Deutsche Wirtschaft wächst überraschend trotz Belastungen
Die deutsche Wirtschaft hat im dritten Quartal 2026 unerwartet zugelegt. Wie aus vorläufigen Berechnungen des Statistischen Bundesamtes hervorgeht, stieg das Bruttoinlandsprodukt gegenüber dem Vorquartal um 0,2 Prozent. Trotz der Folgen des Iran-Kriegs und des extremen Niedrigwassers im Sommer setzte sich damit die wirtschaftliche Erholung fort. Nach mehreren schwachen Jahren verdichten sich die Anzeichen, dass 2026 ein Jahr mit soliderem Wachstum werden könnte.
Viele Fachleute hatten für die Monate von Juli bis September eher mit Stillstand gerechnet, nicht zuletzt wegen der wirtschaftlichen Folgen der niedrigen Wasserstände. Umso positiver fiel die Reaktion auf die neuen Zahlen aus. Aus Sicht mehrerer Ökonomen läuft die Konjunktur derzeit robuster als zunächst angenommen.
Privater Konsum stützt die Konjunktur
Vor allem die Verbraucherinnen und Verbraucher sorgten im Sommerquartal für einen positiven Impuls. Nach Angaben der Statistiker nahmen die Konsumausgaben leicht zu. Damit erwies sich der private Verbrauch als wichtigster Wachstumsmotor.
Ökonomen verweisen darauf, dass die höheren Energiekosten die Ausgabenbereitschaft der Haushalte bislang nicht vollständig ausgebremst haben. Dennoch bleiben die Belastungen durch teureres Tanken und Heizen für viele Menschen deutlich spürbar.
Weniger erfreulich entwickelten sich dagegen andere Bereiche der Wirtschaft. Die Investitionen gingen nach vorläufigen Erkenntnissen zurück. Auch die deutschen Exporte verloren an Schwung. Während das Auslandsgeschäft in der ersten Jahreshälfte noch kräftig gewachsen war, ließ die Dynamik im dritten Quartal merklich nach.

Niedrigwasser bremste, stoppte den Aufschwung aber nicht
Das außergewöhnlich niedrige Wasser auf wichtigen Flüssen, vor allem auf dem Rhein, hatte die wirtschaftliche Entwicklung im Sommer gebremst. Die eingeschränkte Binnenschifffahrt traf insbesondere Branchen wie Chemie und Stahl. Dennoch reichte diese Belastung nicht aus, um das Wachstum vollständig zum Erliegen zu bringen.
In den beiden Quartalen zuvor war die Wirtschaft bereits um 0,4 Prozent beziehungsweise 0,3 Prozent gewachsen. Dass nun auch im Sommerquartal ein Plus erreicht wurde, zeigt eine gewisse Stabilität der konjunkturellen Erholung.
Leichte Entspannung am Arbeitsmarkt
Auch vom Arbeitsmarkt kamen zuletzt vorsichtig positive Signale. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit sank die Zahl der Arbeitslosen im Oktober saisonbereinigt gegenüber dem Vormonat um 40.000 auf 2,955 Millionen. Die Arbeitslosenquote verringerte sich auf 6,3 Prozent.
Allerdings fällt der Rückgang aus Sicht der Bundesagentur eher verhalten aus. Die wirtschaftlichen Bedingungen seien weiterhin nicht stark genug, um den Arbeitsmarkt spürbar zu beleben. Im Vergleich zum Oktober des Vorjahres lag die Zahl der Arbeitslosen sogar um 44.000 höher.
Hoffnung auf einen starken Jahresausklang
Dass die deutsche Wirtschaft nun bereits das vierte Quartal in Folge wächst, nährt die Hoffnung auf ein Ende der längeren Schwächephase. Für das Schlussquartal 2026 rechnen viele Fachleute mit einem weiteren deutlichen Zuwachs.
Unterstützt wird diese Erwartung durch eine bessere Stimmung in den Unternehmen. Laut Ifo-Institut hat sich das Geschäftsklima inzwischen den sechsten Monat in Folge verbessert. Auch die Aussichten für das Exportgeschäft werden wieder günstiger eingeschätzt als noch in den vergangenen Jahren.
Die Bundesregierung rechnet für das Gesamtjahr mit einem Wachstum von 1,3 Prozent. Andere Prognosen liegen sogar leicht darüber. Zum Vergleich: 2025 war die Wirtschaftsleistung nur um 0,2 Prozent gestiegen, nachdem Europas größte Volkswirtschaft zuvor zwei Jahre hintereinander geschrumpft war.
Inflation bleibt ein Risiko
Trotz der besseren Konjunkturdaten steht der private Konsum weiter unter Druck. Volkswirte gehen davon aus, dass die Inflation zunächst hoch bleiben dürfte. Hauptgrund ist der ungelöste Konflikt zwischen den USA und Iran, der die Energiepreise nach oben treibt.
Zudem wächst die Sorge, dass steigende Ölpreise weitere Preissteigerungen nach sich ziehen. Höhere Kosten für Transport und Lagerung könnten sich nach und nach auch in vielen anderen Bereichen bemerkbar machen.
Nach Einschätzung des Ifo-Instituts planen inzwischen mehr Unternehmen, ihre Preise anzuheben. Hintergrund sind vor allem die stark gestiegenen Kosten für Rohöl und Erdgas, die zuletzt den höchsten Stand seit 2022 erreicht hatten. In den kommenden Monaten dürfte sich der Preisauftrieb deshalb sowohl bei Produzenten als auch bei Verbraucherinnen und Verbrauchern weiter verstärken.
Viele Haushalte greifen auf Ersparnisse zurück
Die anhaltend hohen Preise wirken sich zunehmend auf das Verhalten der Verbraucher aus. Aktuelle Umfragen zeigen, dass viele Menschen bei größeren Anschaffungen zurückhaltend bleiben. Ein Teil der Haushalte muss sogar auf Rücklagen zurückgreifen, um die laufenden Lebenshaltungskosten zu decken.
In einer YouGov-Befragung im Auftrag der Postbank gaben 42,6 Prozent der 2.117 Teilnehmerinnen und Teilnehmer an, Ersparnisse zu nutzen, um ihren Alltag finanzieren zu können. Das unterstreicht, wie stark die Kaufkraft vieler Menschen weiterhin unter Druck steht.
Staatliche Ausgaben treiben den Aufschwung
Ein wesentlicher Teil des aktuellen Wachstums geht auf hohe staatliche Investitionen zurück, insbesondere in Infrastruktur und Verteidigung. Das sorgt kurzfristig für Impulse, wirft aber auch Fragen nach der Nachhaltigkeit des Aufschwungs auf.
Einige Ökonomen warnen deshalb davor, die aktuelle Entwicklung vorschnell als dauerhafte Trendwende zu deuten. Mehrere gute Quartale allein reichten noch nicht aus, um von einer stabilen und selbsttragenden Erholung zu sprechen.
Entscheidend dürfte sein, wie sich die Wirtschaft im Jahr 2027 entwickelt. Aus Sicht von Fachleuten wird sich dann zeigen, ob die Belebung von Dauer ist oder ob sie vor allem durch fiskalische Impulse künstlich gestützt wurde. Für ein langfristig stärkeres Wachstum müssten vor allem die Investitionen der Unternehmen deutlicher anziehen — und genau das ist bislang noch nicht zu erkennen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber