Diebstahlschäden im deutschen Einzelhandel erreichen neuen Höchststand
Die Verluste durch Diebstahl im deutschen Einzelhandel sind 2025 erneut gestiegen – bereits das vierte Jahr in Folge. Nach einer Untersuchung des EHI Retail Institute wurden Waren im Wert von mehr als 4,3 Milliarden Euro entwendet. Das sind 3,1 Prozent mehr als im Vorjahr und zugleich so viel wie noch nie.
Besonders gefragt bei Dieben sind nach Angaben der Studie unter anderem Spirituosen, Zigaretten und Kaffee. Als besonders problematisch gilt der organisierte und gewerbsmäßige Diebstahl. EHI-Experte Frank Horst warnt zudem vor einer besorgniserregenden Entwicklung beim klassischen Ladendiebstahl durch Kunden. Auch die Gewaltbereitschaft nehme zu: Beschäftigte würden häufiger angegriffen, Täter träten immer aggressiver auf. Sicherheitsdiensten werde inzwischen teils sogar das Tragen stichfester Westen empfohlen.
Für 2026 erwartet Horst jedoch keinen automatischen weiteren Anstieg. Wenn sich politische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen nicht deutlich verschlechtern, könnte sich die Lage stabilisieren. Auch bessere Schutzmaßnahmen dürften bremsend wirken.
So verteilen sich die Schäden
Der größte Teil der Verluste entfiel mit rund 3,05 Milliarden Euro auf Kundendiebstahl. Etwa ein Drittel davon wird organisierten Gruppen zugerechnet. Schäden durch eigene Mitarbeiter summierten sich auf 910 Millionen Euro. Weitere 370 Millionen Euro gehen laut Studie auf das Konto von Beschäftigten externer Firmen, etwa aus Lieferdiensten, Reinigung oder Handwerk.

Seit 2020 nahmen die Diebstahlschäden insgesamt um knapp 29 Prozent zu. Beim Kundendiebstahl lag das Plus sogar bei gut 41 Prozent. Als ein Grund gilt die starke Teuerung: Die Verbraucherpreise stiegen in diesem Zeitraum um mehr als 20 Prozent, Lebensmittel verteuerten sich sogar um rund 35 Prozent.
Noch höher liegen die gesamten sogenannten Inventurdifferenzen – also alle Verluste im Einzelhandel einschließlich organisatorischer Fehler wie falscher Preisauszeichnungen. Sie wuchsen 2025 um 3,2 Prozent auf 5,11 Milliarden Euro, ebenfalls ein Rekordwert. Im Durchschnitt verlieren Händler damit etwa ein Prozent ihres Umsatzes. Dem Staat entgehen nach EHI-Schätzung dadurch jährlich rund 590 Millionen Euro an Umsatzsteuer.
Für die Untersuchung befragte das Institut 103 Unternehmen mit zusammen 21.225 Filialen. Auf dieser Basis wurden die Angaben auf den gesamten Markt übertragen.
Mögliche Ursachen
Nach Einschätzung von Frank Horst spielen die gestiegenen Lebenshaltungskosten eine wichtige Rolle. Viele Händler sehen Verbraucher und Beschäftigte finanziell stärker unter Druck, was mehr Gelegenheitsdiebstähle begünstigen könne. Hinzu komme Personalmangel, der Straftaten erleichtere.
Der Handelsverband Deutschland nennt weitere Gründe: sinkender Respekt vor fremdem Eigentum, geringere Bindung an Regeln und Schwächen bei Strafverfolgung und Justiz. Besonders kritisch bewertet der Verband die zunehmende Professionalität organisierter Banden. Laut HDE würden teils gezielt Warenlisten abgearbeitet, die aus dem kriminellen Milieu kämen.
Selbstbedienungskassen tragen nach EHI zwar zu höheren Verlusten bei, gelten aber nicht als Hauptursache des Anstiegs. Ihr Anteil sei bislang zu klein. Zudem gehe ein großer Teil der dort nicht bezahlten Artikel auf Bedienfehler zurück.
Welche Waren besonders oft gestohlen werden
Je nach Branche unterscheiden sich die begehrten Produkte deutlich:
- Lebensmitteleinzelhandel: Alkohol, Tabakwaren, Kaffee, Rasierklingen, Parfüm, Energydrinks, Schreibwaren, Zeitschriften, Babynahrung, Batterien, Fleisch, Wurst, Käse, Nüsse, Öle und Schokolade
- Drogeriemärkte: Düfte, Kosmetik wie Lippen- und Kajalstifte, Babynahrung sowie Rasierklingen
- Modehandel: Jeans, Schuhe, Unterwäsche, T-Shirts, Hemden sowie Accessoires wie Gürtel, Schals, Brillen, Modeschmuck, Lederjacken, Kleinlederwaren, Handtaschen und Sneaker
- Unterhaltungselektronik: Konsolen- und Videospiele, Speichermedien, Smartphones samt Zubehör, Bluetooth-Kopfhörer, Druckerpatronen und kleinere Elektrogeräte
- Baumärkte: Akku-Werkzeuge, hochwertige Handwerkzeuge, Zubehör, digitale Messgeräte, Installationsmaterial, Akkus, Ladegeräte, LED-Leuchten und Armaturen
Häufig handelt es sich um kleine, aber teure Artikel, die leicht verborgen werden können. Bei manchen Produkten spielt zudem die gute Wiederverkäuflichkeit eine wichtige Rolle.
Warum die Zahl der Anzeigen trotzdem sinkt
Nach der Polizeilichen Kriminalstatistik wurden 2025 während der Ladenöffnungszeiten 383.096 Ladendiebstähle durch Kunden angezeigt – ein Rückgang um 5,4 Prozent. Fast die Hälfte der Tatverdächtigen hatte demnach keine deutsche Staatsangehörigkeit.
Experten halten die Aussagekraft dieser Zahlen allerdings für begrenzt. Nach Einschätzung des EHI bleibt der weitaus größte Teil der Fälle unentdeckt oder wird gar nicht erst gemeldet. Mehr als 98 Prozent der Taten würden weder erkannt noch angezeigt. Rechnerisch seien 2025 rund 24,8 Millionen Diebstähle unbemerkt geblieben – mit einem durchschnittlichen Warenwert von 123 Euro pro Fall. Selbst wenn Taten auffallen, verzichten viele Unternehmen auf eine Anzeige, weil Verfahren häufig eingestellt würden und der Aufwand hoch sei.
Wie Händler reagieren
Viele Handelsunternehmen sprechen öffentlich nur ungern über das Problem. Intern wird jedoch kräftig investiert. Laut EHI gab die Branche 2025 rund 1,7 Milliarden Euro für Präventionsmaßnahmen aus, etwa für Schulungen, Videoüberwachung oder Ladendetektive. Weitere 1,6 Milliarden Euro flossen in interne Sicherheitsarbeit wie Kameraauswertungen und Bestandskontrollen. Insgesamt beliefen sich die Kosten damit auf 3,3 Milliarden Euro – vor fünf Jahren waren es noch 2,6 Milliarden Euro.
Zunehmend werden besonders begehrte Waren in verschlossenen Vitrinen aufbewahrt und nur auf Nachfrage herausgegeben. Teilweise setzen Händler auch auf unsichtbare Sicherungen in Regalen. Bei Kaffee etwa kann ein Alarm ausgelöst werden, wenn mehrere Packungen gleichzeitig entnommen werden.
Der Edeka-Kaufmann und Präsident des Bundesverbands des Deutschen Lebensmittelhandels, Björn Fromm, berichtete, dass er in einem Markt durch zusätzliche Kameras und mehr Sicherheitspersonal die Verluste 2025 um mehrere zehntausend Euro pro Jahr senken konnte. Zwar seien die Maßnahmen deutlich teurer gewesen, dennoch halte er sie für notwendig. Aus seiner Sicht erkennen Täter sehr genau, wo Diebstahl besonders leicht möglich ist.
Was der Handel von der Politik verlangt
Der Handelsverband Deutschland fordert ein härteres Vorgehen. Ladendiebstahl müsse konsequent verfolgt und spürbar sanktioniert werden. In vielen Unternehmen schwinde das Vertrauen in Polizei und Justiz, sagte HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. Ermittlungsbehörden und Gerichte müssten personell und technisch besser ausgestattet werden. Außerdem verlangt der Verband, die Mindeststrafe für bandenmäßig organisierten Diebstahl auf ein Jahr Freiheitsstrafe anzuheben.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber