Rudi Völler hat nach dem enttäuschenden Abschneiden der deutschen Nationalmannschaft bei der WM nach eigenen Angaben ernsthaft über einen Rückzug als DFB-Sportdirektor nachgedacht. Beim Internationalen Trainerkongress in Mainz sagte der 66-Jährige, er habe sich gefragt, ob eine Fortsetzung seiner Arbeit nach dem Turnier überhaupt noch sinnvoll sei. Er sei mit dem Gedanken an einen Abschied sehr nah dran gewesen.
Nach Gesprächen mit der Spitze des Deutschen Fußball-Bundes und mit dem neuen Bundestrainer Jürgen Klopp entschied sich Völler jedoch, seinen Vertrag bis zur Europameisterschaft 2028 zu erfüllen. Danach sei für ihn endgültig Schluss. Eine wichtige Rolle bei seiner Entscheidung spielte nach seinen Worten auch Klopp, der erst am vergangenen Freitag offiziell vorgestellt wurde und nach seinem Urlaub am 15. August seine Arbeit aufnimmt.
Völler betonte, Klopp habe mit seiner Laufbahn und seiner Ausstrahlung großen Eindruck auf ihn gemacht. Wenn ein Trainer mit einem solchen Werdegang ihm sage, er solle weitermachen, freue ihn das sehr. Er wolle den neuen Nationaltrainer auf seine Weise unterstützen.
Völler setzt auf neuen Schwung
Als zentrale Aufgabe nannte Völler, die Nationalmannschaft wieder attraktiver auftreten zu lassen und die Menschen erneut für das Team zu begeistern. Deutschland müsse bei der nächsten EM deutlich besser abschneiden. Dafür brauche es aus seiner Sicht vor allem mehr Widerstandsfähigkeit und eine stabilere Defensive. Genau daran habe es zuletzt gefehlt.
Für den vom DFB ausgerufenen Aufbruch ist Klopp für Völler die ideale Besetzung. Er könne mit seiner Art Optimismus vermitteln und neue Zuversicht schaffen. Zudem habe er schon in der Vergangenheit bewiesen, dass er Menschen mitreißen und Begeisterung entfachen kann.
Der frühere Teamchef, der Deutschland 2002 zur Vize-Weltmeisterschaft geführt hatte, blickt positiv auf die Zusammenarbeit mit Klopp. Er zeigte sich sehr zufrieden mit dessen Verpflichtung und hob hervor, dass Klopp nicht nur fachlich stark sei, sondern auch die besondere Fähigkeit besitze, Menschen mitzunehmen.
Klopp als Hoffnungsträger
Bei Klopps Vorgänger Julian Nagelsmann sei das zuletzt anders gewesen, meinte Völler. Dieser habe am Ende kaum noch Rückhalt gehabt, und nahezu jede Entscheidung sei kritisch ausgelegt worden. Nach dem frühen WM-Aus im Sechzehntelfinale hatte sich der DFB von Nagelsmann getrennt.
Für Klopp erwartet Völler eine andere Ausgangslage. Er traue ihm zu, dank seiner Ausstrahlung, seiner Autorität und seines gewachsenen Ansehens auch einmal ungewöhnliche Wege zu gehen. Zudem werde man ihm eher verzeihen, wenn nicht sofort alles funktioniere. Dieses Vertrauen habe sich Klopp über viele Jahre erarbeitet.
Mit fachlichen Ratschlägen will sich Völler dabei bewusst zurückhalten. Klopp brauche keine sportlichen Hinweise, sagte der Sportdirektor sinngemäß. Helfen könne er ihm aber bei organisatorischen und administrativen Fragen, denn das Amt des Bundestrainers habe noch einmal eine andere Wucht als der Job bei einem großen Verein.
Auch deshalb sagte Klopp seinen ursprünglich geplanten Auftritt als Eröffnungsredner beim Trainerkongress kurzfristig ab. In einer Videobotschaft erklärte er, er wolle nicht schon zu Beginn neue Schlagzeilen produzieren, ohne überhaupt ein Spiel mit der Mannschaft absolviert zu haben.
Kimmich soll weiter eine Schlüsselrolle spielen
Für die kommenden Monate rechnet Völler zwar nicht mit einem kompletten personellen Umbruch, wohl aber mit einzelnen Veränderungen. Klopp werde die Spieler auswählen, die seine Spielidee am besten umsetzen können. Über erste Vorstellungen sei bereits gesprochen worden.
Sicher ist sich Völler, dass Kapitän Joshua Kimmich weiterhin eine tragende Rolle in der DFB-Auswahl spielen wird. Er habe in vielen Länderspielen bewiesen, dass er ein Führungsspieler und ein starker Kapitän sei. Große Veränderungen auf dieser Position erwartet Völler nicht.
Auch Stürmer Nick Woltemade geht nicht davon aus, dass Klopp den Kader völlig umbauen wird. Viele Spieler dürften seiner Einschätzung nach bleiben.
Auftakt im Herbst mit vier Länderspielen
Klopp startet im Herbst mit einem Viererpack an Länderspielen in seine neue Aufgabe. In der Nations League trifft Deutschland Ende September und Anfang Oktober auf die Niederlande, Serbien sowie zweimal auf Griechenland.
Schon in diesen Partien hofft Völler auf attraktivere Auftritte der Nationalmannschaft. Trotz der enttäuschenden vergangenen Turniere bleibe Deutschland für ihn eine Fußballnation, die an einem guten Tag jede Mannschaft schlagen könne.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber