Deutsche Start-up-Szene zählt mehr Unicorns – trotz Konjunkturflaute
Die deutsche Gründerszene bringt ungeachtet der schwachen Wirtschaftslage weiter neue Milliarden-Start-ups hervor. Rückenwind kommt vor allem aus den Bereichen Künstliche Intelligenz sowie Verteidigungs- und Sicherheitstechnologien. Nach Zahlen des Deutschen Startup Monitors flossen bis Ende September 2026 rund acht Milliarden Euro Wagniskapital in junge Wachstumsunternehmen. Damit wurde das Gesamtvolumen des Vorjahres von etwa 7,5 Milliarden Euro bereits übertroffen.
Hält die Entwicklung an, könnten im Gesamtjahr laut Hochrechnung sogar rund 12 Milliarden Euro erreicht werden – so viel wie seit dem Boomjahr 2021 nicht mehr. Zudem wurden in Deutschland zuletzt fast 3.000 Neugründungen registriert. Grundlage des Berichts sind Datenauswertungen und eine Befragung von gut 1.800 Wachstumsfirmen. Der Deutsche Startup Monitor gilt nach Verbandsangaben als umfassendste Studie zur deutschen Gründerbranche und erscheint seit 2013 jährlich.
Zehn neue Unicorns in diesem Jahr
Der Bericht zeigt außerdem, dass bis Ende September zehn neue Start-ups die Marke von einer Milliarde Euro Unternehmenswert erreicht haben. So viele neue sogenannte Unicorns gab es zuletzt 2021. Insgesamt kommt Deutschland damit nun auf 39 Milliarden-Start-ups – so viele wie noch nie.
Zu den bekannten Unternehmen dieser Kategorie zählen unter anderem Trade Republic, N26 und Personio. Neu hinzugekommen sind 2026 unter anderem Osapiens, Neura Robotics und der Rüstungsspezialist Stark Defense. Verbandschefin Verena Pausder wertet die Entwicklung als Zeichen dafür, dass in Deutschland wieder breit und auf einer starken technologischen Basis gegründet werde.
KI und Verteidigung als wichtige Treiber
Besonders stark profitiert die Branche von steigenden Investitionen in Verteidigungs- und Sicherheitstechnologien. Firmen wie Quantum Systems und Helsing werben hohe Summen bei Investoren ein. Auch geopolitische Spannungen und Aufrüstung treiben das Interesse an solchen Unternehmen an.
Ein zweiter zentraler Wachstumsmotor ist die Künstliche Intelligenz. Laut Umfrage steht KI bei 53 Prozent der befragten Start-ups im Mittelpunkt des Angebots. Im Jahr 2024 lag dieser Anteil noch bei 39 Prozent. Gleichzeitig senkt die Technologie aus Sicht vieler Gründer die Hürden für neue Unternehmensgründungen.
Mehr Kapital, aber ungleich verteilt
Trotz der positiven Zahlen nennt der Bericht auch deutliche Schwachstellen. So sammelt sich ein großer Teil des investierten Kapitals bei wenigen Spitzenunternehmen. In der Breite bleibt die Lage verhaltener: Die Zahl der Finanzierungsrunden liegt laut Bericht weiterhin rund ein Viertel unter dem Niveau von 2021.
Entsprechend groß ist der Wunsch nach mehr Kapital aus dem eigenen Wirtschaftsraum. 89 Prozent der Gründer sprechen sich für mehr Wagniskapital aus Deutschland und Europa aus. Pausder kritisiert, dass das derzeit verfügbare Geld nicht ausreiche, um deutsche Start-ups dauerhaft an die Weltspitze zu führen.
Seit Jahren hinkt Deutschland beim Wagniskapital international hinterher. Anders als in den USA gibt es hierzulande zu wenige große Investoren. Institutionelle Anleger wie Versicherungen und Stiftungen investieren auch wegen strenger Anlagevorgaben nur begrenzt in Venture Capital. Die WIN-Initiative, mit der Bundesregierung und KfW bis 2030 rund 25 Milliarden Euro von Großanlegern mobilisieren wollen, kommt bislang nur langsam voran.
Gerade beim Boomthema KI zeigt sich der Rückstand besonders deutlich: In den USA flossen 2026 bereits fast 308 Milliarden Euro in den KI-Sektor, in Europa insgesamt dagegen nur gut 27 Milliarden Euro.
Viele Start-ups orientieren sich an den USA
Auch beim Thema Börsengang zeigt sich eine starke Ausrichtung auf den US-Markt. 62 Prozent der Start-ups würden für einen möglichen IPO lieber in die USA gehen, nur 27 Prozent sehen dafür Deutschland als bevorzugten Standort.
Hinzu kommt eine hohe Abhängigkeit von amerikanischen Tech-Anbietern: 64 Prozent der jungen Unternehmen setzen bei digitalen Technologien überwiegend oder vollständig auf Lösungen aus den USA. Ein Grund dafür ist aus Sicht vieler Gründer das Fehlen konkurrenzfähiger europäischer Alternativen.
Ganz akut ist eine Abwanderung erfolgreicher Gründer allerdings bislang für die Mehrheit kein Thema: 61 Prozent schließen einen Wegzug derzeit aus.
Pausder verweist zugleich auf das große Potenzial des Standorts Deutschland – etwa mit Blick auf den jüngsten erfolgreichen Raketenstart von Isar Aerospace. Sie fordert von der Bundesregierung, die angekündigte Start-up-Strategie zügig umzusetzen und den Zugang zu Finanzierungen zu erleichtern. Auch auf europäischer Ebene müssten Gründungen einfacher werden, etwa durch die geplante Rechtsform EU Inc.
Hochschulen bleiben wichtiger Pfeiler
Als besondere Stärke des deutschen Ökosystems nennt der Verband die enge Verbindung zwischen Start-ups und Wissenschaft. Jedes zweite Start-up – konkret 51 Prozent – wird demnach von Forschungseinrichtungen unterstützt. Bei 59 Prozent der Unternehmen basiert das Produkt auf neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen.
Für Alexander Hirschfeld, Research-Experte beim Startup-Verband, sind Hochschulen damit die tragende Säule des Start-up-Ökosystems. Gemessen an der Qualität der deutschen Forschungslandschaft entstünden daraus jedoch noch immer zu wenige Gründungen.
Fachkräftemangel verliert an Bedeutung
Weniger stark als früher belastet inzwischen der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften. Nur noch 15 Prozent der Start-ups sehen darin ein großes Hindernis. Vor zwei Jahren lag dieser Wert noch bei 30 Prozent. Zugleich wollen 83 Prozent der befragten Unternehmen innerhalb der kommenden zwölf Monate neue Mitarbeiter einstellen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber