Vor der gewaltigen hellblau-weißen Fanwand konnte Lionel Messi seine Gefühle nicht mehr verbergen. Nach dem 0:1 Argentiniens nach Verlängerung im WM-Finale gegen Spanien liefen dem Superstar die Tränen übers Gesicht, während ihn die Anhänger feierten. Die Bilder aus East Rutherford wirkten wie ein hoch emotionaler Abschied – auch wenn eine Entscheidung über seine Zukunft weiter aussteht.
Vieles deutet darauf hin, dass eine der größten Karrieren im Nationaltrikot an einem Wendepunkt steht. Messi verließ das Stadion in der Nacht der Niederlage zunächst ohne ein Wort zu seiner Zukunft zu sagen. Laut argentinischen Berichten saß er auch nicht im Delegationsflieger zurück nach Buenos Aires.
Messi meldet sich erst Stunden später – und lässt alles offen
Erst rund 18 Stunden nach dem Endspiel äußerte sich der 39-Jährige selbst über die sozialen Netzwerke.
"Der Schmerz ist unermesslich, und diese Wunde braucht Zeit zum Heilen", schrieb Messi bei Instagram.
Die Fragen, auf die in Argentinien alle warteten, ließ er dabei unbeantwortet. Weder eine mögliche nächste Copa América noch die WM 2030 oder gar ein denkbares Abschiedsspiel sprach er an. Stattdessen stellte er die Mannschaft in den Mittelpunkt.
"Es ist schwer, unseren Erfolg jetzt schon vollends zu würdigen, aber diese Mannschaft hat zwei WM-Finals in Serie erreicht", schrieb er.
Auch den Rückhalt aus der Heimat hob Messi hervor und bedankte sich bei den Fans.
"Vielen Dank von ganzem Herzen für jede Nachricht und jeden Gruß. Wieder einmal ist es uns gelungen, als Land zusammenzustehen und den immensen Stolz, Argentinier zu sein, zu teilen", erklärte er.
Eine Welle der Würdigungen für den Kapitän
Rund um die Albiceleste setzte unmittelbar nach dem verlorenen Finale eine Welle an Dankesbotschaften ein. Verbandspräsident Claudio Tapia schrieb, es gebe keine Worte, um Messi für alles zu danken, was er dem Land gegeben habe. Er würdigte die Freude, den Stolz und die Bedeutung des Kapitäns für den argentinischen Fußball.
Auch aus der Familie kamen emotionale Worte. Messis ältester Sohn Thiago schrieb bei Instagram sinngemäß an seinen Vater, er solle nicht vergessen, dass er bereits alles gegeben habe.
Scaloni preist Messi – und bricht seine Pressekonferenz ab
Nationaltrainer Lionel Scaloni fand große Worte für seinen Kapitän. Messi sei der beste Spieler, der jemals einen Fußballplatz betreten habe, sagte der Coach. Zugleich betonte er, über die Zukunft des achtmaligen Weltfußballers noch nicht mit ihm gesprochen zu haben.
Die Enttäuschung war Scaloni deutlich anzusehen. Kurz nach seinen Aussagen über Messi brach der 48-Jährige seine Pressekonferenz unter Tränen ab. Auf dem Weg zum Mannschaftsbus blieb er mehrfach stehen und wischte sich immer wieder über die glasigen Augen.
Auch die Stimmung rund um das Team war tief bedrückt. Argentinische Medien beschrieben den Abschied der "Scaloneta" von diesem Turnier als traurig und trostlos. Mehrere Spieler sollen individuell abgereist sein. Messi zog es Berichten zufolge wie Rodrigo de Paul zunächst nach Miami, ehe es für ihn weiter in seine Heimat Rosario gehen sollte.
Ein bitteres Ende nach einem fast wundersamen Lauf
Der verpasste Titel traf Argentinien hart – vor allem Messi, der sein Team mit starken Leistungen überhaupt erst ins Finale geführt hatte. Dass die Albiceleste den WM-Triumph von Katar beinahe wiederholt hätte, war vor allem seinem Einfluss zu verdanken. Mehrfach entkam Argentinien in der K.-o.-Phase nur knapp dem Aus, ehe im Endspiel nur noch ein Sieg fehlte. In argentinischen Medien war bereits vom "Ende der Wunder" die Rede.
Im Finale wurde Argentiniens Abhängigkeit von Messi schonungslos sichtbar
Gerade das Endspiel gegen Spanien zeigte noch einmal, wie stark Argentiniens Spiel an Messi hängt. Der Offensivstar, der im Turnier acht Tore erzielt und vier weitere vorbereitet hatte, konnte gegen den Welt- und Europameister kaum Akzente setzen. Ohne einen Messi in Bestform fehlten der Albiceleste nahezu alle Mittel – entsprechend chancenlos wirkte der Titelverteidiger über weite Strecken.
Spanien belohnte sich in der Verlängerung für einen dominanten Auftritt und holte nach 2010 den zweiten WM-Titel.
Yamal und Messi: Eine Umarmung als Symbol einer Zeitenwende?
Unmittelbar nach dem Schlusspfiff kam Spaniens Jungstar Lamine Yamal zu Messi, der niedergeschlagen auf dem Rasen saß. Der Argentinier erhob sich, beide umarmten sich lange. Für viele hatte die Szene Symbolkraft: als würde ein großer Star die Bühne an den nächsten übergeben.
Zusätzliche Wucht bekommt das Bild durch eine inzwischen legendäre Aufnahme von vor fast 19 Jahren. Damals war Messi bereits Profi, Yamal noch ein Baby. Nun folgte nach dem WM-Finale eine neue, ebenso einprägsame Szene. Sie nährt mehr denn je die Frage, ob hier ein echter Generationenwechsel sichtbar wurde: das mögliche Ende von Messis Ära im Nationalteam – und der Beginn einer womöglich noch größeren Zukunft für Yamal.
Ein Vermächtnis für die Geschichtsbücher
Messi prägte den Weltfußball über fast zwei Jahrzehnte wie kaum ein anderer – vielleicht mit Ausnahme seines langjährigen Rivalen Cristiano Ronaldo. Aus dem Jungen aus Rosario wurde einer der größten Spieler der Geschichte. Viele in Argentinien sehen ihn spätestens seit dem WM-Titel 2022 sogar auf einer Stufe mit oder über Diego Maradona.
Zu seinem Vermächtnis gehören neben dem WM-Sieg auch die Copa-América-Triumphe 2021 und 2024 sowie zahlreiche Vereinstitel, vor allem mit dem FC Barcelona. Messi bestritt sechs Weltmeisterschaften, absolvierte 207 Länderspiele und erzielte 125 Tore für Argentinien. Bis zur nächsten WM 2030 wären es vier Jahre – dann wäre er bereits 43.
Schon einmal zurückgetreten – diesmal vielleicht endgültig?
Bereits 2016 hatte Messi nach dem verlorenen Copa-América-Finale gegen Chile seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft verkündet – ebenfalls in East Rutherford, also im Stadion des jetzigen WM-Endspiels. Wenige Wochen später kehrte er zurück. Dieses Mal könnte die Lage anders sein.
Messis Tränen nach dem Finale sagten jedenfalls mehr als viele Worte. Noch hat er die entscheidende Frage nicht beantwortet. Doch getragen von der Zuneigung eines ganzen Landes wirkt das Ende seiner Ära im Nationaltrikot näher denn je.
Auch für Argentinien insgesamt könnte eine große Umbruchphase beginnen. Denn nicht nur hinter Messis Zukunft steht ein Fragezeichen, sondern auch hinter der von Scaloni, dessen Vertrag nur noch bis zum Jahresende läuft.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber