Der Krieg mit dem Iran hatte die Hoffnung auf eine leichte wirtschaftliche Erholung in diesem Jahr zunächst zunichtegemacht. Nach der Verständigung zwischen den USA und dem Iran stellt sich nun die Frage, ob sich die Lage wieder drehen kann. Zwar sind weiter viele heikle Punkte offen, doch ein Ende der Kämpfe wirkt erstmals greifbar. Damit könnte auch die Versorgung mit Rohöl, Flüssiggas und Düngemitteln aus der Golfregion nach und nach wieder anlaufen. Mittelfristig würden sinkende Preise die Wirtschaft entlasten.
An den asiatischen Börsen wurde die Einigung bereits positiv aufgenommen, auch in Europa reagierten die Aktienmärkte mit Kursgewinnen. Gleichzeitig gab der Ölpreis deutlich nach. US-Präsident Donald Trump zeigte sich mit Blick auf die blockierte Straße von Hormus optimistisch und rief: „Schiffe dieser Welt, startet eure Motoren! Lasst das Öl fließen!“
Deutschland wurde von den Folgen des Konflikts hart getroffen. Neben stark gestiegenen Preisen, die viele Haushalte belasteten, kam es in der Industrie erneut zu Engpässen bei wichtigen Materialien. In der Folge halbierten Ökonomen teils ihre Konjunkturprognosen.
Welche Folgen hätte ein Kriegsende für die Wirtschaft?
Nach Einschätzung des Ifo-Konjunkturforschers Timo Wollmershäuser würde ein Ende des Kriegs die Konjunktur stützen. Vor allem dürften die Weltmarktpreise für Öl und Erdgas sinken. Das würde die Inflation rasch dämpfen und die Kaufkraft der Verbraucher stärken. Auch an den Kapital- und Kreditmärkten könnte Entlastung eintreten, weil weitere Zinserhöhungen unwahrscheinlicher würden.
Der Ökonom Sebastian Dullien von der Hans-Böckler-Stiftung hält ohne neue Energieschocks für Deutschland im Gesamtjahr eine Inflationsrate von 2,5 Prozent für realistisch. Niedrigere Inflation würde aus seiner Sicht den privaten Konsum beleben und damit die Wirtschaft stützen.
Allerdings wäre der Effekt wohl nicht sofort spürbar. Wollmershäuser verweist darauf, dass Förderanlagen in der Region teils beschädigt wurden. Deshalb dürfte es einige Zeit dauern, bis das Angebot an Energie und wichtigen Vorprodukten wieder das frühere Niveau erreicht. Auch bestehende Probleme in den Lieferketten könnten zunächst fortbestehen.
Auch Bundesbankpräsident Joachim Nagel dämpft die Hoffnung auf eine schnelle Entspannung. Selbst wenn die Meerenge von Hormus wieder befahrbar werde, könne es Monate dauern, bis sich das Ölangebot normalisiere. Zudem könnte der Preisdruck wieder zunehmen, wenn staatliche Entlastungen auslaufen. In Deutschland endet Ende Juni der Tankrabatt, der die Inflation bislang etwas gebremst hat.
Was bedeutet das für die Spritpreise?
Besonders stark unter Druck geriet die Bundesregierung wegen der schnellen Verteuerung von Benzin und Diesel. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche, die staatliche Eingriffe eigentlich skeptisch sieht, stimmte schließlich Entlastungen für Autofahrer zu, die von etlichen Ökonomen kritisch gesehen werden. Seit dem 1. April dürfen Tankstellen ihre Preise nur noch einmal täglich anheben, seit dem 1. Mai gilt zudem ein befristeter Tankrabatt von knapp 17 Cent je Liter bis Ende Juni.
Der ADAC geht davon aus, dass die Ölpreise schrittweise sinken könnten, falls die Straße von Hormus wieder ohne größere Risiken befahrbar wird. Dennoch sei nicht damit zu rechnen, dass die Kraftstoffpreise sofort wieder auf das Niveau vor dem Krieg zurückfallen. Beschädigte Infrastruktur und gestörte Abläufe entlang der Lieferketten dürften die Entwicklung bremsen.
Auch der Wirtschaftsverband Fuels und Energie rechnet mit allmählich sinkenden Spritpreisen. Hauptgeschäftsführer Christian Küchen sagte, wegen beschädigter Raffinerien und Ölförderanlagen werde es mindestens Monate dauern, bis die normale Produktion wieder erreicht sei.
Wann kann die Schifffahrt durch die Straße von Hormus wieder normal laufen?
Trotz des Abkommens bewertet der internationale Schifffahrtsverband Bimco die Sicherheitslage in der Straße von Hormus weiter als instabil. Eine Durchfahrt gilt dem Verband zufolge nach wie vor als sehr riskant. Nach Angaben des Verbands Deutscher Reeder sitzen zudem noch 46 Schiffe deutscher Reedereien mit rund 1.000 Seeleuten im Persischen Golf fest.
Die US-Regierung und zahlreiche Experten gehen davon aus, dass der Iran Teile der Meerenge vermint hat. Wie viele Minen dort tatsächlich liegen, ist unklar. Bereits die Gefahr allein reicht jedoch aus, um den Schiffsverkehr massiv einzuschränken. Vor einer Rückkehr zum regulären Betrieb müsste deshalb zunächst eine Minenräumung erfolgen, auf die sich unter anderem europäische Staaten bereits vorbereiten.
Bis dahin könnte das US-Militär verstärkt Schiffe durch die Passage begleiten. Hinzu kommt ein logistisches Problem: Nach viereinhalb Monaten Krieg befinden sich viele Schiffe nicht dort, wo sie planmäßig sein sollten. Hunderte hängen noch im Persischen Golf fest, andere wurden auf alternative Strecken umgeleitet. Bis wieder täglich etwa 100 bis 150 Schiffe die Meerenge passieren, dürfte daher noch Zeit vergehen. Voraussetzung bleibt, dass die Vereinbarung zwischen Washington und Teheran tatsächlich Bestand hat.
Wann funktionieren die Lieferketten wieder reibungslos?
Das hängt nicht allein von einem Ende des Iran-Kriegs und der Lage in Hormus ab. Für die globale Containerschifffahrt ist nach Ansicht des dänischen Experten Lars Jensen ein anderer Konflikt sogar noch bedeutsamer: die Krise im Roten Meer.
Seit Beginn des Gaza-Kriegs im Herbst 2023 meiden viele große Reedereien den Weg durch das Rote Meer und den Suezkanal. Stattdessen fahren sie den deutlich längeren Kurs um das Kap der Guten Hoffnung an der Südspitze Afrikas.
Grund dafür sind Angriffe der vom Iran unterstützten Huthi-Rebellen auf die Schifffahrt. Diese Ausweichroute verlängert die Reise um viele tausend Seemeilen und bis zu zwei Wochen. Dadurch fehlen Kapazitäten, und die Frachtraten bleiben hoch. Jensen hält es jedoch für möglich, dass eine Entspannung in Hormus auch neue Chancen für eine Lösung im Roten Meer eröffnet. In diesem Fall könnte wieder deutlich mehr Schiffskapazität verfügbar werden, was den Markt von Knappheit in Richtung Überangebot drehen würde.
Wie reagieren die Börsen auf ein mögliches Kriegsende?
Die internationalen Aktienmärkte haben sich von dem Konflikt bislang vergleichsweise robust gezeigt. In den USA liegt der S&P 500 sogar über dem Stand vor Kriegsbeginn. Der Dax in Frankfurt geriet zunächst stärker unter Druck und verlor zwischen Ende Februar und Ende März fast 3.000 Punkte, konnte sich danach aber wieder spürbar erholen.
Sollte der Krieg tatsächlich enden, dürfte das den Finanzmärkten zusätzlichen Auftrieb geben. Nach Einschätzung von DZ-Bank-Analystin Birgit Henseler zählen in Frankfurt vor allem große Industriekonzerne zu den möglichen Wachstumstreibern. Neben dem anhaltenden KI-Boom könnte auch das milliardenschwere Fiskalpaket der Bundesregierung für weitere Impulse sorgen.
Wann könnte die Konjunktur wieder anziehen?
Ursprünglich war für die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr dank des 500-Milliarden-Euro-Pakets der Bundesregierung ein moderates Wachstum erwartet worden. Nach Ausbruch des Iran-Kriegs senkte die Regierung ihre Prognose jedoch auf nur noch 0,5 Prozent. Auch für 2027 bleiben die Aussichten verhalten. Die Wirtschaftsweisen rechnen mit einem Plus beim Bruttoinlandsprodukt von 0,8 Prozent.
Unabhängig vom Krieg sieht sich die deutsche Wirtschaft aber weiterhin mit strukturellen Problemen konfrontiert. Unternehmen und Ökonomen nennen seit Jahren vor allem steigende Sozialabgaben, hohe Energiekosten und übermäßige Bürokratie. Solange sich daran wenig ändert, dürfte ein nachhaltiges Ende der wirtschaftlichen Stagnation schwer zu erreichen sein.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion