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Chat mit Jesus? So weit geht die Kirche mit KI

Jesus per Videocall, Luther im Chat: KI erobert den Glauben – und der Papst zieht eine klare Grenze.

11.05.2026, 04:00 Uhr

Die christliche Überlieferung ist in diesem Punkt klar: Nach seiner Auferstehung kehrte Jesus in den Himmel zurück. Daran erinnert der Feiertag Christi Himmelfahrt am kommenden Donnerstag, dem 14. Mai. Rund 2.000 Jahre später eröffnet jedoch die Künstliche Intelligenz neue, irritierende Möglichkeiten: Jesus-Avatare, die in kostenpflichtigen Videochats auftreten, oder Chatbots, die angeblich im Namen des Gottessohnes antworten. Für die einen mag das faszinierend wirken, für andere eher befremdlich.

Zwischen Spielerei und ernstem Problem

Der evangelische Theologe Florian Höhne, Professor für Medienkommunikation, Medienethik und Digitale Theologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen, sieht darin zunächst einen spielerischen Umgang mit KI. Gleichzeitig warnt er davor, diesen Eindruck zu unterschätzen. Gerade in solchen Experimenten könnten neue religiöse und kommunikative Formen entstehen, die künftig an Bedeutung gewinnen. Deshalb müsse man genau hinsehen.

Nach Höhnes Einschätzung liegt das Problem vor allem in der besonderen Autorität, die einer solchen Technik zugeschrieben werden kann. Die Worte Jesu seien im Neuen Testament fest überliefert. Wenn nun ein Avatar als Jesus auftrete, spreche in Wahrheit eine fehleranfällige KI aus einer Position höchster Autorität. Menschen könnten die Antworten leicht als echte Worte Jesu verstehen. Genau darin liege die Gefahr: Einer Technik werde religiöse Autorität verliehen, die ihr nicht zukomme.

Wenn KI Bibelauslegung als Jesus-Wort ausgibt

Besonders heikel wird es laut Höhne bei ethischen Fragen. Würde jemand einen Jesus-Avatar etwa nach der Bewertung gelebter Homosexualität fragen, müsste eine KI, die sich ausschließlich auf die in der Bibel überlieferten Jesus-Worte stützt, eigentlich eingestehen, dazu nichts sagen zu können. Wurde das System jedoch zusätzlich mit bestimmten theologischen Strömungen oder heutigen Predigttraditionen trainiert, kann es passieren, dass der Avatar Antworten liefert, die eher aktuelle Auslegungen widerspiegeln als historische Jesus-Worte. Das sei äußerst problematisch.

Papst Leo XIV.
Papst Leo äußert sich immer wieder kritisch zur KI. (Archivbild) Quelle: Gregorio Borgia/AP/dpa

Umso wichtiger sei deshalb Medienbildung. Nutzer müssten verstehen, wie solche Systeme funktionieren: Es handle sich um von Menschen entwickelte und trainierte Maschinen, die nach technischen Mustern Antworten erzeugen. Höhne betont, dass darin weder Gottes Stimme noch die Stimme Jesu oder irgendeiner biblischen Gestalt zu hören sei, sondern lediglich ein menschengemachtes System.

Auch aus dem Vatikan kommen Warnungen

Im Vatikan dürfte man einem KI-generierten Jesus-Avatar ebenfalls mit großer Zurückhaltung begegnen. Papst Leo XIV. mahnte Priester zuletzt deutlich, Predigten nicht von KI verfassen zu lassen. Wie italienische Medien unter Berufung auf ein vertrauliches Treffen mit Geistlichen des Bistums Rom berichteten, sagte der Papst, eine echte Predigt bedeute, den Glauben persönlich zu teilen. Eine Maschine könne das nicht leisten.

Das Thema beschäftigt Leo XIV. seit Beginn seines Pontifikats. Im Vatikan gibt es dafür sogar einen eigenen Berater: den Franziskaner Paolo Benanti, der bereits unter Papst Franziskus mit dieser Aufgabe betraut wurde. Leo greift in Reden und öffentlichen Auftritten immer wieder die Chancen, aber vor allem auch die Risiken von KI auf.

"Ihr seid reale Menschen"

Bei seiner jüngsten Afrika-Reise forderte der Papst Studierende dazu auf, die Entwicklung von KI kritisch zu begleiten. Die Technologie beeinflusse zunehmend das geistige und soziale Leben. Deshalb reiche technisches Wissen allein nicht aus; nötig sei auch ein humanistischer Blick auf ihre Folgen. In digitalen Räumen drohe die persönliche Begegnung an Bedeutung zu verlieren. Dagegen setzte Leo eine klare Mahnung: Menschen seien keine virtuellen Wesen, sondern reale Personen.

Schon zu Beginn seines Pontifikats im Mai des Vorjahres hatte er das Thema weit oben auf die kirchliche Agenda gesetzt. Er wirbt für ein verantwortliches Verhältnis zwischen Mensch und Technik, das die Gefahren der KI nicht ausblendet.

Theologie sieht tiefgreifende Veränderungen

Auch aus theologischer Sicht geht es um weit mehr als bloße Technik. Der Würzburger Religionspädagoge Johannes Heger beschreibt KI als eine Form gesellschaftlicher Disruption, also als tiefgreifende Erschütterung bestehender Zusammenhänge. Das betreffe auch Religion.

Zwar könne die Theologie auf praktischer Ebene von vielen KI-Anwendungen profitieren. Entscheidend sei aus Hegers Sicht aber die grundsätzliche Frage, was mit Religion in einer von KI geprägten Kultur geschieht. Wenn mediale Inhalte in Sekundenschnelle erzeugt werden können, losgelöst von Wirklichkeit und Wahrheit, stelle sich neu, worauf Menschen noch vertrauen können.

Solche Entwicklungen berührten das Selbst- und Weltverständnis ebenso wie das gesellschaftliche Zusammenleben. Genau deshalb seien sie auch ein zentrales Thema der Theologie.

Enzyklika zur KI in Vorbereitung

Aus der katholischen Kirche könnte bald eine offizielle Grundsatzposition zur KI kommen. Im ersten großen Lehrschreiben von Papst Leo XIV. soll sich Berichten zufolge alles um dieses Thema drehen. Der Arbeitstitel der Enzyklika lautet demnach Magnifica humanitas („Die großartige Menschheit“). Erwartet wird ein Text, der eindringlich vor möglichen negativen Folgen der Künstlichen Intelligenz warnt.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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