Nord-Stream-Ermittlungen: Zweiter Verdächtiger in Kroatien festgenommen
Im Fall der Sabotage an den Nord-Stream-Pipelines ist ein weiterer Verdächtiger gefasst worden. Nach Angaben der Bundesanwaltschaft nahmen kroatische Einsatzkräfte den Ukrainer Wolodymyr Z. am Mittwochmorgen in der Küstenstadt Pula auf Grundlage eines Europäischen Haftbefehls fest.
Nach Informationen des Rechtsportals LTO wurde der Mann in Kroatien demnach bei Dreharbeiten zu einem fiktionalen Politthriller über die Nord-Stream-Sprengung festgenommen. Regie führe der US-Regisseur Doug Liman, zu den genannten Darstellern zählten demnach Sean Penn und Adrien Brody.
Die Karlsruher Ermittler werfen Wolodymyr Z. unter anderem vor, gemeinschaftlich eine Sprengstoffexplosion herbeigeführt zu haben. Er soll als ausgebildeter Taucher zu jenem siebenköpfigen Team gehört haben, das die Pipelines im September 2022 in der Ostsee sabotiert haben soll.
Ermittler gehen von sieben Beteiligten aus
Nach dem Stand der Ermittlungen fuhr die Gruppe mit der Segeljacht Andromeda zu den Gasleitungen. Zu dem Team sollen ein Schiffsführer, ein Sprengstoffexperte und vier Tiefseetaucher gehört haben. Bei Tauchgängen in bis zu 80 Metern Tiefe sollen die Beteiligten vier Sprengsätze mit Zeitzündern an den Pipelines befestigt haben. Die Ladungen detonierten am 26. September 2022 nahe der dänischen Ostseeinsel Bornholm.
Die Explosionen beschädigten Nord Stream 1 und Nord Stream 2 so schwer, dass seitdem kein Gas mehr durch die Leitungen transportiert werden kann. Über Nord Stream 1 war zuvor russisches Erdgas nach Deutschland geflossen, Nord Stream 2 war noch nicht in Betrieb. Allerdings hatte Russland die Gaslieferungen durch Nord Stream 1 in den Monaten nach Beginn des Ukraine-Kriegs bereits mehrfach stark gedrosselt oder ganz gestoppt.
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) sagte bei seiner Sommerreise bei einem Besuch auf der Wartburg bei Eisenach, die Festnahme werde „sicherlich nicht die letzte Maßnahme dieser Art gewesen sein“. Man werde die Urheber des Anschlags „zur Rechenschaft ziehen“.
Bereits zuvor in Polen festgenommen
Bei dem nun in Kroatien gefassten Mann handelt es sich um denselben Verdächtigen, der Ende September 2025 bereits in Polen festgenommen worden war. Dort saß er zeitweise in Untersuchungshaft. Die polnische Justiz lehnte den deutschen Auslieferungsantrag jedoch am Ende ab, sodass Wolodymyr Z. wieder freikam.
Polens Regierungschef Donald Tusk hatte damals betont, es liege nicht im Interesse seines Landes, den Mann selbst anzuklagen oder an einen anderen Staat auszuliefern. Die politische Führung in Warschau hatte den Bau der Pipeline stets kritisch gesehen.
Serhij K. sitzt in deutscher Untersuchungshaft
Bislang ist niemand wegen der Anschläge verurteilt worden. Der mutmaßliche Organisator der Operation, der Ukrainer Serhij K., befindet sich jedoch bereits in Deutschland in Untersuchungshaft. Nach Überzeugung der Bundesanwaltschaft koordinierte er den Einsatz als damaliger Offizier der ukrainischen Streitkräfte.
Serhij K. war vor einem Jahr während eines Urlaubs in Italien mit seiner Familie festgenommen worden. Nach längerem juristischen Streit wurde er an Deutschland ausgeliefert. Vor einigen Wochen erhob die Bundesanwaltschaft Anklage beim Oberlandesgericht Hamburg, unter anderem wegen Kriegsverbrechen. Ob das Gericht die Anklage zulässt und wann ein Prozess beginnt, ist noch offen.
Kroatien muss nun über die Auslieferung entscheiden
Offen ist nun, ob Wolodymyr Z. diesmal nach Deutschland überstellt wird. Die Festnahme auf Grundlage eines Europäischen Haftbefehls spricht dafür, dass eine Auslieferung vergleichsweise zügig erfolgen könnte. Nach kroatischem Recht kann er die Überstellung vor dem zuständigen Gespanschaftsgericht in Pula anfechten. Das Verfahren muss einschließlich einer möglichen Berufung innerhalb von 60 Tagen abgeschlossen werden.
Ist die Entscheidung rechtskräftig, muss die Übergabe binnen zehn Tagen erfolgen. Weil es sich um einen Europäischen Haftbefehl handelt, sind die Eingriffsmöglichkeiten der kroatischen Regierung gering. Es wird derzeit auch nicht erwartet, dass Zagreb politisch intervenieren will.
Kroatiens Kurs gegenüber Nord Stream
Kroatiens konservativer Ministerpräsident Andrej Plenković hat sich zu den Nord-Stream-Anschlägen zwar nie konkret geäußert. Seine Regierung trug jedoch die Verurteilung der Angriffe auf kritische Infrastruktur durch den Europäischen Rat im Oktober 2022 mit.
Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine verschärfte Plenković zudem seinen energiepolitischen Kurs und drang darauf, Europa unabhängiger von russischen Importen zu machen. Vor dem Krieg hatte er Kritik an Nord Stream eher vermieden und die Linie der damaligen Bundesregierung nicht offen infrage gestellt. Kroatien hatte Anfang 2021 den Flüssiggas-Terminal auf der Insel Krk in Betrieb genommen und sich damit weitgehend, ab etwa 2024 dann vollständig, von russischen Gasimporten gelöst.
Wadephul sieht keine Belastung für Verhältnis zur Ukraine
Außenminister Johann Wadephul (CDU) erwartet wegen des Falls keine Belastung der deutsch-ukrainischen Beziehungen. Bei einem Besuch in der Schweiz sagte er, Ermittlungsbehörden müssten den Sachverhalt mit Nachdruck verfolgen und notwendige Maßnahmen ergreifen. Zugleich verwies er auf die Gewaltenteilung in Deutschland.
Er respektiere, „was die Justiz dort macht“, sagte Wadephul. Falls erforderlich, werde es strafrechtliche Konsequenzen geben, „ohne Ansehen der Person“. Das gelte nicht nur für Inländer, sondern auch für Ausländer. Die deutsche Justiz habe in dem Fall „absolut freie Hand“; er sei zudem jederzeit bereit, dies auch in der Ukraine zu erläutern.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber