McNulty überrascht die Konkurrenz und holt WM-Gold
Brandon McNulty hat bei der Straßenrad-WM in Montreal für eine der größten Überraschungen der Titelkämpfe gesorgt und sämtliche Topfavoriten hinter sich gelassen. Der 28 Jahre alte US-Amerikaner, Teamkollege des verletzten Titelverteidigers Tadej Pogacar, setzte sich nach 273,4 extrem anspruchsvollen Kilometern vor dem Australier Michael Matthews durch. Bronze ging an den Niederländer Mathieu van der Poel. Florian Lipowitz zeigte nach seiner langen Verletzungspause zwar ein couragiertes Rennen, spielte im Kampf um die Medaillen aber wie erwartet keine entscheidende Rolle.
Nach dem Zieleinlauf schlug McNulty erst vor Freude auf den Lenker und hielt sich dann ungläubig die Hände vors Gesicht. In einem der spektakulärsten WM-Rennen der jüngeren Geschichte schockte er die gesamte Konkurrenz und schlüpfte als erster US-Amerikaner seit Lance Armstrong ins Regenbogen-Trikot. Armstrong ist wegen Dopings lebenslang gesperrt und hatte 1993 in Oslo gewonnen.
Etwa 33 Kilometer vor dem Ziel setzte McNulty seine entscheidende Attacke. Die im Vorfeld hoch gehandelten Paul Seixas aus Frankreich, Isaac Del Toro aus Mexiko und Belgiens Remco Evenepoel reagierten zunächst überhaupt nicht und anschließend zu spät. Auf dem schweren Kurs mit 13 Runden am Mont Royal und insgesamt rund 3800 Höhenmetern brachte McNulty seinen Vorsprung bis ins Ziel.
Der Überraschungssieger zeigte sich danach völlig entkräftet und rang nach Worten. „Ich weiß gar nicht, was los ist“, sagte McNulty. Über die letzten Kilometer seiner Solofahrt meinte er: „Ich bin gestorben.“
Pogacar nimmt Abschied vom Regenbogen-Trikot
Einen Tag vor dem Rennen hatte sich Titelverteidiger Pogacar via Instagram gemeldet. Erstmals nach seinem schweren Sturz vor einem Monat saß der Tour-Sieger wieder auf dem Rad und zeigte noch einmal sein Weltmeistertrikot. „Der erste Tag zurück, der letzte Tag mit dem Regenbogen“, schrieb der Slowene.
Das Rennen begann wie erwartet mit einer großen Ausreißergruppe. Unter den 16 Fahrern vorne war auch der deutsche Meister Felix Engelhardt. Der Vorsprung wuchs zeitweise auf fast neun Minuten, schmolz aber auf dem 13-mal zu fahrenden Rundkurs am Mont Royal nach und nach dahin.
Anspruchsvoller Kurs mit „ekliger Distanz“
Pro Runde mussten 269 Höhenmeter bewältigt werden. Der härteste von drei Anstiegen führte auf den Hausberg von Montreal. ZDF-Experte Simon Geschke beschrieb den 1,7 Kilometer langen Hügel als „eklige Distanz“: zu kurz, um sich das Rennen sauber einzuteilen, aber zu lang, um ihn einfach in einem Zug voll hochzufahren. Geschke war den Grand Prix Montreal als Profi bereits sechsmal auf nahezu identischer Strecke gefahren.
Zwei Wochen zuvor hatte Del Toro das Eintagesrennen in Montreal im Sprint gegen Seixas gewonnen, während Evenepoel als Fünfter nicht restlos überzeugte. Bei der WM übernahm Frankreich lange die Kontrolle und stellte sich ganz in den Dienst von Seixas. Der 20-Jährige galt unter den Favoriten als Fahrer mit dem vergleichsweise schwächsten Sprint und war deshalb auf eine Attacke aus einem harten Rennen heraus angewiesen.
Van der Poel sorgt für Chaos
Rund 90 Kilometer vor dem Ziel war es mit der Kontrolle jedoch vorbei. Ex-Weltmeister van der Poel forcierte das Rennen mit einer Attacke und sorgte damit für die von ihm gewünschte Härte. Gemeinsam mit Wout van Aert, Quinn Simmons und Primoz Roglic bildete er eine enorm starke Gruppe.
Dadurch mussten Seixas und Del Toro in der Verfolgung selbst die Initiative ergreifen. Das bekam Lipowitz zu spüren: Der 26-Jährige musste reißen lassen, seine lange Pause nach dem vor zwei Monaten erlittenen Schlüsselbeinbruch machte sich bemerkbar. Die Gruppe um van der Poel wurde 34 Kilometer vor dem Ziel wieder gestellt – kurz darauf eröffnete McNulty das entscheidende Finale.
German Cycling beendet die WM mit nur einer Medaille
Für den deutschen Verband German Cycling endeten die Titelkämpfe mit lediglich einer Medaille. Franziska Koch hatte gleich zu Beginn der WM Bronze im Einzelzeitfahren gewonnen. Dazu kamen einige respektable Top-Ten-Ergebnisse in den Nachwuchsklassen, allerdings auch Rückschläge. So blieben die hoch eingeschätzten U23-Männer sogar außerhalb der besten 20. Bereits im Vorjahr in Kigali war German Cycling ohne Edelmetall geblieben.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber