Die Besetzung von „The Shards“ wirkt fast schon augenzwinkernd passend: Die neue FX-Produktion, die bei Disney+ zu sehen ist, erzählt von einer Welt aus schönen, reichen und privilegierten Jugendlichen in Los Angeles. Ausgerechnet in zentralen Rollen stehen dabei Kaia Gerber, Tochter von Supermodel Cindy Crawford, und Homer Gere, Sohn von Hollywoodstar Richard Gere.
Ob darin Kalkül steckt oder bloßer Zufall, bleibt offen. Fest steht: Beide machen ihre Sache überzeugend und fügen sich stimmig in die Serie ein. Dass Realität und Fiktion ineinanderfließen, passt ohnehin bestens zum Stoff. Die Vorlage stammt von Bret Easton Ellis („American Psycho“), der seit jeher gern mit autobiografischen Spuren und erfundenen Elementen spielt.
Das Buch „The Shards“, ein über 700 Seiten langer Thriller aus dem Jahr 2023, ist eine Form der Autofiktion. Ellis legt nahe, rückblickend von sich selbst als Teenager zu erzählen. Die Hauptfigur heißt ebenfalls Bret, und wer die Biografie des heute 62-jährigen Autors kennt, entdeckt einige Parallelen. Doch wo das Reale endet und das Erdachte beginnt, bleibt bewusst unscharf — ganz im Sinne der „Scherben“, aus denen sich die Geschichte zusammensetzt.
Pools, Partys und Probleme der Oberschicht
In der Serie verkörpert Igby Rigney den jungen Bret, einen angehenden Autor aus dem Umfeld einer wohlhabenden Clique an einer exklusiven Privatschule. Geld spielt in dieser Welt keine sichtbare Rolle, weil es immer da ist. Bret ist mit Debbie (Hayes Warner) zusammen, hat jedoch auch Sex mit Männern. Zum Freundeskreis gehören außerdem Susan (Kaia Gerber) und Thom (Graham Campbell), die wie die perfekte Verkörperung des amerikanischen Traums wirken.

Vor der Kulisse des Los Angeles der 1980er-Jahre kreist das Leben dieser Jugendlichen um Sex, Drogen, Eifersucht, Status und Selbstdarstellung — inklusive reichlich türkisblauer Swimmingpools.
Unruhe entsteht, als Robert Mallory (Homer Gere) neu an die Schule kommt. Er ist charismatisch, geheimnisvoll und schwer einzuordnen. Vor allem bringt er das fragile Gleichgewicht der Gruppe durcheinander.
Bret entwickelt rasch eine Obsession für Robert, nachdem er glaubt, ihn zuvor in einem Kino gesehen zu haben — was Robert allerdings entschieden bestreitet. Warum, ist eine der großen Fragen der Handlung. Gleichzeitig wird Los Angeles von einer brutalen Mordserie erschüttert: Jugendliche werden getötet, und die Angst vor einem Serienmörder namens „Trawler“ wächst.
Ellis und Murphy: stilistisch ein Volltreffer
Ellis war als Mitproduzent eng an der Serienfassung beteiligt. An seiner Seite steht Ryan Murphy, einer der bekanntesten und produktivsten Serienmacher der Gegenwart, verantwortlich für Formate wie „Glee“, „American Horror Story“ oder „Dahmer“.
Optisch scheint die Zusammenarbeit wie gemacht füreinander. Die Serie ist hochgradig stilisiert, glamourös und unverkennbar amerikanisch. Die 80er-Jahre sehen hier auf dem Bildschirm beeindruckend gut aus — selbst im Vergleich zu anderen Retro-Produktionen.
Mehr Thriller, etwas weniger literarische Raffinesse
Erzählerisch ist die Adaption allerdings nicht ganz so einfach. Ellis’ Roman gilt als besonders stark, weil er das scheinbar vertraute Thriller-Genre weit über die Mordhandlung hinaus erweitert. Die Taten des „Trawler“ bilden dort eher den düsteren Hintergrund für eine Geschichte über Jugend, Vergänglichkeit, Begehren und die innere Leere einer Schicht, die versucht, Identität über Konsum herzustellen.
Die Serie übernimmt Teile dieser Perspektive. Immer wieder hört man Bret aus dem Off, der das Geschehen als Erinnerung rahmt. Im Roman führt genau das zu Misstrauen: Erinnerungen sind keine exakten Aufzeichnungen, sondern verändern sich. Aus dieser Unsicherheit entsteht dort eine eigene, subtile Spannung.
Im Fernsehen tritt dieses Element etwas in den Hintergrund. Murphy und Ellis setzen stärker auf Suspense und rücken den Serienmörder deutlicher ins Zentrum. Schon nach kurzer Zeit gibt es die erste Leiche, während Brets innere Abgründe zunächst vorsichtiger angedeutet werden.
Begehren und Gewalt
Trotzdem entwickelt die Geschichte Kraft, weil sie zwei Grundmotive verbindet, die kulturell seit jeher eng beieinanderliegen: Begehren und Tod. „The Shards“ zeigt Figuren, die einander ansehen, kontrollieren, besitzen und begehren wollen. Dem gegenüber steht der Killer, der Menschen buchstäblich zu Objekten macht.
So entsteht nach und nach der Eindruck, dass der „Trawler“ womöglich nicht der einzige Wahnsinnige in dieser Geschichte ist — sondern nur derjenige, bei dem der Wahnsinn am offensten zutage tritt.
„The Shards“ läuft seit 6. August bei Disney+. Geplant sind neun Episoden, das Finale folgt am 10. September.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber