag.
Am 9. Oktober 2025, also einen Tag vor Fabians Verschwinden, soll der Vater der Frau per Chat unmissverständlich mitgeteilt haben, dass er die Beziehung nicht wieder aufnehmen wolle. Ein Grund dafür sei gewesen, den Kontakt zu seinem Sohn nicht erneut zu gefährden.
Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Angeklagte zielgerichtet handelte, um einen Konfliktpunkt in der Beziehung aus dem Weg zu räumen. In der Anklage ist davon die Rede, sie habe das Leben des Kindes für die vage Hoffnung auf eine Wiederaufnahme der Beziehung zerstört. Nach Auffassung der Ermittler spielten dabei auch finanzielle Interessen eine Rolle: Ohne die Partnerschaft habe die Frau befürchtet, ihren bisherigen Lebensstil nicht aufrechterhalten zu können.
Der Tattag laut Anklage
Fabian war am 10. Oktober 2025 verschwunden. Weil er sich nicht wohlfühlte, war der Grundschüler an diesem Freitag zu Hause geblieben, während seine Mutter zur Arbeit ging. Nach Darstellung der Staatsanwaltschaft fuhr die damals 29-Jährige um 10.43 Uhr mit ihrem Auto zur Wohnung von Fabian und dessen Mutter in Güstrow. Wie genau sie den Jungen dazu brachte, in das unweit abgestellte Auto einzusteigen, ist laut Anklage unklar. Fabian stieg jedoch ein. Im Wagen befand sich demnach auch der Hund der Angeklagten.
Anschließend soll sie mit Fabian in ein Waldgebiet südwestlich von Güstrow gefahren sein, zwischen der L11 und dem Lähnwitzsee. Dort habe sie zunächst ihren Hund kurz laufen gelassen und ihr Smartphone deaktiviert. Danach sei sie über einen Feldweg in Richtung Klein Upahl weitergefahren, etwa 15 Kilometer südlich von Güstrow, und mit dem Jungen zu einem Tümpel gegangen.
Dort soll die Angeklagte plötzlich ein Messer mit einer mindestens zehn Zentimeter langen und mindestens 1,5 Zentimeter breiten Klinge gezogen haben. Laut Anklage stach sie mindestens sechsmal auf Brust und Oberkörper des Kindes ein. Zwei Stiche sollen direkt ins Herz gegangen sein. Fabian starb nach bisherigen Erkenntnissen noch am selben Tag zwischen 10.50 Uhr und 13.00 Uhr.
Um Spuren zu verwischen, soll die Frau den Leichnam noch am Nachmittag mit Brandbeschleuniger angezündet haben. Die Obduktion hatte ergeben, dass Fabian gewaltsam getötet wurde.
Vier Tage zwischen Hoffnung und Gewissheit
Nach dem Verschwinden des Jungen suchten zahlreiche Einsatzkräfte vier Tage lang nach dem Kind. Dabei kamen unter anderem Spürhunde, Boote und ein Hubschrauber zum Einsatz. Fabian galt als zuverlässig und nicht als Ausreißer. Seine Mutter hatte ihn am Abend des 10. Oktober als vermisst gemeldet, nachdem sie ihn nicht mehr in der Wohnung vorgefunden hatte.
Die Eltern lebten getrennt. Fabian wohnte bei seiner Mutter in Güstrow, hatte aber Kontakt zu seinem Vater, der in einem Dorf südlich der Stadt lebt. Zunächst war auch geprüft worden, ob der Junge sich womöglich auf den Weg zu seinem Vater gemacht hatte. Später stellte sich heraus, dass er zu diesem Zeitpunkt bereits tot war.
Gefunden wurde der Leichnam am 14. Oktober 2025 in einem Waldstück bei Klein Upahl. Nach aktuellem Stand hatte die inzwischen angeklagte Frau den Fund selbst gemeldet. Zunächst war öffentlich von einer Spaziergängerin als Finderin die Rede gewesen.
Umfangreiche Ermittlungen führten zur Festnahme
Nach Angaben der Staatsanwaltschaft verfolgten die Ermittler rund 1.000 Spuren. Nach dem Fund der Kinderleiche richtete die Kriminalpolizeiinspektion Rostock eine Mordkommission ein, der Fundort wurde mehrfach untersucht.
Am 5. November wurde der Fall außerdem in der ZDF-Sendung Aktenzeichen XY… ungelöst vorgestellt. Danach gingen mehr als 30 Hinweise bei der Polizei ein.
Einen Tag später durchsuchten rund 120 Polizeikräfte mehrere Objekte in Reimershagen und im Ortsteil Rum Kogel bei Güstrow im Landkreis Rostock. Dabei wurden mögliche Beweismittel sichergestellt. Die heute Angeklagte wurde wegen dringenden Mordverdachts festgenommen.
Ein Antrag der Verteidigung auf Entlassung aus der Untersuchungshaft blieb später ohne Erfolg. Die Anwälte hatten unter anderem darauf verwiesen, dass es aus ihrer Sicht keine handfesten Beweise gebe und die mutmaßliche Tatwaffe bislang nicht gefunden worden sei.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion