Allianz-Studie: Ablenkung am Steuer wohl deutlich häufiger Unfallursache als bislang erfasst
Ismaning. Nach Einschätzung der Unfallforschung der Allianz steckt Ablenkung hinter weit mehr Verkehrsunfällen als offizielle Statistiken nahelegen. In einer Untersuchung zum jährlichen „Autotag“ in Ismaning kommen die Fachleute zu dem Schluss, dass vor allem die zunehmende Digitalisierung im Fahrzeug das Problem verschärft.
Kritisch sehen die Experten dabei auch den Trend vieler Hersteller, klassische Knöpfe und Schalter einzusparen und stattdessen Funktionen in Touchscreens auszulagern. Die Bedienung über Bildschirmmenüs könne Fahrerinnen und Fahrer unnötig lange vom Verkehrsgeschehen ablenken.
Nicht nur das Handy ist ein Risiko
„Mindestens 30 Prozent der Unfälle gehen auf Ablenkung zurück“, sagte Christian Sahr, Leiter des Allianz Zentrums für Technik (AZT). Aus seiner Sicht werde das Problem durch das Fahrzeugdesign selbst verstärkt. In der polizeilichen Unfallstatistik liege der Anteil ablenkungsbedingter Unfälle zwar bei rund 1,5 Prozent, doch diese Zahl bilde die Wirklichkeit laut Sahr nicht ab.
Das AZT zählt seit vielen Jahren zu den renommierten Einrichtungen der Verkehrssicherheitsforschung in Deutschland. Bereits in den 1970er Jahren lieferten Untersuchungen des Zentrums wichtige Argumente für die Einführung von Gurt- und Helmpflicht.
Simulationen mit unterschiedlichen „Fahrertypen“
Für die aktuelle Bewertung stützt sich die Allianz zum einen auf umfangreiche Computersimulationen typischer Gefahrensituationen im Straßenverkehr, zum anderen auf die Analyse von etwa 70 internationalen Studien. Gemeinsam mit dem auf Wahrnehmungsmodellierung spezialisierten Unternehmen Cognibit untersuchten die Forscher anhand verschiedener simulierter Fahrertypen, wie stark Ablenkung das Unfallrisiko erhöht.
Da sich aus realen Fahrzeugdaten oft nur schwer erkennen lasse, ob jemand während des Unfalls abgelenkt war, setzten die Experten auf Simulationen. Neben Ablenkung wurde dabei auch der Einfluss von Alkohol am Steuer nachgebildet.
Auffahrunfälle als typisches Beispiel
Die Berechnungen zeigen deutliche Unterschiede: Muss ein vorausfahrendes Auto plötzlich stark bremsen, kommt es bei abgelenkten Fahrern in 54,3 Prozent der Fälle zu einem Auffahrunfall. Sind Fahrer aufmerksam, sinkt dieser Wert auf 18,2 Prozent.
Auch in einem anderen Szenario steigt das Risiko deutlich: Läuft ein Kind unerwartet auf die Straße, erhöht sich die Unfallwahrscheinlichkeit laut Simulation bei abgelenkten Fahrern von 3,9 auf 11,2 Prozent. In einzelnen Situationen sei Ablenkung sogar gefährlicher gewesen als ein Blutalkoholwert von 0,8 Promille. Allianz-Manager Frank Sommerfeld forderte deshalb, Ablenkung gesellschaftlich ähnlich klar zu verurteilen wie Alkohol am Steuer.
Kritik an komplizierter Touchscreen-Bedienung
Nach Ansicht der Allianz trägt die Autoindustrie mit ihrer wachsenden Zahl digitaler Funktionen im Cockpit selbst zur Ablenkungsgefahr bei. Vor allem der Verzicht auf herkömmliche Bedienelemente könne dazu führen, dass Fahrer mehrere entscheidende Sekunden nicht auf die Straße schauen, weil sie durch Menüs navigieren müssen.
Sahr betonte allerdings, dass Touchscreens nicht grundsätzlich das Problem seien. Entscheidend sei eine sinnvolle Umsetzung. Fünf sicherheitsrelevante Funktionen sollten nach Ansicht der Experten weiterhin direkt über physische Schalter erreichbar sein: Licht, Scheibenwischer, Blinker, Warnblinkanlage und Frontscheiben-Defogger.
Mehrheit wünscht sich klassische Bedienelemente zurück
Eine aktuelle Befragung unter 1.200 Autofahrerinnen und Autofahrern zeigt, dass 70 Prozent klassische Tasten und Schalter bevorzugen – auch viele Jüngere unter 30 Jahren. Zudem sind 77 Prozent der Meinung, dass die fortschreitende Digitalisierung im Auto das Ablenkungsrisiko erhöht.
Kommt es zu einer kritischen Situation, sollte das Fahrzeug nach Ansicht der Forscher den Menschen am Steuer aktiv dabei unterstützen, die Aufmerksamkeit wieder vollständig auf den Verkehr zu richten – etwa durch unmittelbare Warnhinweise oder indem die Bedienung des Touchscreens vorübergehend eingeschränkt wird.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber