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Krieg und Demokratie-Angst: Kinderwunsch bricht ein

Krieg, Klima, Demokratie: Warum immer mehr junge Erwachsene am Kinderwunsch zweifeln, dürfte viele überraschen.

02.09.2026, 11:17 Uhr

Der Wunsch nach Kindern unter jungen Erwachsenen in Deutschland ist einer Untersuchung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung zufolge erstmals seit vielen Jahren gesunken. Gleichzeitig nehmen Zukunftsängste infolge globaler Krisen zu.

Frauen wünschen sich demnach im Schnitt 1,7 Kinder, Männer 1,6. Damit liegt der Kinderwunsch weiterhin über der tatsächlichen Geburtenrate. Diese lag nach Angaben des Statistischen Bundesamts 2025 bei 1,32 Kindern pro Frau und damit nochmals niedriger als zuvor. Der seit 2017 beobachtete Rückgang habe sich seit 2022 deutlich verstärkt und setze sich fort.

Wunsch und Wirklichkeit

Noch höher liegt die Vorstellung von der idealen Kinderzahl. Unabhängig von Hindernissen halten Frauen und Männer zwischen 18 und 39 Jahren im Schnitt rund 2,2 Kinder für ideal. Zudem sehen 92 Prozent der Frauen und 93 Prozent der Männer ein Leben mit Kindern als Ideal an. Die Studie macht damit deutlich, dass junge Erwachsene oft weniger Kinder bekommen, als sie sich wünschen oder eigentlich für ideal halten.

Die Geburtenrate ist dabei ein statistischer Richtwert: Sie beschreibt, wie viele Kinder eine Frau im Durchschnitt bekäme, wenn das Geburtenverhalten eines Jahres über das gesamte gebärfähige Alter konstant bliebe. Es handelt sich also nicht um die tatsächliche Kinderzahl einzelner Frauen.

Europaweit sinkende Geburtenraten

Auch im europäischen Vergleich zeigt sich ein deutlicher Rückgang. Nach Angaben des Instituts sank die Geburtenrate in der Europäischen Union von 1,53 Kindern pro Frau im Jahr 2021 auf 1,34 im Jahr 2024 – der niedrigste Wert seit Bestehen der EU.

Deutschland liegt damit im europäischen Mittelfeld, sagte Forschungsdirektor Martin Bujard, Mitautor der Untersuchung. In ganz Europa seien die Geburtenraten in den vergangenen vier Jahren eingebrochen. Besonders niedrige Werte gebe es in Ländern nahe der Ukraine: In Polen, den baltischen Staaten und Finnland liege die Geburtenrate bei etwa 1,1 bis 1,2 Kindern pro Frau.

Kriege, Demokratie und Klimawandel als Sorgenfaktoren

Als größte Belastungen nennen junge Erwachsene vor allem Kriege und militärische Auseinandersetzungen. Spürbar gewachsen sind zudem die Sorgen über eine mögliche Schwächung der Demokratie.

Diese Zukunftssorgen beeinflussen nach Angaben der Wissenschaftlerin Miriam Trübner auch die Familienplanung. Sowohl bei Frauen als auch bei Männern gehen insbesondere die Angst vor einer Erosion demokratischer Strukturen sowie Sorgen wegen des Klimawandels mit einem geringeren Kinderwunsch einher.

Wie stark sich das auswirkt, bezifferte die Forscherin Carmen Friedrich: Bei Menschen mit großen Zukunftssorgen sinkt der Kinderwunsch statistisch um rund 10 Prozent. Bujard verwies zugleich darauf, dass nicht nur Krisen selbst, sondern auch ihre Wahrnehmung eine Rolle spielten – etwa durch Medienberichterstattung.

Arbeit, Wohnen und Angebote vor Ort

Neben Zukunftsängsten untersuchte das Institut auch, wie regionale Lebensbedingungen die Familienplanung beeinflussen. Dafür wurden 21- bis 31-Jährige befragt. Besonders zufrieden zeigten sich viele mit den Möglichkeiten zur Naturerholung. In Ostdeutschland fiel zudem die Zufriedenheit mit der Kinderbetreuung höher aus als in Westdeutschland.

Deutlich kritischer bewerteten die Befragten dagegen die Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten sowie das Wohnungsangebot. Gerade diese beiden Bereiche sind laut Studie aber besonders wichtig: Je zufriedener Menschen mit den regionalen Angeboten sind, desto wahrscheinlicher planen sie in den nächsten drei Jahren Kinder. Vor allem gute Jobchancen und ausreichend Wohnraum stehen demnach in einem positiven Zusammenhang mit der Familienplanung.

Nicht alle Ursachen erfasst

Die Forschenden betonen zugleich, dass der Kinderwunsch von weiteren Faktoren abhängt. Die Untersuchung konzentrierte sich vor allem auf Zukunftssorgen und Angebote vor Ort.

Hinzu kommt, dass nicht jeder unerfüllte Kinderwunsch auf persönliche Entscheidungen oder äußere Krisen zurückgeht. Nach Angaben des Bundesfamilienministeriums ist in Deutschland fast jedes zehnte Paar zwischen 25 und 59 Jahren ungewollt kinderlos und auf medizinische Hilfe angewiesen.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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