Fußball

Das Spiel, das alle packt: Tuchels überraschende Wende

Vom Buhmann zum Helden in 100 Minuten: Tuchel führt England mit wildem 6:4 gegen Frankreich zum besten WM-Erfolg seit 1966.

19.07.2026, 08:23 Uhr

Englands WM-Bronze: Tuchel in 100 Minuten vom Kritisierten zum Gefeierten

Zwischen scharfer Kritik und neuem Rückenwind für Thomas Tuchel lagen kaum zwei Stunden. Doch diese 100 Minuten hatten es in sich: England zeigte im Spiel um Platz drei gegen Frankreich eine furiose Leistung und verschaffte seinem Nationaltrainer damit nicht nur neue Perspektiven, sondern auch viel Zustimmung von außen.

Das Resultat erinnerte eher an einen Tennis-Satz als an ein Fußballspiel – passend zu Miami, wo ganz in der Nähe regelmäßig ein großes Tennisturnier stattfindet. Mit 6:4 setzte sich England gegen die hoch eingeschätzten Franzosen durch, die als einer der Favoriten in dieses Turnier gegangen waren. Vor allem in der ersten Halbzeit spielte das Team wie entfesselt. Rang drei ist damit Englands bestes WM-Ergebnis seit dem Titelgewinn von 1966.

Vor dem Anpfiff noch Pfiffe gegen Tuchel

"Das ist die erste Medaille seit 60 Jahren und die erste im Ausland. Ich hoffe, dass die Spieler das zu schätzen wissen", sagte Tuchel nach der Partie.

Vor dem Anstoß war die Stimmung ihm gegenüber allerdings noch deutlich rauer. Als sein Bild auf der Videowand erschien, waren Buhrufe im Stadion zu hören. Der Frust über das verlorene Halbfinale gegen Argentinien saß tief. Viele Beobachter hatten England dort vorgeworfen, eine Führung zu ängstlich verwaltet und das Spiel in der Schlussphase ab der 85. Minute noch aus der Hand gegeben zu haben.

Gegen Frankreich präsentierte sich dieselbe Mannschaft dann wie verwandelt. Bereits zur Pause führte England mit 4:0. Die britische Presse zeigte sich entsprechend beeindruckt. Der Daily Star schrieb, das Spiel habe Zuschauer auf der ganzen Welt in seinen Bann gezogen. Tuchel habe "den Anker gelichtet", woraufhin England ein uninspiriertes Frankreich überrollt habe. Auch der Guardian sprach von einem der Höhepunkte des gesamten Turniers und nannte die Partie "wirklich fantastisch".

WM 2026 - Frankreich - England
Bukayo Saka (M) erzielte drei Treffer für England. Quelle: Martin Rickett/PA Wire/dpa

Bukayo Saka erzielte drei Tore für England.

Trotz des Lobes wollte Tuchel nach Abpfiff keine Euphorie aufkommen lassen. Schon nach dem Argentinien-Spiel hatte er sich nicht auf Untergangsstimmung eingelassen – nun wollte er sich ebenso wenig in den Jubel hineinziehen lassen.

"Wir erlauben uns fast nicht, zufrieden zu sein, weil wir so ehrgeizig sind. Unser Ziel war das Finale, deshalb tut es weh", sagte der 52-Jährige. "Es gibt viel, worauf wir stolz sein können, aber viele von uns werden trotzdem nicht glücklich sein."

Hendersons Einfluss wird sichtbar

Auch bei der Siegerehrung wurde noch einmal deutlich, warum Tuchel an einigen umstrittenen Personalentscheidungen festgehalten hatte. Für Verwunderung hatte gesorgt, dass die hoch veranlagten Phil Foden und Cole Palmer nicht zum WM-Kader gehörten.

Dafür nominierte Tuchel den 36 Jahre alten Jordan Henderson, der inzwischen bei Brentford unter Vertrag steht. In Miami zeigte sich, welchen Wert der Routinier für die Mannschaft hat. Henderson holte den eigentlich nur als Trainingskeeper mitgereisten Jason Steele auf das Podium und legte ihm seine Medaille um. Die englischen Fans hinter dem Tor feierten die Szene lautstark.

Auch Jude Bellinghams Reaktion nach seinem Treffer zum Endstand sprach Bände: Direkt nach dem Tor lief er zu Henderson und küsste ihm auf die Stirn.

Jude Bellingham lief nach seinem Tor sofort zu Jordan Henderson.

Schon vor dem Spiel hatte Henderson eine wichtige Rolle eingenommen. "Jordan Henderson hat im Hotel eine großartige Ansprache gehalten und uns in die richtige Stimmung gebracht", berichtete Tuchel. "Zu den drei besten Mannschaften der Welt fehlt uns noch etwas, aber wir wollen diese Lücke schließen. Heute haben wir damit begonnen."

Verteidiger Djed Spence, einer der positiven Überraschungen des Turniers auf seiner Position, sieht in Platz drei mehr als nur einen Achtungserfolg. "Das ist unser bestes Resultat seit 1966. Ich glaube, das kann für uns ein Sprungbrett sein. Beim nächsten Turnier wollen wir hoffentlich etwas mit nach Hause bringen", sagte er.

Thomas Tuchel bei der Ehrung für Platz drei.

Blick nach vorn zur EM 2028

Das nächste große Ziel ist die Europameisterschaft 2028, die in Großbritannien und Irland ausgetragen wird. Wenn die Resultate weiter stimmen, dürfte Tuchel bis dahin deutlich ruhiger arbeiten können. Auf öffentliche Wortgefechte mit ehemaligen Nationalspielern, die sich regelmäßig lautstark äußern, will er sich weiterhin nicht einlassen.

"Das Beste ist, auf dem Platz zu antworten und das nächste Spiel zu gewinnen", sagte Tuchel. "Alles andere ist nur Gerede und bringt keine Punkte. Ich freue mich über unsere Reaktion und darüber, wie wir gespielt haben."

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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