Gegenseitige Luftangriffe, Kämpfe am Boden, vorrückende israelische Truppen und immer neue Warnungen an die Zivilbevölkerung verschärfen die Lage zwischen Israel und der proiranischen Hisbollah-Miliz im Libanon erneut deutlich.
Formell gilt zwar seit Mitte April eine Waffenruhe, vereinbart zwischen der israelischen und der libanesischen Regierung. Tatsächlich dauern die Gefechte jedoch an. Die Hisbollah lehnt Verhandlungen mit Israel weiterhin ab, beide Seiten greifen sich nahezu täglich an.
Nach Angaben des libanesischen Gesundheitsministeriums wurden seit Beginn des Krieges Anfang März 3.269 Menschen getötet und fast 10.000 weitere verletzt. Allein am Dienstag kamen demnach bei israelischen Angriffen mindestens 31 Menschen ums Leben.
Erneut schwere Angriffe im Süden und Osten des Libanons
Im Laufe des Tages kam es erneut zu heftigen israelischen Luftangriffen im Süden und Osten des Libanons. Libanesische Sicherheitskreise berichteten vor allem aus dem Raum Nabatija von schweren Attacken. Auch die staatliche Nachrichtenagentur NNA meldete weitere Angriffe im Osten des Landes.
Nahe der antiken Stadt Baalbek wurden mindestens sieben Luftangriffe registriert. Zu aktuellen Opferzahlen lagen zunächst keine offiziellen Angaben vor.
Bereits am Dienstag hatte die israelische Luftwaffe nach libanesischen Angaben auch die Umgebung des Karaun-Stausees südöstlich von Beirut angegriffen. Die Litani-Behörde warnte damals vor möglichen katastrophalen Folgen für Anwohner, Infrastruktur und wichtige Einrichtungen flussabwärts. Der Karaun-Stausee ist der größte Wasserspeicher des Landes und zentral für die Wasser- und Stromversorgung in der Region.
Israels Militär teilte mit, allein am Dienstag mehr als 150 Ziele der Hisbollah im Raum der südlibanesischen Städte Tyrus und Nabatija sowie in der Bekaa-Ebene attackiert zu haben. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hatte zuletzt angekündigt, den Einsatz im Libanon zu verschärfen.
Warnsirenen und neue Drohnenangriffe in Nordisrael
Auch auf israelischer Seite blieb die Lage angespannt. Das Militär meldete erneut Einschläge von Sprengstoffdrohnen aus dem Libanon in Nordisrael. In mehreren Gebieten heulten die Warnsirenen. Berichte über Verletzte gab es zunächst nicht.
Zudem registrierte die Armee nach eigenen Angaben verdächtige Flugobjekte in der Nähe israelischer Soldaten im Südlibanon. Mindestens eines davon sei abgefangen worden. Bereits zuvor hatte das Militär erklärt, im Südlibanon ein Hisbollah-Mitglied getötet zu haben, das versucht habe, eine Drohne zu bergen.
Israels Armee erklärt Südlibanon zur Kampfzone
Am Abend verschärfte Israel seine Warnungen an die Bevölkerung noch einmal deutlich. Die Armee erklärte große Teile des Südlibanons zur Kampfzone und forderte alle Bewohner südlich des Sahrani-Flusses auf, sich nach Norden in Sicherheit zu bringen. Der Fluss liegt rund 40 Kilometer nördlich der israelisch-libanesischen Grenze.
In einer auf Arabisch verbreiteten Videobotschaft rief ein israelischer Militärsprecher die Menschen dazu auf, sich von Infrastruktur der Hisbollah fernzuhalten. Die Armee bereite sich darauf vor, mit äußerster Härte gegen die Miliz vorzugehen.
Zuvor hatte das Militär bereits Bewohner von Tyrus, Nabatija und weiterer Orte im Süden des Landes zur Evakuierung aufgefordert. Nabatija und Tyrus gelten als die größten und wichtigsten Städte im Südlibanon.
Libanesische Sicherheitskreise werten die Evakuierungsaufrufe als Hinweis darauf, dass Israel den Umfang seiner Militäreinsätze weiter ausdehnen will. Unter vielen Bewohnern brach erneut Panik aus. Augenzeugen berichteten von langen Staus auf den Straßen in Richtung Beirut. In Tyrus riefen die lokalen Behörden die Menschen dazu auf, sich im Stadion der Stadt in Sicherheit zu bringen, weil die Notunterkünfte bereits überfüllt seien.
Kämpfe am Boden trotz verkündeter Waffenruhe
Auch die Hisbollah setzte ihre Angriffe auf israelische Ziele fort. Aus ihrem Umfeld hieß es, die Miliz liefere sich schwere Gefechte mit israelischen Bodentruppen nördlich des Litani-Flusses. Demnach seien Kämpfer der Hisbollah nahe der sogenannten gelben Linie auf israelische Soldaten gestoßen.
Dieser Abschnitt markiert die von Israel deklarierte Pufferzone im Libanon und verläuft etwa sechs bis zehn Kilometer von der Grenze entfernt. Nach Angaben der israelischen Armee wurden die Bodeneinsätze inzwischen über diese Linie hinaus ausgeweitet.
Glasfaserdrohnen bereiten Israel Sorgen
Israels Medien zufolge setzt die Hisbollah inzwischen auch Glasfaserdrohnen ein. Diese gelten als weitgehend unempfindlich gegen elektronische Störmaßnahmen, weil sie über Glasfaserkabel direkt mit ihren Piloten verbunden sind. Die Kabel können demnach eine Länge von bis zu 30 Kilometern erreichen, sodass auch weiter entfernte Ziele getroffen werden können.
Ein israelischer Regierungsvertreter sagte dem Sender Channel 12, die Armee sei dieser neuen Bedrohung bislang weitgehend hilflos ausgesetzt.
Experte warnt: 10-Kilometer-Pufferzone reicht nicht mehr
Auch Beobachter sehen in den neuen Drohnen ein wachsendes Problem. Der Analyst Heiko Wimmen von der Denkfabrik International Crisis Group sagte, die Hisbollah könne solche Systeme potenziell auch gegen zivile Ziele in Nordisrael einsetzen. Eine 10-Kilometer-Pufferzone sei deshalb nicht mehr ausreichend.
Nach Wimmens Einschätzung ist eine dauerhafte Lösung des Konflikts nur in einem regionalen Zusammenhang möglich. Denkbar sei, dass US-Präsident Donald Trump im Rahmen eines möglichen US-Iran-Deals auf Netanjahu einwirken könnte, um die Angriffe im Libanon vorerst zu reduzieren. Aus israelischer Sicht könne es daher sinnvoll erscheinen, vorher die Besatzungszone noch auszuweiten und zusätzliche Fakten vor Ort zu schaffen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion