Stehplätze bei DFB-Länderspielen kehren zurück
Zum letzten Mal konnten Fans der deutschen Nationalmannschaft ihre Mannschaft bei einem Länderspiel von Stehplätzen aus unterstützen, als Oliver Bierhoff doppelt traf und Andreas Möller ebenfalls erfolgreich war. Das war am 30. Mai 1998 beim 3:1 gegen Kolumbien im Frankfurter Waldstadion.
Mit dem heutigen Start des freien Vorverkaufs für die ersten beiden Nations-League-Spiele unter dem neuen Bundestrainer Jürgen Klopp ändert sich das nun. Für die Begegnung gegen Griechenland am 27. September in Augsburg startet der Verkauf um 10 Uhr, für das Spiel gegen Serbien am 1. Oktober in München um 14 Uhr. Erstmals seit vielen Jahren werden dabei wieder Stehplatzkarten angeboten.
Warum gab es bei Länderspielen lange keine Stehplätze?
Nach Unglücken in Stadien, vor allem der Katastrophe von Hillsborough 1989 mit 97 Todesopfern, setzte sich international immer stärker das Modell reiner Sitzplatzstadien durch. FIFA und UEFA erlaubten bei internationalen Pflicht- und Freundschaftsspielen schließlich keine klassischen Stehplatzbereiche mehr. Im deutschen Ligaalltag blieben Stehplätze in der Bundesliga und 2. Bundesliga dagegen erhalten. In England dürfen Premier-League-Clubs seit 2022 wieder in begrenztem Umfang Stehplätze anbieten. Sitzplätze gelten insgesamt als leichter kontrollierbar und sicherer.
Warum ist die Rückkehr jetzt möglich?
Auslöser ist ein Beschluss des UEFA-Exekutivkomitees. Das Beobachtungsprogramm für Stehplätze, das seit der Saison 2022/23 läuft, wurde bis zur Spielzeit 2026/27 verlängert und auf zusätzliche Wettbewerbe ausgeweitet.
DFB-Präsident Bernd Neuendorf erklärte, dass der Wunsch nach Stehplätzen bei Länderspielen seit Jahren groß sei. Deshalb habe sich der Verband innerhalb der UEFA intensiv für ihre Rückkehr bei Nationalspielen und Turnieren eingesetzt. Stehplätze seien ein wichtiger Teil der deutschen Fankultur und des Stadionerlebnisses. Mit einem entsprechenden Beschluss der zuständigen DFB-Gremien wurde der Weg dafür nun freigemacht.
Was kosten die Karten und wie viele gibt es?
Mit dem neuen Angebot soll es auch günstigere Tickets für Fans geben. Eine Stehplatzkarte kostet 18 Euro, Mitglieder des Fanclubs Nationalmannschaft zahlen 15 Euro. Erhältlich sind die Tickets über das DFB-Ticketportal.
Für das Spiel in Augsburg wird das Portal ab 10 Uhr freigeschaltet, für die Partie in München ab 14 Uhr. Mitglieder des Fanclubs konnten bereits seit dem 13. August Karten erwerben.
In Augsburg stehen inklusive Gästebereich knapp 10.000 Stehplätze zur Verfügung. In München gibt es 8.000 Plätze für deutsche Fans. Serbische Anhänger bekommen wegen eines UEFA-Banns keine Tickets für diesen Bereich.
Gilt das auch für Frauen- und U21-Länderspiele?
Ja. Auch bei den A-Länderspielen der Frauen und bei der U21 sollen wieder Stehplätze angeboten werden. Die Frauen-Nationalmannschaft von Bundestrainer Christian Wück trifft in ihren nächsten Testspielen am 9. Oktober in Karlsruhe auf Australien und am 13. Oktober in Bremen auf Japan.
In Karlsruhe sind bereits 14.400 Tickets verkauft, dort gibt es knapp 9.800 Stehplatzkarten. In Bremen stehen etwas mehr als 6.000 solcher Plätze zur Verfügung.
Wie reagieren Fanvertreter?
In vielen organisierten Fanszenen wird die Rückkehr der Stehplätze positiv aufgenommen. Auch das Fanbündnis „Unsere Kurve“ begrüßt die Entscheidung. Sprecher Thomas Kessen erklärte, Stehplatzbereiche seien wichtig für eine lebendige Fankultur und machten Stadionbesuche zugleich für Menschen mit kleinerem Budget erschwinglicher.
Verbessert sich dadurch automatisch die Stimmung?
Kessen warnt allerdings vor zu hohen Erwartungen. Dass die Atmosphäre bei Länderspielen allein durch Stehplätze sofort deutlich besser werde, sei nicht garantiert. Echte Kurvenkultur entstehe nicht von heute auf morgen, sondern wachse über Jahre und könne dann über Generationen bestehen. Das Bündnis hofft außerdem, dass Stehplätze künftig auch bei anderen DFB-Veranstaltungen zurückkehren, besonders beim DFB-Pokalfinale.
Welche Folgen hat das für die Polizei?
Nach Einschätzung der Deutschen Polizeigewerkschaft ändert sich zunächst wenig, da die Sicherheitsbehörden mit Stehplatzbereichen aus dem Vereinsfußball vertraut sind. Bundesvorsitzender Heiko Teggatz wies jedoch darauf hin, dass durch die neue Regelung künftig womöglich auch Stadien für Länderspiele infrage kommen, die bisher wegen entsprechender Vorgaben ausgeschlossen waren.
Aus Sicht der Polizei bleibt moderne Videotechnik ein unverzichtbares Mittel, um Straftäter zu identifizieren und Gefahren abzuwehren. Entscheidend sei letztlich nicht, ob Fans sitzen oder stehen, sondern dass die Sicherheit aller Stadionbesucher jederzeit gewährleistet ist.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber