Antonelli vor historischem Titelgewinn: Wolffs nächster großer Mercedes-Coup
Toto Wolff hat lange auf diesen Moment hingearbeitet. Nun könnte Mercedes schon in wenigen Tagen wieder einen Formel-1-Weltmeister stellen. Kimi Antonelli hat beim Großen Preis der USA in Austin am Sonntag (21.00 Uhr MEZ/Sky) die erste Chance, sich zum Champion zu krönen. Für Wolff wäre es der erste Fahrertitel seit 2020 – nach der dominanten Silberpfeil-Zeit mit sieben WM-Erfolgen in Serie.
Frühes Vertrauen in ein Ausnahmetalent
Antonelli hat sich in eine glänzende Ausgangsposition gebracht. Vor dem Rennen in Austin liegt er in der Gesamtwertung 102 Punkte vor Teamkollege George Russell. Lewis Hamilton, dessen Mercedes-Cockpit der Italiener übernommen hat, folgt im Ferrari mit 111 Punkten Rückstand. Max Verstappen liegt im Red Bull 119 Zähler zurück.
Sollte Antonelli in Texas gewinnen und Russell sowie Hamilton nicht besser als Neunter beziehungsweise Fünfter werden, wäre die Entscheidung bereits gefallen.
Falls nicht, bieten sich direkt die nächsten Möglichkeiten: eine Woche später in Mexiko-Stadt und kurz darauf in São Paulo. Danach stehen nach aktuellem Plan noch die Rennen in Las Vegas, Katar und Abu Dhabi an. Für Wolff, der Motorsportchef, Teamchef und Miteigentümer des Mercedes-Rennstalls ist, wäre ein Titel Antonellis die Vollendung eines weiteren langfristigen Projekts.
Schon früh setzte Wolff auf den Italiener. Er begleitet dessen Karriere seit dem Kindesalter. Antonelli war damals noch ein junger Kartpilot, der stolz die Mercedes-Farben trug. Die Entscheidung für ihn war dennoch mutig: ein Teenager ohne Formel-1-Erfahrung, der kurz vor seiner offiziellen Beförderung in Monza bei einem Trainingseinsatz den Mercedes von Russell stark beschädigte. Wolff hielt trotzdem an seinem Plan fest. Dass die Bekanntgabe ausgerechnet beim Ferrari-Heimrennen erfolgte, dürfte kaum zufällig gewesen sein.

Italien wartet seit Jahrzehnten auf einen Champion
In Italien ist die Sehnsucht nach einem eigenen Formel-1-Weltmeister riesig. Seit Alberto Ascari 1953 seinen zweiten Titel holte, hat kein Italiener mehr die Fahrer-WM gewonnen. Auch Ferrari wartet bald seit 20 Jahren auf einen Fahrer-Triumph.
Ausgerechnet Wolff könnte dieses Warten nun beenden helfen – als österreichischer Teamchef eines deutschen Werksteams, der einen Italiener zum Weltmeister formt.
Ein wichtiger Baustein war auch Talent-Scout Gwen Lagrue, den Wolff 2015 zu Mercedes holte. Sowohl Antonelli als auch Russell stammen aus dem Nachwuchsprogramm. Dass Lagrue ab 2027 für Red Bull Talente entdecken soll, unterstreicht seinen Ruf zusätzlich.
Antonelli schlägt die etablierten Stars
Nach Antonellis erstem Grand-Prix-Sieg der Saison in China hob Lagrue vor allem zwei Dinge hervor: Tempo und Mentalität. In Shanghai habe Antonelli beides gezeigt. Es blieb nicht bei diesem einen Erfolg – sieben weitere Siege kamen hinzu.
Russell, Rekordweltmeister Hamilton und Vierfach-Champion Verstappen: Antonelli hat sich gegen alle behauptet. Und das in seiner ersten Saison, die auch Rückschläge und öffentliche Zweifel mit sich brachte. Der Druck war enorm, zumal der Italiener auf dem Weg in die Formel 1 sogar die Formel 3 ausgelassen hatte.
Wolff hatte schon Ende der vergangenen Saison darauf hingewiesen, wie groß die Erwartungen an Antonelli in seiner Heimat seien. Dort sei er früh fast schon wie eine Legende behandelt worden. Umso größer dürfte die Begeisterung werden, falls der Titel tatsächlich gelingt.
Wolff als Förderer und Schutzschild
Wolff tritt für Antonelli nicht nur als Chef, sondern auch als Beschützer auf. Er stärkt ihm den Rücken, bremst ihn bei Bedarf und spricht offen mit ihm. Nach Antonellis Unfall mit einem streng limitierten Supersportwagen im Februar reagierte Wolff bemerkenswert gelassen: schade um das Auto, aber letztlich sei es eben nur ein Auto gewesen.
Ein weiterer wichtiger Faktor war, dass Mercedes Hamiltons langjährigen Erfolgsingenieur Peter Bonnington für die Zusammenarbeit mit Antonelli gewinnen konnte. Bonnington betonte während der Saison mehrfach, wie viel Freude die Arbeit mit dem jungen Italiener mache – auch weil er das Team immer wieder überrasche.
Wolff verglich Antonelli einmal sogar mit einem KI-Agenten, der sich ständig weiterentwickelt und dazulernt.
Feingefühl für Ausnahmekönner
Wolff weiß aus der Zusammenarbeit mit Hamilton, dass außergewöhnliche Fahrer oft auch eine besondere Behandlung brauchen. Wer am Limit arbeitet – und in der Formel 1 häufig darüber hinaus -, braucht nicht nur technische Perfektion, sondern auch menschliches Feingefühl.
Vor seinem womöglich entscheidenden Wochenende in Austin lenkte sich Antonelli noch mit einem Besuch bei den NBA-Profis der San Antonio Spurs ab. Nun könnte der nur 1,72 Meter große Italiener, der fast immer von seinem Vater begleitet wird, selbst endgültig zu den Großen seines Sports gehören.
Bislang gab es 35 Formel-1-Weltmeister. Antonelli könnte Nummer 36 werden und Lando Norris als Titelträger ablösen. Vor allem aber würde er einen Altersrekord aufstellen: Noch nie war ein Fahrer bei seinem ersten WM-Gewinn jünger. Sebastian Vettel hält diese Bestmarke derzeit noch – er war 2010 bei seinem ersten Titel 23 Jahre alt. Vettel selbst sagte zuletzt, er würde sich sehr für Antonelli freuen, der ein unglaubliches Jahr fahre.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber