Das Klimaphänomen El Niño gewinnt derzeit deutlich an Stärke und könnte nach Einschätzung von Fachleuten sogar Ausmaße erreichen, wie sie seit Beginn der Messungen noch nicht beobachtet wurden. Welche unmittelbaren Folgen das für Europa haben wird, ist nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes (DWD) bislang offen. In anderen Teilen der Welt könnten Menschen und Landwirtschaft jedoch erheblich stärker betroffen sein – mit möglichen Auswirkungen auch auf Preise in Deutschland.
Der DWD berichtet, dass sich im Pazifik eines der kräftigsten El-Niño-Ereignisse seit Beginn der Aufzeichnungen entwickelt. Vor allem im zentralen und östlichen Pazifik, der für die Entstehung des Phänomens entscheidend ist, lagen die Temperaturen an der Meeresoberfläche im Juli deutlich über dem langjährigen Durchschnitt.
Unterschiedliche Folgen weltweit
Besonders stark betroffen sein könnten nach DWD-Angaben Regionen in Amerika, Australien, Asien und Afrika. Während in manchen normalerweise trockenen Gebieten mit starken Regenfällen zu rechnen ist, bringt El Niño anderen Gegenden oft ausgeprägte Dürreperioden.
Europa wohl eher indirekt betroffen
Für Europa fallen die Auswirkungen eines starken El Niño in der Regel wesentlich schwächer aus. Grund dafür ist die große Entfernung zum tropischen Pazifik. Nach Einschätzung des DWD sind hier vor allem indirekte Effekte denkbar, etwa durch Veränderungen in der großräumigen atmosphärischen Zirkulation. Welche konkreten Folgen das haben könnte, lasse sich derzeit jedoch noch nicht verlässlich vorhersagen.

Der Gießener Wissenschaftler Armin Bunde, der sich selbst mit der Berechnung von El-Niño-Ereignissen befasst hat, verweist ebenfalls auf mögliche indirekte Konsequenzen. Schlechte Ernten im Pazifikraum könnten demnach dazu führen, dass Produkte wie Zucker, Kaffee oder Kakao teurer werden.
Einschränkungen am Panamakanal
Bereits absehbar sind auch Folgen für den Schiffsverkehr durch den Panamakanal. Die Verwaltung der wichtigen Wasserstraße zwischen Atlantik und Pazifik kündigte an, die Zahl der buchbaren Durchfahrten ab September schrittweise leicht zu reduzieren. Trotz der laufenden Regenzeit und bereits eingeführter Sparmaßnahmen beim Wasser seien zusätzliche Vorsorgeschritte nötig, um die Auswirkungen von El Niño abzufedern. Hintergrund ist, dass der Kanal mit Schleusen arbeitet und bei jeder Passage Süßwasser ins Meer verloren geht.
Mögliches Rekordereignis
Nach Angaben der US-Klimabehörde NOAA verstärkt sich El Niño weiter. Mit einer Wahrscheinlichkeit von mehr als 90 Prozent dürfte sich das Phänomen in den kommenden Monaten zu einem "sehr starken" Ereignis entwickeln – der höchsten von vier Kategorien. Sogar ein Rekord ist möglich: Für den Zeitraum von Oktober bis Dezember 2026 sieht die NOAA eine Wahrscheinlichkeit von 69 Prozent für ein historisches Ereignis, das alle seit 1950 erfassten El-Niño-Phasen übertreffen könnte.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber