Die extrem niedrigen Wasserstände auf dem Rhein beeinträchtigen die Binnenschifffahrt weiterhin massiv. Vor allem auf dem Mittelrhein zwischen St. Goar und Mainz, einem besonders stark betroffenen Abschnitt, sind nach Angaben von Fabian Spieß, stellvertretender Geschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Binnenschifffahrt (BDB), nur noch vereinzelt Güterschiffe unterwegs. Im gesamten Einzugsgebiet des Rheins fehlen bislang ergiebige Niederschläge.
Trotz der schwierigen Lage bleibt die Schifffahrt nach Angaben des Verbands grundsätzlich einsatzbereit. Allerdings können die Schiffe wegen des Niedrigwassers nur deutlich weniger Ladung aufnehmen. Gefahren werde nur so lange, wie es aus Sicht der Schiffsführung sicher sei. Maßnahmen, die bereits im vergangenen Monat beschlossen wurden – etwa die Aufhebung von Sonn- und Feiertagsfahrverboten für Lastwagen – tragen laut Spieß zumindest teilweise dazu bei, die Lieferketten zu stabilisieren.
Nullpunkt in Kaub unterschritten
Der Bereich zwischen St. Goar und Mainz gilt als Nadelöhr der Rheinschifffahrt. Nach Einschätzung des BDB ist die Fahrrinne dort schlechter ausgebaut als in den angrenzenden Rheinabschnitten. Am Pegel Kaub fiel der Stand am Wochenende zeitweise unter die Nullmarke und erreichte damit einen historischen Tiefstand.
Nach Einschätzung von Thomas Puls, Experte für Verkehr und Infrastruktur am Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln, liegt der Pegel in Kaub praktisch trocken. Die Lage vor Ort sei damit schlechter als im August, auch wenn der Unterschied aus verkehrlicher Sicht geringer ausfalle. Abgesehen von wenigen Spezialschiffen, die den Engpass noch mit stark reduzierter Ladung passieren könnten, sei der Rhein faktisch erneut zweigeteilt. Mittel- und Oberrhein samt ihrer Zuflüsse seien damit wieder von den Häfen in Duisburg und Rotterdam abgeschnitten.
Wichtige Logistikketten sind nach Angaben von Puls dadurch weitgehend unterbrochen. Besonders betroffen sind feste und flüssige Massengüter, die kaum auf die Schiene und praktisch nicht auf die Straße verlagert werden können. Spürbar sind die Folgen demnach vor allem für Raffinerien, die Chemieindustrie und Stahlwerke. Als prominentes Beispiel gilt das BASF-Werk in Ludwigshafen, das rund die Hälfte seiner Vorprodukte per Binnenschiff erhält.
Wie entwickeln sich die Wasserstände?
Auch in Köln wurde am Montag ein neuer Niedrigwasser-Rekord gemessen: Der Pegel sank dort auf 40 Zentimeter. Nach Beobachtungen des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamts ist das Verkehrsaufkommen auf dem Fluss deutlich zurückgegangen. Dabei ist die Fahrrinne tiefer als der am Ufer gemessene Pegelstand – in Köln beträgt der Unterschied nach Behördenangaben 1,11 Meter.
Die Bundesanstalt für Gewässerkunde und die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung gehen davon aus, dass die Wasserstände in Köln und Kaub zum kommenden Wochenende wieder ansteigen könnten.
Schon in der ersten Augusthälfte waren die Rheinpegel deutlich gefallen, woraufhin die Frachtschifffahrt stark einbrach. Viele Güterschiffe konnten entweder gar nicht mehr oder nur noch leer fahren. In der zweiten Augusthälfte sorgten Niederschläge vorübergehend wieder für steigende Wasserstände.
WWF fordert Maßnahmen gegen Niedrigwasser
Der Umweltverband WWF sieht in den wiederkehrenden Niedrigwasser-Rekorden am Rhein ein deutliches Zeichen der Klimakrise. Gewässerschutz-Referentin Beatrice Claus fordert, mehr Wasser in der Landschaft und in den Flüssen zu halten, damit der Wasserspiegel in Trockenzeiten nicht so stark absinkt.
Nach Einschätzung des WWF können Wälder, Moore, Feuchtgrünland und Flussauen als natürliche Wasserspeicher wirken. Sie könnten helfen, Flüsse auch während längerer Trockenphasen mit Wasser zu versorgen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber