Letzte-Hilfe-Kurse sollen Sicherheit im Umgang mit Sterbenden geben
Wenn Menschen sich dem Lebensende nähern, verändern sie sich oft stark: Sie ziehen sich zurück, möchten keinen Besuch mehr, essen und trinken weniger und schlafen zunehmend. Mitunter wollen sie auch keine Berührungen mehr. Für Angehörige ist das häufig schwer auszuhalten. In solchen Situationen sei es wichtig, die Signale des Sterbenden zu respektieren, sagt Ingrid Stork, die in Trier Letzte-Hilfe-Kurse mit leitet. Wenn selbst Händchenhalten nicht mehr gewünscht sei, müsse man das akzeptieren.
Auch die Atmung verändere sich am Lebensende deutlich. Gerade Atempausen seien für Angehörige oft belastend. Zwar verlaufe das Sterben bei jedem Menschen anders, sagt Annika Robling vom Hospiz Trier. Eines gelte jedoch als besonders wichtig: Das Gehör sei häufig der letzte Sinn, der erhalten bleibe. Deshalb sollten Worte am Sterbebett mit Bedacht gewählt werden.
Gegen Angst und Unsicherheit
Die Kurse wollen Menschen ermutigen, Sterbende nicht allein zu lassen. Viele zögen sich aus Unsicherheit oder Angst vor dem Unbekannten zurück, sagt Stork. Genau hier setze das Angebot an.
Zu den Teilnehmenden gehören oft Menschen, die selbst gerade Schwerkranke begleiten. Eine Frau berichtet, ihre Mutter sei vor wenigen Monaten gestorben, zugleich begleite sie derzeit ihren schwer erkrankten Partner. Sie wünsche sich Austausch sowie praktische Hinweise von erfahrenen Fachleuten.
Auch andere kommen, um sich frühzeitig vorzubereiten. So erzählt eine Teilnehmerin, ihr Mann habe Alzheimer-Demenz im Anfangsstadium. Sie wolle sich darauf einstellen, was irgendwann kommen könnte. Eine weitere Frau sagt, sie habe bereits mehrere Menschen bis zu deren Tod begleitet und sei dennoch immer wieder unsicher, wie sich manche Situationen besser bewältigen ließen.

Wissen über das Sterben neu vermitteln
Nach Einschätzung der Kursleiterinnen wird über Tod und Sterben in der Gesellschaft zu wenig gesprochen. Während Erste-Hilfe-Kurse allgemein bekannt seien, gelte das für Letzte-Hilfe-Kurse längst nicht. Dabei gehöre das Sterben zum Leben dazu. Viel Wissen darüber, wie man Menschen in ihrer letzten Lebensphase begleitet, sei im Alltag verloren gegangen. Früher seien Menschen häufiger im familiären Umfeld gestorben.
Um dieses Wissen wieder zugänglich zu machen, bietet die gemeinnützige Organisation Letzte Hilfe Deutschland bundesweit Kurse an. Der erste fand 2015 in Schleswig statt. Inzwischen gibt es nach Angaben der Organisation rund 6.000 Kursleitende in Deutschland. Entwickelt wurde das Konzept vom Palliativ- und Notfallmediziner Georg Bollig, der die Auffassung vertritt, dass Letzte Hilfe ebenso wichtig sei wie Erste Hilfe.
In den etwa vierstündigen Kursen lernen Interessierte, wie sie auch ohne medizinische Ausbildung Menschen am Lebensende beistehen können. Das Konzept hat sich inzwischen international verbreitet und wird heute in fast 20 Ländern angeboten, darunter mehrere europäische Staaten, aber auch Brasilien und Australien. In Deutschland finden die Kurse nicht nur in Hospizen statt, sondern auch in Unternehmen oder in Cafés.
Bedürfnisse der Sterbenden im Mittelpunkt
Entscheidend sei, sich an den Wünschen des sterbenden Menschen zu orientieren, betont Robling. Wer Ruhe wolle, solle diese bekommen. Wenn jemand sich über sein Lieblingsessen freue oder noch einen Geburtstag feiern wolle, könne auch das wichtig sein. Ziel sei es, die verbleibende Zeit so gut wie möglich zu gestalten, auch wenn sie nicht immer leicht oder schön sei.
Zugleich wünschen sich immer mehr Menschen, zu Hause sterben zu können. Dafür gebe es verschiedene Hilfsangebote, erklärt Stork. Dazu zählt etwa die Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung (SAPV), bei der Fachkräfte und Ärzte die Versorgung in den eigenen vier Wänden unterstützen und rund um die Uhr erreichbar sind. Viele Angehörige wüssten jedoch gar nicht, dass es solche Möglichkeiten gibt.
Die Kurse informieren deshalb auch über regionale Anlaufstellen, Unterstützung nach dem Tod, Trauerbegleitung und Fragen rund um die Bestattung. Vorkenntnisse sind nicht erforderlich.
Kleine Gesten können viel bedeuten
Was Sterbenden noch guttun kann, hängt ganz von ihren Vorlieben ab. Nach Erfahrung von Robling werden etwa angenehme Düfte, Aromaöle oder sanfte Massagen oft als wohltuend erlebt. Auch die Mundpflege spiele eine große Rolle, weil der Mund am Lebensende häufig trocken sei.
Wenn es dem Wunsch des Betroffenen entspricht, könne man den Mund auch mit einem Schwämmchen befeuchten, das in Wasser, Tee, Kaffee oder sogar in ein Lieblingsgetränk getaucht wurde. Erlaubt sei, was Freude bereite und für Wohlbefinden sorge.
Stork betont, dass Angehörige keine Profis sein müssten, um Sterbende gut zu begleiten. Gerade in den letzten Tagen und Wochen sei es vor allem wichtig, dass jemand da sei, der es ehrlich gut meine.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber