Im Schwimmbad, auf der Straße oder bei Partys: Mit Smart Glasses lassen sich unauffällig Fotos, Videos und Tonaufnahmen von anderen Menschen machen – oft, ohne dass Betroffene es merken. In Paris ermittelt die Staatsanwaltschaft inzwischen gegen Personen, die mit solchen Datenbrillen heimlich intime Aufnahmen anfertigen und online verbreiten. Auch in Deutschland stellt sich die Frage, wie groß das Problem ist und welche Gegenmaßnahmen denkbar sind.
Was sind Smart Glasses?
Smart Glasses sind Brillen mit eingebauter Kamera und Mikrofon. Äußerlich ähneln sie häufig normalen Seh- oder Sonnenbrillen. Gerade das macht Aufnahmen vergleichsweise unauffällig.
Wie verbreitet ist heimliches Filmen mit Smart Glasses?
Wie häufig solche Fälle tatsächlich vorkommen, lässt sich nur schwer beziffern, weil viele Aufnahmen ohne Wissen der Betroffenen entstehen. Aus Kölner Freibädern wurden etwa Verdachtsfälle bekannt. Die Bäderallianz Deutschland sagt, das Thema beschäftige die Betreiber durchaus. Zugleich sei das heimliche Filmen mit Smartphones derzeit nach Einschätzung von Sprecherin Ann-Christin von Kieter Schmidt noch das größere Problem.
Auch Hamburgs Datenschutzbeauftragter Thomas Fuchs hält versteckte Aufnahmen aktuell eher für ein Handy- als für ein Brillenthema, vor allem wegen der deutlich stärkeren Verbreitung von Smartphones. Er geht aber davon aus, dass die Zahl der Fälle mit Datenbrillen zunehmen dürfte.
Recherchen des SWR deuten zudem darauf hin, dass sich in sozialen Netzwerken und Onlineforen bereits Gruppen gebildet haben, in denen sich Nutzer von Smart Glasses Tipps geben, wie Frauen heimlich gefilmt werden können – sogar in sexuellen Situationen.
Warum werden Smart Glasses kritischer gesehen als Smartphones?
Ein zentraler Unterschied ist ihre Unauffälligkeit. Während ein Smartphone zum Filmen sichtbar in die Hand genommen und hochgehalten werden muss, fällt eine Brille als Aufnahmegerät oft kaum auf. Genau das macht sie aus Sicht von Kritikern problematischer.
Viele Modelle signalisieren eine laufende Aufnahme zwar mit einer kleinen Leuchte. Bei der Meta-Brille sitzt vorne eine weiße LED, die während einer Aufnahme blinkt. Kritiker bezweifeln jedoch, dass dieses Signal bei hellem Tageslicht oder aus größerer Entfernung zuverlässig erkannt wird.
Welche Maßnahmen gibt es bislang?
Eine bundesweit einheitliche Regelung gibt es bisher nicht. Allerdings existieren bereits einzelne Verbote. Öffentliche Schwimmbäder in Baden-Württemberg und in Potsdam wollen Smart Glasses ausdrücklich untersagen. Andere Bäder verweisen darauf, dass Fotografieren und Filmen laut Badeordnung ohnehin verboten ist. Teilweise werden auch Beschäftigte geschult, um solche Brillen besser zu erkennen.
Hamburg plant neben einem Verbot in städtischen Bädern auch Einschränkungen für Busse und Bahnen. Die dortige rot-grüne Koalition drängt zudem auf eine Regulierung auf Bundesebene.
Die Organisation HateAid verfolgt einen weitergehenden Ansatz und will den Verkauf solcher Brillen in Deutschland stoppen. Sie hat Strafanzeigen gegen Vorstände und Führungskräfte von Meta, gegen Brillenhersteller wie Ray-Ban und Oakley sowie gegen große Händler und Optikerketten wie MediaMarktSaturn, Fielmann, Apollo-Optik und Mister Spex eingereicht. Außerdem fordert HateAid strengere Vorgaben durch Bundesnetzagentur und Bundesjustizministerium.
