Münchener Jahre von Freddie Mercury kommen auf die Bühne
Für viele waren es Freddie Mercurys prägendste, manche sagen sogar seine besten Jahre: Über seine Zeit in München ist viel geschrieben und erzählt worden. Noch heute erinnert ein Mosaik an der legendären „Deutschen Eiche“ daran, dass der Queen-Frontmann dort zwischen 1979 und 1985 Stammgast war. Stadtführungen führen Besucher weiterhin zu den Orten, an denen Mercury lebte, feierte und liebte.
Besonders legendär ist die Feier zu seinem 39. Geburtstag im Travestie-Club „Old Mrs. Henderson“, der später „Paradiso“ hieß. Das Fest wurde im Musikvideo zu „Living on My Own“ festgehalten. Die Rechnung belief sich damals auf 82.500 D-Mark. Der Beleg wurde 2023 als Teil eines Konvoluts aus Mercurys Nachlass für mehr als 30.000 Euro versteigert.
Zwischen Stadtgeschichte, Musik, Biografie und Philosophie
Das Münchner Residenztheater widmet dieser Phase nun ein eigenes Stück. Im Marstall wurde „Mercury“ mit viel Applaus uraufgeführt. Die Inszenierung erzählt die wilden Münchner Jahre nicht einfach nach, sondern verbindet Stadt- und Musikgeschichte mit Biografie, Philosophie und Gesellschaftskritik – emotional, berührend und mit spürbarem Herzblut.
Im ersten Teil führt Regisseur Michał Borczuch in den „Ochsengarten“, die bekannte Münchner Schwulen- und Fetischbar. Dort trafen sich schon damals in Leder gekleidete „Männer in Ochsenhäuten“. Auch Mercury soll dort oft gewesen sein, ebenso wie in der „Deutschen Eiche“, wo er angeblich gern nachmittags frühstückte, wenn kaum andere Gäste da waren – und wo er laut Stück sogar „Fleischpflanzerl direkt aus der Pfanne“ aß.
Erinnerungen an Freiheit, Angst und Verlust
In diesen Szenen berichten verschiedene Männer von ihrem Leben als Homosexuelle im München der Kardinäle Wetter und Ratzinger. Es geht um Orgien im Untergrund, kurze und intensive Begegnungen in dampfenden Saunen, um Verfolgung und Razzien im Englischen Garten – und um das Gefühl von Freiheit in der Unfreiheit.
Ebenso präsent ist die Angst und Trauer, die über die Szene hereinbrach, als immer mehr Männer an Aids starben – darunter 1991 schließlich auch Mercury im Alter von nur 45 Jahren. Ein Satz aus dem Stück bleibt besonders eindringlich: „Das Salz fremder Haut vermischte sich mit dem Salz der Tränen.“
Die Inszenierung fragt zudem, ob mit wachsender gesellschaftlicher Anerkennung auch etwas verloren ging – etwa als schwule Männer begannen, ähnliche bürgerliche Lebensmodelle zu verfolgen wie Heterosexuelle, mit Ehe und Familiengründung. Zugleich richtet das Stück den Blick auf die Gegenwart und fragt, was in einer politisch nach rechts rückenden Gesellschaft aus queerer Kultur wird.
Einer der Männer sagt, lange habe man geglaubt, alles werde immer besser – gerade in München, dieser „rosa Insel im schwarzen Bayern“. Doch die Sorge ist groß: Sind wir „in zehn Jahren wieder im Mittelalter“? Seine düstere Vermutung lautet: „Ich glaube, die queere Kultur wird wieder verschwinden.“
Vier Darsteller verkörpern Mercury
Erst im zweiten Teil rückt Freddie Mercury selbst ins Zentrum – und das gleich in vierfacher Gestalt. Vincent Glander, Thomas Hauser, Max Mayer und Pujan Sadri teilen sich die Rolle des Sängers. In weißen Hosen, roten Hosenträgern und auffälligen Paradiesvogel-Shirts stellen sie originale Interviewsituationen nach. Niklas Mitteregger übernimmt die Rolle des Journalisten.
Jeder der vier Mercury-Darsteller setzt dabei einen anderen Schwerpunkt. Glander überzeugt mit markantem britischem Akzent, Mayer konzentriert sich besonders auf Gestik und Körpersprache. Im Zusammenspiel entsteht so das Bild eines schillernden, vielschichtigen Künstlers: gefeiert und zugleich einsam, extrovertiert und zurückhaltend, lebenshungrig und schließlich todkrank – und bis zuletzt eine Ikone.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion