Hamilton zwischen Modegeschäft und Ferrari-Krise
Mitten im Luxuskomplex von Singapur hat Lewis Hamilton einen neuen Akzent abseits der Rennstrecke gesetzt. Im Fünf-Sterne-Resort Marina Bay Sands eröffnete der Formel-1-Rekordweltmeister einen Pop-up-Store seiner Marke Plus44 – die erste Dependance in Südostasien. Schon früh warteten die ersten Interessierten, um die Streetwear-Kollektion zu sehen.
Ein langärmeliges Shirt kostet umgerechnet rund 80 Euro, Shorts etwa 73 Euro. Hamilton nutzt das Grand-Prix-Wochenende also nicht nur sportlich, sondern auch geschäftlich. Denn längst ist der Brite weit mehr als nur Rennfahrer. Gerade in seinem Hauptberuf läuft es allerdings alles andere als rund – vor allem seit seinem Wechsel zu Ferrari.
Ferrari und die Last der eigenen Geschichte
Ferrari nimmt in der Formel 1 seit jeher eine Sonderstellung ein. Seit der ersten WM-Saison 1950 ist die Scuderia durchgehend dabei und wurde zur erfolgreichsten Marke der Königsklasse. 16 Konstrukteurstitel und 15 Fahrerweltmeisterschaften stehen in der Bilanz. Michael Schumacher prägte mit fünf WM-Erfolgen in Serie eine der größten Epochen des Teams.
Doch diese Glanzzeiten liegen inzwischen weit zurück. Den letzten Konstrukteurstitel holte Ferrari 2008, die letzte Fahrer-WM gewann Kimi Räikkönen bereits 2007. Für einen Rennstall, der in Italien fast schon als nationales Symbol gilt, ist diese Durststrecke schwer hinnehmbar.
Hamilton beschrieb die besondere Wucht der Emotionen bei Ferrari einmal so: Wenn es gut laufe, sei die Euphorie riesig – wenn nicht, sei die Enttäuschung um ein Vielfaches größer als anderswo.

Vasseur unter Druck
Im Mittelpunkt der Diskussionen steht Teamchef Fred Vasseur, der seit Januar 2023 die sportliche Verantwortung trägt. Seine Aufgabe ist klar: Ferrari zurück an die Spitze führen. Doch auch in dieser Saison deutet vieles darauf hin, dass daraus nichts wird. In der Fahrerwertung liegt ausgerechnet Mercedes-Pilot Kimi Antonelli, ein Italiener, deutlich vorn. Auch in der Konstrukteurswertung hat Mercedes klar die Nase vor Ferrari.
Vasseur versucht dennoch, Geschlossenheit zu demonstrieren. Nach außen betonte er, Ferrari müsse in Erfolgs- wie in Krisenzeiten zusammenstehen. Solche Appelle sind in der Formel 1 meist ein Zeichen dafür, dass die Diskussion über die eigene Zukunft längst begonnen hat. Bereits kursieren wieder Namen möglicher Alternativen, darunter Christian Horner oder Ferrari-Langstreckenchef Antonello Coletta.
Dabei hatte die erste Saisonhälfte noch Hoffnungen geweckt, Ferrari könne bis zum Ende um den Titel kämpfen. Das Auto zählt beim Chassis zur Spitzengruppe, doch beim Motor und auch bei strategischen Entscheidungen hakt es immer wieder.
Das Rennen in Malaysia als Sinnbild
Besonders deutlich wurde das zuletzt beim Grand Prix in Malaysia. Hamilton startete von Platz zwei, fiel auf den weichen Slicks auf feuchter Strecke aber zwischenzeitlich bis auf Rang 18 zurück. Rivalen wie Max Verstappen und Antonelli hatten zu Beginn auf Intermediates gesetzt und damit die bessere Entscheidung getroffen.
Hamilton kämpfte sich zwar noch stark zurück und wurde Dritter, machte anschließend aber öffentlich, dass er selbst früh für die letztlich richtige Reifenwahl plädiert hatte. Damit wurde die Debatte über Ferraris Strategie erneut angeheizt.
Schon zuvor hatte Hamilton intern und öffentlich Kritik geäußert. Beim Heimrennen in Monza bemängelte er fehlende klare Regeln im Umgang der Fahrer untereinander und verwies dabei ausdrücklich auf die Führungsebene. Solche Aussagen verstärkten den Druck auf Vasseur zusätzlich – obwohl dessen Vertrag erst im Sommer 2025 langfristig verlängert worden war.
Ende September hatte Ferrari in einem ungewöhnlichen Schritt sogar kurzfristig eine Medienrunde organisiert, um Vasseur vor dem Malaysia-Rennen öffentlich zu stützen. Die Rückendeckung kam dabei im Namen von Präsident John Elkann und Vorstandschef Benedetto Vigna.
Unterstützung von oben – und von den Fahrern
Vasseur selbst hob hervor, dass sein Verhältnis zu Elkann und Vigna sehr gut sei. Nach eigenen Angaben stehe er täglich mit ihnen im Austausch und sehe keinen Anlass, sich über die Organisation zu beklagen.
Auch Hamilton schlug zuletzt versöhnlichere Töne an. Er sagte, in solchen Situationen richte sich oft zu viel Aufmerksamkeit auf eine einzelne Person. Viele Menschen hätten diese Rolle bei Ferrari schon ausgefüllt, erklärte er, und bezeichnete Vasseur dennoch als starken Anführer und als die richtige Person, um das Team auf Kurs zu bringen.
Ein tiefer liegendes Strukturproblem
Trotzdem sieht Hamilton offenbar mehr als nur sportliche oder strategische Schwächen. Mit Blick auf die Zukunft müsse man auch die internen Abläufe prüfen, deutete er an. Gemeint sein dürfte vor allem die Entscheidungsstruktur.
Andere Topteams wie Mercedes haben sich in den vergangenen Jahren organisatorisch freier aufgestellt. Teamchef Toto Wolff kann dort mit größerer Unabhängigkeit arbeiten. Bei Ferrari dagegen ist Vasseur stärker an die Konzernspitze gebunden und muss sich gegenüber Elkann und Vigna verantworten. In erfolgreicheren Zeiten hatte Jean Todt ein weitgehend eigenständiges Machtzentrum geschaffen und die Scuderia gemeinsam mit Schumacher zurück an die Spitze geführt.
Vasseurs Ärger über die Medien
Neben den sportlichen Baustellen sieht Vasseur noch ein weiteres Problem: den Druck aus den italienischen Medien. Gegenüber dem französischen Sender CANAL+ beklagte er, dass die Kritik mitunter zu persönlich werde. Das sei nicht in Ordnung, sagte er, zumal nicht nur er selbst, sondern auch die rund 1.500 Mitarbeiter des Teams die Folgen solcher Berichte unmittelbar spürten.
Für sich selbst hat Vasseur deshalb eine klare Strategie entwickelt. Er verzichtet nach eigener Aussage auf soziale Medien, liest keine Presse und versucht, sich so gut wie möglich von der öffentlichen Daueraufregung abzuschirmen.
Bei Ferrari heißt es für ihn damit vorerst: weitermachen, trotz Gegenwind.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber