Zu später Stunde haben die Dopingkontrolleure bei der Tour de France erneut Fahrer aufgesucht. Nach Tadej Pogacar musste sich nun auch der deutsche Profi Nils Politt einer späten Kontrolle unterziehen. Der Zeitfahrmeister berichtete, dass die Kontrolleure am Vorabend gegen 22.00 Uhr bei ihm geklopft hätten. Er sei zu diesem Zeitpunkt bereits fast eingeschlafen gewesen.
Politts Test lag noch im normalen Rahmen. In Frankreich müssen unangekündigte Kontrollen zwischen 23.00 und 6.00 Uhr von einem Gericht genehmigt werden. Genau diese besonders umstrittenen Nachtkontrollen hatten zuletzt bereits für Wirbel gesorgt: Pogacar war nach eigenen Angaben um 5.00 Uhr morgens getestet worden, beim inzwischen nach einem Sturz ausgeschiedenen Jonas Vingegaard erschienen die Kontrolleure sogar um 2.00 Uhr nachts.
Politt zeigte grundsätzlich Verständnis für die Maßnahmen. Er warb für einen sauberen Sport und machte deutlich, dass die Fahrer bei Kontrollen mitziehen müssten. Gleichzeitig betonte der Kölner, dass Tests tief in der Nacht trotz Regelkonformität problematisch seien. Ein Mindestmaß an Schlaf müsse aus seiner Sicht erhalten bleiben.
Auch beim Red-Bull-Team war es am Montagabend zu einer groß angelegten Kontrolle gekommen. Nach Angaben des Rennstalls wurden gegen 22.00 Uhr im Teamhotel alle acht Fahrer überprüft, darunter auch Florian Lipowitz. Dabei handelte es sich laut Team jedoch nicht um eine eigentliche Nachtkontrolle, weil das erlaubte Zeitfenster noch nicht überschritten war. Am selben Abend wurden auch Teams wie Decathlon, Groupama, Picnic PostNL, Jayco-AlUla und Bahrain-Victorious besucht.
Auffällig bleibt dennoch die hohe Zahl an Tests während der laufenden Tour. Einen positiven Fall hat es bisher nicht gegeben. Trotzdem wächst im Peloton die Unruhe. Diskutiert wird über mögliche Verdachtsmomente, über Wachstumshormone und über Mittel, die nur für wenige Stunden nachweisbar sein sollen. Der bislang letzte Dopingfall bei der Tour liegt elf Jahre zurück und betraf den Italiener Luca Paolini.
Gericht genehmigte nächtliche Einsätze
Die besonders umstrittenen Kontrollen mitten in der Nacht mussten eigens erlaubt werden. Nach Informationen der französischen Sportzeitung L’Equipe genehmigte ein Pariser Gericht diese Einsätze auf Antrag der International Testing Agency (ITA). Demnach wurde damit erstmals eine Regelung angewandt, die bereits 2015 ins französische Recht aufgenommen worden war.
Im Fahrerfeld fielen die Reaktionen entsprechend heftig aus. Begriffe wie „unmenschlich“, „Schande“ und „respektlos“ machten die Runde. Zusätzliche Schärfe erhielt die Debatte durch den Sturz von Vingegaard, der sich das Schlüsselbein brach und die Rundfahrt verlassen musste. Pogacar hatte angedeutet, dass die nächtliche Kontrolle womöglich auch Einfluss auf die Konzentration des Dänen gehabt haben könnte.
Rückendeckung bekamen die Kritiker von der Fahrervereinigung CPA. Sie unterstützt zwar den Kampf gegen Doping, sieht in der aktuellen Praxis aber eine Belastung für Erholung, Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Profis.
Vaughters hält Kontrollen in der Nacht für wirksam
Der frühere Dopingsünder und heutige Teammanager Jonathan Vaughters verteidigte die umstrittenen Maßnahmen ausdrücklich. Auf X schrieb er, Kontrollen um 2.00 Uhr nachts gehörten zu den wirksamsten Mitteln gegen Mikrodosierungen von Peptiden wie EPO, hGH und Testosteron. Wären solche Tests schon deutlich früher üblich gewesen, hätte der Radsport aus seiner Sicht späteres Drama vermeiden können.
Zugleich räumte Vaughters ein, dass Fahrer wie Pogacar und Vingegaard nun auch für die Verfehlungen früherer Generationen mitzahlen müssten. Einige schlaflose Nächte seien aus seiner Sicht dennoch vertretbar, wenn dadurch die Glaubwürdigkeit des Sports steige.
Auch Red-Bull-Teamchef Ralph Denk äußerte Verständnis. Angesichts der belasteten Vergangenheit des Radsports seien Kontrollen notwendig, sagte er im ZDF. Selbst wenn sie die Regeneration störten, gehörten sie dazu. Manche seiner Fahrer hätten um 22.00 Uhr bereits geschlafen und trotzdem getestet werden müssen.
Spekulationen über Hintergründe
Der belgische Profi Oliver Naesen, der nicht bei der Tour startet, nannte im Podcast von Het Laatste Nieuws mögliche Gründe für die verschärften Maßnahmen. Er habe gehört, dass gezielt nach Wachstumshormonen gesucht werde. Außerdem gebe es angeblich Substanzen, die nur etwa drei Stunden lang im Blut nachweisbar seien.
Gerade deshalb müssten Anti-Doping-Agenturen aus seiner Sicht in kritischen Momenten testen. Zugleich betonte Naesen, er habe keinerlei konkrete Hinweise auf Doping im aktuellen Peloton. Kontrollen um 2.00 Uhr nachts halte er dennoch für extrem. Dopingtests gehörten zwar zum Beruf, mitten in der Nacht habe er so etwas aber noch nie erlebt.
Die ITA verteidigte ihr Vorgehen unterdessen gegenüber der Nachrichtenagentur AP. Man wisse, dass nächtliche Kontrollen die Ruhe und Erholung der Fahrer beeinträchtigen könnten. Gleichzeitig trage die Behörde im Auftrag des Weltverbands UCI die Verantwortung dafür, die Wirksamkeit des Anti-Doping-Programms und die Integrität der Rennen zu sichern.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber