Wirtschaft

Allianz warnt: So spart Europas Autoindustrie falsch

Europas Autobauer kürzen brutal – und könnten damit alles verschlimmern. Warum ausgerechnet China jetzt zur Bedrohung wird

09.10.2026, 10:29 Uhr

Allianz warnt: Europas Autoindustrie spart sich in die Krise

Nach Einschätzung der Allianz steuern die deutsche und europäische Autoindustrie mit ihrem derzeitigen Sparkurs auf eine gefährliche Entwicklung zu. Laut einer Analyse der Allianz-Ökonomen haben die Hersteller ihre Investitionen in diesem Jahr um rund 20 Prozent gekürzt – und das, obwohl der Rückstand gegenüber chinesischen Wettbewerbern bei Digitalisierung und Batterietechnik weiter zu wachsen droht.

Krise aus eigener Kraft verschärft

Während die Autobranche spart, haben große europäische Konzerne aus anderen Industriezweigen ihre Investitionen im selben Zeitraum um etwa zehn Prozent erhöht. In der Studie, die von Allianz Trade, der auf Kreditversicherungen spezialisierten Tochter des Konzerns, veröffentlicht wurde, fällt das Urteil über die Führungsetagen der heimischen Autobauer deutlich aus: Ein wesentlicher Teil der aktuellen Probleme sei selbst verursacht.

Nach Ansicht der Volkswirte wurde das Kapital in den vergangenen 20 Jahren vielfach falsch eingesetzt. Statt die Weichen rechtzeitig auf Zukunftstechnologien zu stellen, sei zu lange an überholten Prioritäten festgehalten worden.

Zu lange auf den Verbrenner gesetzt

Die Veröffentlichung der Studie fällt kurz vor den Start der Pariser Automesse am Montag. Dort sinkt der Anteil europäischer Aussteller laut Allianz inzwischen auf nur noch 40 Prozent – ein Zeichen für die veränderten Kräfteverhältnisse in der Branche.

Die Ökonomen werfen Europas Herstellern vor, zu lange in klassische Verbrennungstechnik investiert zu haben. Zudem sei viel Kapital in kurzfristige Renditeziele und Dividendenausschüttungen geflossen, anstatt früh und entschlossen in Elektrifizierung und Digitalisierung zu investieren. Aus Sicht der Allianz hängen technologische Defizite, der Wettbewerbsdruck aus China und die schwindende Markenstärke eng zusammen – sie seien Ausdruck derselben strategischen Fehlentscheidungen.

Guillaume Dejean, Autoexperte bei Allianz Trade, erklärte, dass das Geld später zwar teilweise in Zukunftsfelder umgelenkt worden sei, dort aber zu breit und wenig fokussiert verteilt wurde. Die Kapitalpolitik der vergangenen Jahrzehnte wirke nun wie ein Bumerang.

Weitere Verluste bei Marktanteilen möglich

Die Lage der europäischen Autoindustrie bewerten die Allianz-Volkswirte als äußerst kritisch. Demnach ist die Wertschöpfung pro in Europa verkauftem Fahrzeug seit 2021/22 um 30 bis 45 Prozent zurückgegangen. In Europa beziffert die Studie die Marktanteilsverluste auf zehn Prozent, in China auf sieben Prozent.

Milo Bogaerts, Chef von Allianz Trade für die deutschsprachigen Länder, warnt vor den finanziellen Folgen selbst kleiner weiterer Rückgänge. Sollten deutsche Hersteller bis 2030 in Europa und China jeweils noch einmal drei Prozentpunkte verlieren, wären nach seiner Einschätzung rund drei Milliarden Euro an Wertschöpfung bedroht.

Kritik auch an die Politik

Auch die europäische Politik bekommt in der Studie eine Warnung mit auf den Weg. Eine Abschwächung des ursprünglich ab 2035 vorgesehenen Verbrenner-Aus für Neuwagen – vor allem ohne einen klaren und verbindlichen Fahrplan – könnte nach Ansicht der Ökonomen dazu führen, dass europäische Hersteller im Wettbewerb mit asiatischen Konkurrenten noch weiter zurückfallen.

Hoffnungsschimmer trotz schwieriger Lage

Die Untersuchung zeichnet jedoch nicht nur ein düsteres Bild. Nach Ansicht der Allianz ist der Abstieg der europäischen Autobauer keineswegs unausweichlich. Voraussetzung sei allerdings, dass die Unternehmen künftig gezielter und strategischer investieren.

Wachstumspotenzial sehen die Autoren insbesondere bei Software und digitalen Dienstleistungen, die neue Einnahmequellen erschließen könnten. Zudem seien europäische Elektroautos in manchen Bereichen konkurrenzfähiger als oft angenommen. Im Preissegment unter 50.000 Euro bieten sie laut Studie teilweise sogar das bessere Verhältnis von Preis und Reichweite als chinesische E-Autos.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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