Datenschützer Fuchs hält ein generelles Produktverbot jedoch für eher unwahrscheinlich. Stattdessen erwartet er mehr Nutzungsverbote an sensiblen Orten. Das könne besonders dort sinnvoll sein, wo Menschen wenig bekleidet und dadurch besonders verletzlich seien – etwa im Schwimmbad. Gleichzeitig fordert er, Hersteller stärker in die Pflicht zu nehmen, damit laufende Aufnahmen besser erkennbar werden. Unabhängig davon sei heimliches Filmen und Weiterverbreiten solcher Aufnahmen schon heute rechtswidrig und könne auch mit Bußgeldern geahndet werden.
Was spricht gegen pauschale Verbote?
Verbote können auch Menschen treffen, die auf solche Technik angewiesen sind. Nach Angaben der Bäderallianz haben sich in Köln bereits Badegäste beschwert, weil sie die teils verbotenen Brillen aus persönlichen Gründen benötigen. Fuchs verweist darauf, dass für Menschen mit Blindheit oder Behinderung Ausnahmen nötig sein können, wenn die Geräte ihnen bei Orientierung und Alltag helfen. Er vergleicht das mit Assistenzhunden, die ebenfalls an Orte mitgenommen werden dürfen, an denen Tiere sonst nicht erlaubt sind.
Auch Funktionen wie Live-Übersetzung können laut Stiftung Datenschutz für manche Nutzerinnen und Nutzer sehr hilfreich sein.
Ist ein Verbot der Geräte rechtlich möglich?
Nach Darstellung der Bundesnetzagentur ist ein pauschales Verbot der gesamten Produktkategorie Smart Glasses nicht vorgesehen – und rechtlich auch nicht ohne Weiteres möglich. Ob ein Verbot infrage kommt, wird jeweils im Einzelfall geprüft. Untersagt werden kann eine „getarnte Telekommunikationsanlage“ nur dann, wenn sie besonders für heimliche Bild- oder Tonaufnahmen bestimmt ist. Bei den bislang geprüften Geräten seien diese Voraussetzungen nicht erfüllt gewesen.
Wie reagieren die Hersteller?
Meta verweist darauf, dass die Datenbrillen bereits 2022 von der Bundesnetzagentur geprüft worden seien. Das Unternehmen betont, die in Europa entwickelten Modelle verfügten von Anfang an über Datenschutzvorkehrungen, die über das hinausgingen, was bei Smartphones üblich sei. Dazu zähle die hell blinkende LED während einer Foto- oder Videoaufnahme. Werde diese Leuchte abgedeckt oder beschädigt, werde die Kamera deaktiviert.
Meta-Manager Alex Himel sagte zudem, der Konzern nehme Missbrauch sehr ernst. Alle Brillen, bei denen das Anzeige-Licht manipuliert worden sei, seien deaktiviert worden. Betroffen gewesen seien weniger als 0,1 Prozent der Geräte.
Nach Unternehmensangaben durchsucht Meta außerdem Plattformen wie Instagram und Facebook nach Videos mit Belästigungen. Solche Inhalte würden gelöscht und die zugehörigen Konten gesperrt. Zugleich wolle der Konzern stärker bekannt machen, dass das Licht auf eine aktive Kamera hinweist. Aus Sicht des Unternehmens sei diese Anzeige deutlicher sichtbar als bei anderen Geräten, mit denen Aufnahmen gemacht werden können.
Auch der Hersteller Rokid erklärt, Aufnahmen würden durch ein Leuchtsignal angezeigt. Zudem sollten Nutzer andere Menschen selbst darauf hinweisen, wenn sie filmen. Wird die Kamera verdeckt, soll die Aufnahme ebenfalls gestoppt werden.
Meta bringt neue KI-Brille mit Kamera nach Deutschland
Mitten in der laufenden Datenschutz-Debatte bringt Meta zudem eine neue KI-Brille mit Kamera und kleinem Display nach Deutschland. Das Gerät soll knapp ein Jahr nach dem US-Start ab dem 13. Oktober in mehreren europäischen Ländern verfügbar sein.
Die Kameras der Brille dienen dabei nicht nur für Fotos und Videos. Sie sollen auch der KI von Meta vermitteln, was Nutzer gerade sehen, damit Antworten daran angepasst werden können. Auch bei diesem Modell zeigt ein helles Licht an, wenn die Kamera aktiv ist.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber