Auf dem früheren Flughafen Tegel in Berlin richtet eine Gruppe junger Menschen am Sonntagabend ihre Ferngläser in den Himmel. Sätze wie „Ist das ein Rotmilan?" oder „Dort fliegt ein Reiher!" wirken für viele Jugendliche ungewöhnlich – für diese Zehn nicht. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind zwischen 12 und 26 Jahre alt und kennen sich mit Vögeln bestens aus.
„Seit ich im Young Birders Club bin, bin ich fast jedes Wochenende draußen", erzählt der 12-jährige Ole. „Birding" ist die modern klingende Bezeichnung für Vogelbeobachtung. Bundesweit gibt es beim Nabu nur wenige solcher Nachwuchsgruppen. In Berlin ist Ole das jüngste Mitglied. Dass seine Freunde ihn wegen der frühen Startzeiten manchmal für etwas verrückt halten, nimmt er gelassen.
Die Jugendlichen widerlegen damit ein altes Vorurteil: Vogelbeobachtung ist längst nicht mehr nur ein Hobby älterer Männer in Outdoor-Kleidung. Auf Instagram und YouTube zeigen inzwischen viele junge Naturfans ihre Sichtungen, erklären Arten und tauschen sich online aus. Über Apps werden besondere Beobachtungen gemeldet und gemeinsame Exkursionen organisiert.
Wie beliebt das Hobby geworden ist, zeigt auch ein Blick nach Großbritannien: Dort zählt Vogelbeobachtung laut einer vom „Guardian" aufgegriffenen Studie zu den am schnellsten wachsenden Freizeitbeschäftigungen der Generation Z – nur Schmuckbasteln legt noch stärker zu. Demnach beobachten fast 750.000 junge Menschen regelmäßig Vögel.
Vogelbeobachtung wird jünger – und weiblicher
Für Deutschland gibt es zwar keine vergleichbaren Zahlen, doch der Trend ist klar. „Das Durchschnittsalter sinkt auf jeden Fall", sagt Christopher König vom Dachverband Deutscher Avifaunisten. Früher habe dem Hobby das Image angehaftet, eine Nische für ältere Männer zu sein. Heute stoße es zunehmend auch bei jungen Leuten auf Interesse. Zudem wachse der Anteil der Frauen.

Auf dem Tegeler Gelände baut die 18-jährige Cora ihr Spektiv auf. Meist geht sie mindestens einmal pro Woche auf Tour – mit Kamera, Fernglas und Aufnahmegerät für Vogelstimmen. Auf dem Handy hat sie ein äußerst detailliertes Bestimmungsbuch für europäische Vögel gespeichert, allerdings in niederländischer Sprache.
Ihr Weg zum Birding begann mit einem allgemeinen Interesse an der Natur. Ein geschenktes Fernglas und die Corona-Zeit, in der viel Zeit für Aktivitäten im Freien blieb, gaben den Ausschlag. Auch Charlotte, ebenfalls 18, entdeckte während der Pandemie ihre Begeisterung für Natur und Vogelwelt. Für sie ist das Hobby vor allem eine schöne Möglichkeit, draußen zu sein – und zugleich ein Gegenpol zum Smartphone.
Tatsächlich bleiben die Handys während der rund dreieinhalbstündigen Exkursion meist in den Taschen. Nur wenn jemand einen Vogel entdeckt, wird die Unterhaltung von aufgeregten Rufen und schnellen Gesten unterbrochen.
Nicht jede Sichtung sorgt für einen Höhepunkt. Manchmal entpuppt sich ein vermeintlicher Greifvogel bei genauerem Hinsehen bloß als Taube. Doch es gibt auch besondere Momente. Als Gruppenleiter Manuel Tacke plötzlich „Stopp, eine Weihe!" ruft, schnellen alle Ferngläser nach oben. Theo versucht den Vogel mit seiner Kamera samt großem Teleobjektiv einzufangen. Später steht fest: Es war eine Wiesenweihe – ein äußerst seltener Brutvogel, der in Berlin fast nie zu sehen ist.
Natur als Ruhepol in unruhigen Zeiten
Dass Birding gerade bei jungen Menschen gut ankommt, hat für Laura Muschiol, Co-Leiterin des Young Birders Clubs, auch mit dem Wunsch nach etwas Greifbarem und Beständigem zu tun. In einer hektischen und belastenden Welt sei es wohltuend, draußen zu sein und zu erleben, dass manches verlässlich wiederkehrt. Der Vogel im Park sei auch in diesem Jahr wieder da – unabhängig davon, was gerade in den Nachrichten passiere. Das habe etwas Tröstliches.
Die Jugendlichen treffen sich nicht nur zu gemeinsamen Beobachtungstouren. Viele machen auch bei bundesweiten Monitoring-Projekten mit. Eine wichtige Plattform dafür ist ornitho.de, die vom Dachverband Deutscher Avifaunisten betrieben wird. Dort können auch Hobby-Ornithologinnen und -Ornithologen ihre Beobachtungen eintragen – möglichst mit Foto oder Tonaufnahme. Unterwegs ist das auch per App möglich. Rund 500 Regionalkoordinatoren prüfen die Meldungen anschließend auf Plausibilität.
Zehntausende Meldungen an guten Tagen
„Wir freuen uns sehr über den großen Zuspruch", sagt König. Im vergangenen Jahr hätten sich allein 6.000 neue Nutzerinnen und Nutzer bei Ornitho registriert – ein Höchststand. Bei gutem Wetter gingen an einzelnen Tagen mehr als 100.000 Meldungen ein. Besonders seit der Corona-Pandemie sei ein deutlicher Zulauf zu beobachten, und die Begeisterung habe danach nicht nachgelassen.
Für die Wissenschaft sind diese Daten äußerst wertvoll. Neben offiziellen Erhebungen helfen die Beobachtungen von Freiwilligen dabei, Veränderungen in Vogelbeständen frühzeitig zu erkennen. Gerade Arten der Agrarlandschaften hätten in Deutschland große Probleme, erklärt König. Zu den besonders stark zurückgegangenen Arten zählen etwa Rebhuhn, Feldlerche und Kiebitz.
Die Berliner Nachwuchs-Birder entdecken auf ihrer Tour bis zum Schluss zwei Kiebitze. Insgesamt umfasst ihre Liste 45 Arten – darunter sieben Mauersegler, 150 Nebelkrähen, fünf Braunkehlchen als stark gefährdete Art, sechs Steinschmätzer, zwei Schwarzmilane und einen Girlitz. Alle Beobachtungen werden selbstverständlich online gemeldet.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion