Aicher setzt in Sölden früh ein Ausrufezeichen
Emma Aicher griff im Presseraum erst einmal zur Wasserflasche und zeigte sich selbst überrascht. Mit ihrem starken dritten Platz zum Start der neuen alpinen Weltcup-Saison hatte die deutsche Skirennfahrerin nach eigenen Worten nicht gerechnet. In Sölden machte die 22-Jährige aber sofort deutlich, dass mit ihr nicht nur in den Speed-Disziplinen, sondern auch im Riesenslalom zu rechnen ist. Sogar Topstar Mikaela Shiffrin ließ sie hinter sich.
Auch wenn Aicher solche Ziele nie laut aussprechen würde, untermauerte sie mit ihrem Auftritt ihren Status als Kandidatin für ganz große Erfolge. Im deutschen Verband wird zwar darauf geachtet, die Erwartungen an die vielseitige Athletin nicht zu hochzuschrauben. Gleichzeitig ist allen bewusst, welches Potenzial in der gebürtigen Schwedin steckt. Ein Angriff auf den Gesamtweltcup scheint ihr grundsätzlich zuzutrauen zu sein.
Gratz gelingt ein starker Saisonauftakt
Auch für die deutschen Männer verlief der Start in den Winter ordentlich. Fabian Gratz fuhr im Riesenslalom beim Sieg des Brasilianers Lucas Pinheiro Braathen auf Rang sechs und erzielte damit das zweitbeste Weltcup-Ergebnis seiner Laufbahn. Nachdem das deutsche Männerteam in dieser Disziplin vor einigen Jahren noch weit von der Spitze entfernt war, zeigt die Entwicklung inzwischen wieder klar nach oben.
Dennoch steht Aicher im deutschen Team besonders im Fokus. Schon vor ihrem starken Finish in Sölden galt sie als Hoffnungsträgerin. Nach dem zweiten Lauf, in dem sie sich auch dank veränderter Bedingungen von Platz neun noch aufs Podium verbesserte, sprach sie von einem Rennen, das sich richtig gut angefühlt habe.

Im Ziel jubelte Aicher ausgelassen. Ausschlaggebend dafür sei gewesen, dass ihre Zeit grün aufleuchtete und sie sofort wusste, dass sie nicht mehr weiter zurückfallen würde. Dass es am Ende tatsächlich für die Top drei reichen würde, habe sie selbst nicht erwartet.
Shiffrin verpasst den großen Wurf
Mitentscheidend war auch, dass Halbzeit-Spitzenreiterin Mikaela Shiffrin im zweiten Durchgang bei schwieriger werdenden Verhältnissen nicht zulegen konnte und auf Platz sieben zurückfiel. Damit verpasste die Amerikanerin ihren 111. Weltcupsieg. Stattdessen feierte ihre Teamkollegin Paula Moltzan ihren ersten Erfolg im Weltcup.
Shiffrin hatte vor der Saison angekündigt, etwas weniger Slalom zu fahren und den Schwerpunkt stärker auf Riesenslalom und Super-G zu legen. Sie sprach selbst von einer "Saison des Erkundens". Der Auftakt verlief für die sechsmalige Gesamtweltcupsiegerin jedoch eher verhalten.
Aicher bleibt trotz Hype gelassen
Aicher ließ sich vom großen Interesse an ihrer Person nicht beeindrucken. Nach ihrer herausragenden Vorsaison mit unter anderem zwei olympischen Silbermedaillen und drei Weltcupsiegen war sie schon vor dem Rennen immer wieder auf ihre Chancen im Kampf um die große Kugel angesprochen worden. Der Erwartungsdruck ist spürbar.
Davon war in Sölden aber nichts zu merken. Aicher blieb bei Temperaturen um den Gefrierpunkt bemerkenswert cool und erklärte, dass ihr alles Drumherum egal gewesen sei. Damit stand sie nun in allen vier Disziplinen bereits auf einem Weltcup-Podest. Im Riesenslalom hatte ihr bestes Ergebnis zuvor ein vierter Platz in Are im vergangenen März gewesen. In Sölden war sie im Vorjahr noch 28. geworden.
Ihre Entwicklung wirkt derzeit rasant. Mit Blick auf die Saison, deren Höhepunkt die WM in Crans-Montana im Februar sein wird, scheint für Aicher vieles möglich. Österreichs Riesenslalom-Spezialistin Julia Scheib hatte sie vor dem Rennen als "coole Socke" bezeichnet – und genau diesen Eindruck bestätigte die Deutsche eindrucksvoll.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber