Wirtschaft

Expertin warnt: Kippt jetzt der Pharmastandort?

Pharma-Schock für Deutschland: Zwei Konzerne kippen binnen Stunden Milliardenpläne – eine Expertin warnt mit drastischen Worten.

06.06.2026, 04:00 Uhr

Die gestrichenen beziehungsweise gekürzten Investitionspläne von Eli Lilly und Boehringer Ingelheim sind aus Sicht der IW-Pharmaexpertin Jasmina Kirchhoff ein ernstes Alarmsignal für den Standort Deutschland. Gegenüber der Deutschen Presse-Agentur sagte sie, die jüngsten Entscheidungen seien als deutliche Warnzeichen zu verstehen. Viele andere Unternehmen dürften derzeit ähnliche Überlegungen anstellen.

Boehringer Ingelheim hatte zur Wochenmitte angekündigt, die ursprünglich für 2027 bis 2030 vorgesehenen 900 Millionen Euro nicht in deutsche Standorte zu investieren. Kurz danach teilte der US-Pharmakonzern Eli Lilly mit, für sein neues Werk im rheinland-pfälzischen Alzey statt der zunächst geplanten 2,5 Milliarden US-Dollar nur noch etwa die Hälfte bereitzustellen.

Fehlende Planungssicherheit als Problem

Kirchhoff sieht einen wichtigen Grund in der geplanten Gesundheitsreform. Während sich die internationalen Rahmenbedingungen spürbar veränderten, werde in Deutschland über das GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz diskutiert. Zugleich ordne sich der US-Markt neu, während der Wettbewerbsdruck aus Asien wachse.

Besonders kritisch bewertet die Branche laut Kirchhoff die vom Bund geplanten dynamisierten Herstellerabschläge als Teil des Sparpakets. Diese erschwerten verlässliche Planungen erheblich, weil sich die Rabatte jährlich verändern könnten. Aus ihrer Sicht sei zudem zu erwarten, dass sie künftig eher steigen als sinken.

Hinzu komme, dass der Gesetzentwurf bislang auch Rabattverträge für innovative Medikamente vorsehe. Das könne den Schutz geistigen Eigentums schwächen. Gleichzeitig hätten einige Staaten als Reaktion auf die US-Arzneimittelpolitik ihre Budgets bereits erhöht. Deutschland gehe nach ihrer Einschätzung derzeit eher den entgegengesetzten Weg.

Pharma-Unternehmen Eli Lilly
Der US-Konzern Eli Lilly will deutlich weniger Geld in seine neue Produktionsstätte in Rheinland-Pfalz investieren. (Archivfoto) Quelle: Sascha Lotz/dpa

Konflikt zwischen Gesundheits- und Wirtschaftspolitik

Kirchhoff hofft, dass in der Politik inzwischen erkannt werde, wie groß der Zielkonflikt zwischen gesundheits- und wirtschaftspolitischen Interessen sei. Ihrer Meinung nach müssten die zuständigen Ministerien gemeinsam nach Lösungen suchen, um beide Seiten besser in Einklang zu bringen.

Zudem warnte sie davor, die neue Ausrichtung der US-Arzneimittelpolitik zu unterschätzen. Diese stelle ein systemisches Risiko für Deutschland dar. Gerade weil Deutschland der größte Gesundheitsmarkt Europas sei, werde genau beobachtet, welche Entscheidungen hier getroffen würden. Viele Länder in Europa und darüber hinaus orientierten ihre Arzneimittelpreise an Deutschland, außerdem genieße die deutsche Pharmaindustrie international einen sehr guten Ruf. Entsprechend hätten politische Weichenstellungen hierzulande auch Wirkung über die Landesgrenzen hinaus.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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