Wirtschaft

Deutsche Wirtschaft wächst stärker als gedacht

Überraschender Aufschwung: Trotz Krisen legt Deutschlands Wirtschaft zum Jahresstart deutlich zu – was steckt dahinter?

30.04.2026, 10:03 Uhr

Die deutsche Wirtschaft ist trotz der anhaltenden Krisen überraschend robust ins neue Jahr gestartet. Nach vorläufigen Berechnungen des Statistischen Bundesamts stieg das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im ersten Quartal 2026 gegenüber dem Vorquartal um 0,3 Prozent.

Damit fiel das Wachstum besser aus als vielfach erwartet. Angesichts der angespannten Weltlage sowie der Belastungen durch die Grönland-Spannungen und den seit dem 28. Februar andauernden Iran-Krieg hatten viele Beobachter mit einem schwächeren Jahresauftakt gerechnet.

Nach Angaben der Wiesbadener Behörde legten in den ersten drei Monaten sowohl die privaten als auch die staatlichen Konsumausgaben im Vergleich zum Schlussquartal 2025 zu. Auch die Exporte stiegen. Gestiegene Löhne sorgten dafür, dass viele Menschen mehr Geld zur Verfügung hatten. Zusätzlich wirkte sich aus, dass der Staat mehr für Verteidigung und Rüstung ausgab. Für das vierte Quartal 2025 wurde das Wachstum erneut mit 0,2 Prozent beziffert.

Aussichten wegen Iran-Krieg unsicher

Ökonomen warnen jedoch davor, aus dem guten Jahresbeginn bereits einen kräftigen Aufschwung abzuleiten. Der Iran-Krieg dürfte die deutsche Wirtschaft in den kommenden Monaten deutlich bremsen. Vor allem steigende Öl- und Spritpreise, Belastungen in den Lieferketten und unsichere Exportmärkte treffen den stark von Rohstoff- und Energieimporten abhängigen Standort.

KfW-Konjunkturexperte Sebastian Wanke sprach von einem überraschend guten Auftakt. Zugleich zeigten die Zahlen, dass für die deutsche Konjunktur eigentlich deutlich mehr möglich gewesen wäre. Hoffnung setzt er auf eine baldige Öffnung der Straße von Hormus.

Noch skeptischer äußerte sich Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Die aktuellen BIP-Daten könnten aus seiner Sicht nur die Ruhe vor dem Sturm sein. Mit jedem weiteren Monat, in dem die für den weltweiten Öl- und Gashandel wichtige Meerenge blockiert bleibe, steige das Risiko einer schrumpfenden Wirtschaft.

Auch das Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW) warnt: Sollten die Rohstoffpreise nicht bald wieder nachgeben, könnte die Wirtschaftsleistung bereits im zweiten Quartal sinken.

Kauflaune schwach, Unternehmen pessimistischer

Volkswirte gehen davon aus, dass Deutschland die Folgen des Konflikts im Nahen Osten noch längere Zeit zu spüren bekommt. Höhere Energiepreise belasten Verbraucher und Unternehmen gleichermaßen und dürften Konsum und Investitionen dämpfen.

Die Kauflaune der Verbraucher war zuletzt so schwach wie seit zwei Jahren nicht mehr. Gleichzeitig verschlechterte sich die Stimmung in den Unternehmen deutlich: Das Ifo-Geschäftsklima sank im April merklich. Die Hoffnungen auf einen raschen Aufschwung haben damit einen weiteren Dämpfer erhalten.

Prognosen gesenkt

Viele Ökonomen haben ihre Erwartungen für das laufende Jahr bereits nach unten korrigiert. Führende Wirtschaftsforschungsinstitute rechnen für 2026 nur noch mit einem Wachstum von 0,6 Prozent, die Bundesregierung ist mit 0,5 Prozent noch vorsichtiger. Für 2027 werden derzeit 0,9 Prozent erwartet.

Vor dem Iran-Krieg hatten zahlreiche Experten für 2026 noch mit rund einem Prozent Wachstum oder sogar mehr gerechnet. Der gute Start ins Jahr verbessert immerhin die Ausgangslage etwas.

Milliardenpaket als Hoffnungsträger

Als Stützen für die Konjunktur gelten derzeit vor allem die schuldenfinanzierte Infrastrukturoffensive sowie ein Kalendereffekt: 2026 könnte es wegen zusätzlicher Arbeitstage etwas Rückenwind geben, weil Feiertage auf Wochenenden fallen.

Größere Hoffnungen richten sich auf 2027. Dann könnten das bereits beschlossene 500-Milliarden-Euro-Paket für Infrastruktur und Klimaschutz sowie höhere Verteidigungsausgaben die Wirtschaft spürbarer anschieben.

Der Ökonom Jens-Oliver Niklasch von der LBBW mahnt allerdings, der bessere Jahresauftakt dürfe politisch nicht als Signal für ein „Weiter so“ missverstanden werden. Noch sei die Zeit günstig, um Reformen anzustoßen.

Industrie weiter unter Druck

Trotz des leichten Wachstums bleibt die Lage vieler Unternehmen angespannt. Deutschland war 2025 mit einem Plus von 0,2 Prozent nur knapp an einem dritten Jahr ohne Wirtschaftswachstum in Folge vorbeigeschrammt. Die Zuversicht zu Jahresbeginn ist inzwischen deutlich gewichen.

In einer IW-Umfrage vom März berichteten 43 Prozent der befragten Firmen aus Industrie, Dienstleistungen und Bau von schlechteren Geschäften als vor einem Jahr. Zugleich zieht es immer mehr Unternehmen ins Ausland. Laut einer DIHK-Umfrage planen 43 Prozent der befragten Betriebe in diesem Jahr Investitionen außerhalb Deutschlands, häufig aus Kostengründen. Das gilt als Warnsignal für den Standort.

Reformbedarf bleibt hoch

Ökonomen fordern daher weiter grundlegende Strukturreformen. Kurzfristige Hilfsprogramme allein dürften nicht reichen, um die seit Jahren schwache Konjunktur nachhaltig zu beleben.

Die Wirtschaftsweise Veronika Grimm mahnte zuletzt, die Bundesregierung müsse zentrale Probleme entschlossener angehen. Als wichtige Baustellen gelten dabei vor allem das Rentensystem, die Unternehmensbesteuerung und die Einkommensteuer.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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