Keir Starmer gerät in der Labour-Partei massiv unter Druck
Für Großbritanniens Premierminister Keir Starmer wird die Lage immer kritischer. Seit geraumer Zeit nimmt der Widerstand gegen den Chef der sozialdemokratischen Labour-Partei zu, inzwischen hat er einen neuen Höhepunkt erreicht. Zwar weist Starmer Rücktrittsforderungen weiter zurück, und ob es tatsächlich zu seinem Sturz kommt, ist offen. Doch die Spannungen in der Partei verschärfen sich sichtbar, während bereits mögliche Nachfolger diskutiert werden.
Nur eine Woche nach dem desaströsen Abschneiden bei den Kommunal- und Regionalwahlen legte Gesundheitsminister Wes Streeting aus Protest sein Amt nieder. Eine noch größere Bedrohung für Starmer könnte jedoch aus den eigenen Reihen in Gestalt von Andy Burnham erwachsen. Der Bürgermeister von Manchester gilt schon länger als potenzieller Gegenkandidat und kündigte nun an, wieder ins britische Parlament einziehen zu wollen. Ein Labour-Abgeordneter hatte zuvor seinen Rückzug aus dem Wahlkreis Makerfield bei Manchester angekündigt, um Burnham den Weg freizumachen.
Droht Starmer nun der Sturz?
Zunächst war erwartet worden, dass Streeting nach seinem Rücktritt unmittelbar den Parteivorsitz angreifen würde. Dazu kam es jedoch vorerst nicht. Stattdessen rückte Burnhams möglicher Wiedereinzug nach Westminster in den Fokus.
Noch hält sich Starmer im Amt. Sollte allerdings eine weitere Rücktrittswelle aus dem Kabinett folgen, könnte seine Position schnell unhaltbar werden.
Als mögliche Gefahren für den Premier gelten auch Innenministerin Shabana Mahmood und Energieminister Ed Miliband. Medien zufolge sollen beide sich für einen vorzeitigen Abgang Starmers ausgesprochen haben. Vor allem ein Rücktritt Mahmoods würde wohl als schwerer Schlag gelten und könnte das Ende seiner Amtszeit einläuten.

Der politische Korrespondent Sam Coates von Sky News sieht Starmers Hauptproblem im fehlenden Rückhalt in der eigenen Fraktion. Ohne stabile Unterstützung lasse sich die Regierungsarbeit kaum fortsetzen. Auch die zur neuen Sitzungsperiode des Parlaments vorgestellten Gesetzespläne seien ohne die Labour-Abgeordneten nicht durchsetzbar. Coates sprach bereits von einer Regierung, die zunehmend wie eine „Zombie-Regierung“ wirke.
Warum Andy Burnham für Starmer besonders gefährlich ist
Burnham gilt seit Monaten als Hoffnungsträger des gemäßigt linken Parteiflügels. Als Bürgermeister von Manchester hat sich der 56-Jährige das Image eines pragmatischen und volksnahen Politikers aufgebaut. Anders als Starmer wird er vielfach als mutiger und visionärer Kopf wahrgenommen. Vor fast zehn Jahren verließ Burnham das Parlament, nachdem ein Anlauf auf die Parteiführung gescheitert war. Nun will er zurück auf die nationale Bühne.
Schon beim Labour-Parteitag im September 2025, als Starmer bereits stark in der Kritik stand, war Burnham für viele der heimliche Mittelpunkt. Seither wird der in Parteikreisen als „König des Nordens“ bezeichnete Politiker immer häufiger als Alternative gehandelt.
Ein Comeback in London ist allerdings nicht selbstverständlich. Zunächst muss Burnham überhaupt als Kandidat zugelassen werden. Zu Jahresbeginn war ihm eine Bewerbung bei einer anderen Nachwahl von der Parteiführung noch verwehrt worden. Danach müsste er die Wahl auch erst gewinnen. In Makerfield erzielte bei der Parlamentswahl 2024 auch Reform UK von Nigel Farage ein starkes Ergebnis, was die Nachwahl zu einem Risiko macht.
Burnham erneut auszubremsen, wäre für die Labour-Spitze jedoch heikel. Viele in der Partei fordern seine Rückkehr nach Westminster. Zusätzlichen Ärger in der Fraktion kann sich Starmer kaum leisten. Britische Medien berichten daher, dass der Premier nicht vorhat, Burnham an seiner Kandidatur zu hindern.
So läuft eine Kampfabstimmung um den Labour-Vorsitz ab
Wer Starmer als Parteichef herausfordern will, braucht zunächst die Unterstützung von 20 Prozent der Labour-Abgeordneten. Das entspricht derzeit 81 Parlamentariern. Wird diese Hürde genommen, kommt es zu einer Abstimmung unter den Parteimitgliedern und weiteren Wahlberechtigten. Starmer wäre als amtierender Vorsitzender automatisch Teil dieses Verfahrens. Auch weitere Bewerber könnten antreten, wenn sie ebenfalls 81 Unterstützer in der Fraktion hinter sich versammeln.
Neben Streeting und womöglich Burnham wird inzwischen auch Angela Rayner als mögliche Kandidatin genannt. Die frühere stellvertretende Regierungschefin aus dem linken Parteilager war im September des vergangenen Jahres wegen einer Steuerangelegenheit zurückgetreten. Dieses Kapitel gilt inzwischen als abgeschlossen.
Eine Entscheidung über die Parteiführung wäre jedenfalls nicht innerhalb weniger Tage zu erwarten. Ein solcher Prozess könnte sich vielmehr über Wochen oder sogar Monate hinziehen.
Wer ist Wes Streeting?
Mit 43 Jahren wäre Streeting ein vergleichsweise junger Parteichef und Premierminister. Unerfahren ist er allerdings nicht. Seit 2015 sitzt er für Labour im Unterhaus.
Innerhalb der Partei wird Streeting eher dem rechten Flügel zugerechnet. Im linken Lager ist er entsprechend umstritten. Zudem galt er als enger Vertrauter des Labour-Veteranen Peter Mandelson, der wegen seiner Kontakte zu Jeffrey Epstein in die öffentliche Kritik geraten war.
Unklar bleibt, ob Streeting und seine Unterstützer die mögliche Rückkehr Burnhams in ihre Überlegungen einbezogen hatten.
Politische Turbulenzen sind in Großbritannien keine Seltenheit
Für viele Britinnen und Briten dürfte die Frage, ob ein solches Machtgerangel ungewöhnlich sei, eher für ein müdes Lachen sorgen. Seit dem Brexit-Referendum wechseln die Regierungschefs in London in auffallend kurzer Folge. Mit Starmer hatte Großbritannien in den vergangenen zehn Jahren bereits sechs Premierminister – genauso viele wie in den 35 Jahren davor.
Im Wahlkampf vor dem klaren Labour-Sieg im Sommer 2024 hatte Starmer versprochen, dem Dauerdrama in Westminster ein Ende zu setzen. Nun droht ihm ausgerechnet selbst, vor allem wegen der anhaltenden Turbulenzen in seiner eigenen Partei in Erinnerung zu bleiben.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion