Menschen in Europas Städten spüren die Folgen des Klimawandels bereits deutlich. Laut dem "2026 Europe Cities Report" der Fachzeitschrift The Lancet ist die hitzebedingte Sterblichkeit in Städten zwischen 2015 und 2024 im Vergleich zum Zeitraum 1991 bis 2000 im Schnitt um 82 Todesfälle je eine Million Einwohner gestiegen. Verfasst wurde die Untersuchung von einem internationalen Forschungsteam um Cathryn Tonne und José Chen-Xu von ISGlobal in Barcelona.
Besonders stark betroffen ist Südeuropa. In Deutschland zeigen sich die Folgen vor allem durch eine stärkere Belastung mit allergieauslösenden Pollen, ein höheres Risiko durch Vibrio-Bakterien sowie durch den Rückgang des Baumbestands in Städten.
Städte als Schlüssel im Kampf gegen den Klimawandel
Nach Ansicht der Autoren kommt Städten bei der Bewältigung der Klimakrise eine zentrale Bedeutung zu. Sie könnten durch Anpassungs- und Klimaschutzmaßnahmen widerstandsfähige, emissionsärmere Lebensräume schaffen, die Wirtschaft stärken und zugleich die Gesundheit der Bevölkerung fördern.
Für die Analyse wurden Daten von Eurostat ausgewertet, aufbereitet und mit weiteren Quellen ergänzt. Anhand von 28 Indikatoren untersuchten die Forschenden klimabedingte Entwicklungen mit Gesundheitsbezug in mehr als 800 europäischen Städten.
Das Ergebnis: In 98,7 Prozent der untersuchten Städte nahm die hitzebedingte Sterblichkeit im Zeitraum 2015 bis 2024 gegenüber 1991 bis 2000 zu. In Westeuropa, zu dem auch Deutschland zählt, lag der durchschnittliche Zuwachs bei 64 zusätzlichen Todesfällen pro eine Million Einwohner. In Südeuropa waren es 132 Todesfälle mehr, was einem Plus von 161 Prozent entspricht.
Mehr Belastung durch Rauch und neue Infektionsrisiken
Auch die Zahl der Tage, an denen Stadtbewohner giftigem Rauch von Vegetations- und Flächenbränden ausgesetzt waren, ist gestiegen. Zwischen 2003 und 2023 nahm diese Belastung in knapp 10 Prozent der Städte zu, während sie in rund 4 Prozent zurückging. Europaweit ergibt sich ein Anstieg von sieben Prozent. Vor allem Städte in Süd- und Osteuropa waren davon betroffen.
Das wärmere Klima begünstigt zudem die Ausbreitung von Krankheiten, die lange als typische Tropenkrankheiten galten. Ursache ist, dass übertragende Mückenarten zunehmend auch in Europa geeignete Lebensbedingungen finden. Das durchschnittliche Risiko einer Übertragung von Dengue-Fieber stieg in europäischen Städten zwischen 2015 und 2024 im Vergleich zu 1981 bis 2010 um 111 Prozent. Besonders deutlich fiel der Anstieg in Osteuropa mit 369 Prozent aus, gefolgt von Westeuropa mit 159 Prozent. Vergleichbare Entwicklungen wurden auch bei Chikungunya- und Zika-Viren festgestellt.
Für Deutschland weist die Studie zudem auf ein wachsendes Risiko durch nicht choleraauslösende Vibrio-Bakterien hin. Die Übertragungswahrscheinlichkeit lag zwischen 2015 und 2024 um 60 Prozent höher als im Zeitraum 1982 bis 2010. Diese Bakterien kommen vor allem in warmem Salzwasser vor, weshalb insbesondere Küstenstädte an Nord- und Ostsee betroffen sind. Dass sich Vibrionen inzwischen auch dort stärker vermehren können, zeigt laut Studie, dass klimabedingte Gesundheitsgefahren längst nicht nur den Süden Europas betreffen.
Deutsche Städte zunehmend von Pollen belastet
Wie viele andere Städte in Nord- und Westeuropa sind auch deutsche Städte stärker von Pollenflug betroffen. Besonders deutlich zeigt sich das bei Birkenpollen, die bei vielen Menschen Allergien auslösen. Zwischen 2015 und 2024 war die Belastung in Westeuropa deutlich höher als in den Jahren 1991 bis 2000. Genannt werden unter anderem Berlin mit einem Anstieg von 66 Prozent und Brüssel mit 82 Prozent. In Teilen Osteuropas lag das Plus sogar bei mehr als 100 Prozent. Ähnliche Zunahmen registrierte die Studie bei Olivenpollen in Spanien und Erlenpollen in Osteuropa.
Weniger Bäume in deutschen Städten
Dabei spielen Bäume eine wichtige Rolle, um Städte an den Klimawandel anzupassen. Laut Studie erfüllen Stadtbäume zentrale Ökosystemfunktionen: Sie kühlen die Umgebung, verbessern die Luftqualität und fördern das psychische Wohlbefinden.
Umso problematischer ist nach Einschätzung der Autoren, dass die Baumbedeckung in deutschen Städten zwischen 2000 und 2020 im Durchschnitt um knapp zwei Prozent zurückgegangen ist. Die Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen für Europa empfiehlt einen Mindestwert von 30 Prozent Baumkronendeckung. Dieses Ziel erreichen in Europa jedoch nur 14 Prozent der Städte.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber