Zverev erstmals im Wimbledon-Halbfinale
Alexander Zverev hat zum ersten Mal das Halbfinale von Wimbledon erreicht und ist nur noch zwei Siege vom Titel beim Rasenklassiker entfernt. Rund einen Monat nach seinem Triumph bei den French Open gewann Deutschlands bester Tennisspieler in London überraschend deutlich mit 6:4, 6:4, 6:2 gegen den US-Amerikaner Taylor Fritz.
Für Zverev war es nicht nur ein überzeugender Erfolg gegen seinen bisherigen Angstgegner, sondern auch das Ende einer langen Negativserie. Zuvor hatte er sieben Partien nacheinander gegen Fritz verloren. Nach 1:58 Stunden verwandelte der Weltranglisten-Dritte seinen ersten Matchball.
Kurz vor dem Ende seiner Partie erfuhr Zverev auf kuriose Weise bereits, gegen wen es nun weitergeht. Der Jubel vom Centre Court über den Sieg des britischen Außenseiters Arthur Fery schwappte herüber, sodass sich Zverev vor den letzten Punkten noch einmal sammeln musste. Danach brachte er seinen konzentrierten Auftritt souverän zu Ende.
"Es klingt großartig", sagte Zverev über seinen Halbfinal-Einzug. Er habe ein fantastisches Match gespielt, endlich in Wimbledon richtig gut aufgespielt und hoffe, noch zwei weitere Partien bestreiten zu dürfen. Für ihn ist es ein lange erhoffter Durchbruch in London, nachdem er dort bislang nie über das Achtelfinale hinausgekommen war.
In seinem ersten Wimbledon-Viertelfinale überzeugte der Tokio-Olympiasieger mit einer konzentrierten und dominanten Vorstellung. Bei Temperaturen von mehr als 30 Grad brauchte Zverev zwar einen kurzen Moment, um in die Partie zu finden, wirkte danach aber hellwach und deutlich frischer als sein Gegner. Vor allem auf seinen Aufschlag konnte er sich verlassen und kontrollierte das Match über weite Strecken.
Bereits im ersten Satz reichte ihm ein Break zum 2:1. Als er zum Satzgewinn servierte, geriet er kurz ins Wanken, befreite sich aber mit starken Aufschlägen. Im zweiten Durchgang blieb Zverev emotional, suchte immer wieder die Unterstützung des Publikums und bejubelte das Break zum 5:4 mit einem lauten Schrei. Wenig später machte er auch den dritten Satz souverän zu.
Vor dem Spiel hatte Zverev seine gute Form selbstbewusst beschrieben: Wenn seine Schläge die nötige Geschwindigkeit hätten, werde er das Match gewinnen. Auf dem Platz ließ er diesen Worten Taten folgen. Danach sagte er, nichts auf dem Tennisplatz sei einfach – vielleicht nur ein Spiel gegen seine fünf Jahre alte Tochter, "für sie".
Fritz, der in der Wimbledon-Vorbereitung mit Finalteilnahmen in Stuttgart und Halle überzeugt und Zverev in Halle noch geschlagen hatte, wirkte diesmal körperlich eingeschränkt. Zu Beginn des zweiten Satzes ließ sich der 28-Jährige am Knie behandeln. Knieschmerzen begleiten den Amerikaner bereits seit dem vergangenen September. Beim Turnier in Halle hatte Zverev zudem selbst mit Problemen rund um seine Diabetes-Erkrankung zu kämpfen.
Zverev revanchierte sich damit auch für eine besonders bittere Niederlage vor zwei Jahren in Wimbledon. Damals hatte er gegen Fritz trotz 2:0-Satzführung noch verloren, nachdem ihn im Achtelfinale eine Knieverletzung beeinträchtigt hatte. Diese Partie markierte den Beginn seiner Negativserie gegen den Weltranglisten-Siebten.
Am Freitag spielt Zverev nun gegen den britischen Außenseiter Arthur Fery um den Einzug ins Finale. Der Weltranglisten-114. setzte sich überraschend gegen Zverevs Paris-Finalgegner Flavio Cobolli mit 6:4, 7:6 (7:4), 6:0 durch. Fery ist nur wenige Minuten vom All England Club entfernt aufgewachsen und überhaupt nur dank einer Wildcard im Hauptfeld dabei.
Zverev weiß, dass ihn gegen den Lokalhelden eine besondere Atmosphäre erwartet. "Ihr könnt alle für Fery sein, das ist total okay. Ich verstehe das. Ich habe kein Problem damit. Es wird ein aufregender Tag für uns beide", sagte er im Siegerinterview. Zugleich betonte er, die Geschichte um den Briten sei zwar schön, er müsse sich aber vor allem auf sich selbst konzentrieren.
Weil Carlos Alcaraz nach seiner Verletzung wie schon in Paris fehlt, ist der deutsche Spitzenspieler in Wimbledon an Position zwei gesetzt – hinter Titelverteidiger Jannik Sinner. Bislang wird Zverev dieser Favoritenrolle gerecht. Im anderen Halbfinale treffen Sinner und Novak Djokovic aufeinander.
Für den Hamburger ist es bereits das zwölfte Halbfinale bei einem Grand-Slam-Turnier. In Wimbledon ist er nun erst der fünfte deutsche Halbfinalist im Männer-Einzel nach Boris Becker, Michael Stich, Rainer Schüttler und Tommy Haas.
Lob bekam Zverev auch von Ex-Wimbledonsieger Michael Stich. Der frühere Champion sprach von einer großartigen Leistung und nannte es eines von Zverevs besten Matches in Wimbledon. Für Stich ist der Deutsche von den verbliebenen Spielern derzeit sogar der bestformierte Profi im Turnier.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber