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Trumps irrwitziges Comeback? Sloterdijk zerlegt den König

Trump als Jesus und Triumphbogen-König? Sloterdijk liest ihn völlig neu – und warnt vor einem Mann, der noch schlimmer sein soll.

11.05.2026, 07:12 Uhr

Sloterdijk liest Trump mit Machiavelli

Seit Jahren versuchen Beobachter, Donald Trump zu deuten. Nun legt Peter Sloterdijk mit seinem neuen Buch „Der Fürst und seine Erben“ einen weiteren Interpretationsrahmen vor. Der Philosoph liest Niccolò Machiavellis Klassiker „Der Fürst“ nicht als bloßes Dokument der Renaissance, sondern als Analyse heutiger Machtpolitik.

Machiavelli lebte von 1469 bis 1527; im kommenden Jahr jährt sich sein Tod zum 500. Mal. Für Sloterdijk bleibt der Florentiner dennoch erstaunlich gegenwärtig. Der 78-Jährige sagte der Deutschen Presse-Agentur, man fühle sich auch nach einem halben Jahrtausend noch von ihm angesprochen. Heute ist Machiavelli vor allem mit dem Begriff „machiavellistisch“ verbunden – also mit einer Politik, in der Erfolg wichtiger erscheint als Moral.

Dabei war sein Denken vielschichtiger. Zwar akzeptierte Machiavelli Täuschung und Gewalt als Instrumente der Herrschaft, zugleich verteidigte er aber auch bürgerliche Freiheit und republikanische Ordnung. Sein politisches Umfeld in Florenz war schließlich keine Monarchie, sondern eine Stadtrepublik mit gewählten Ämtern.

Sloterdijk sieht darin eine frühe Beschreibung moderner politischer Unruhe: Schon Machiavelli habe erkannt, dass Instabilität dort entstehe, wo der Platz an der Spitze permanent umkämpft sei. In „Il Principe“ habe er daher gefragt, wie ein Staat unter realen, oft rauen Bedingungen dauerhaft stabil bleiben könne.

Die Rückkehr der neuen Fürsten

Nach Sloterdijks Einschätzung erleben wir heute vielerorts eine Bewegung weg von liberal-demokratischen Verfahren und zurück zu einer Art Neu-Fürstentum. „Die Fürsten sind vielerorts wieder da, manche schon an der Macht“, konstatiert er. Viele Menschen seien Koalitionen, Ausgleich und langwierige Kompromisse leid und projizierten ihre Erwartungen auf einen starken Mann an der Spitze, der nicht mehr bei Parlamenten oder Gerichten um Erlaubnis bitten solle.

Die Folge: Liberale Demokratien geraten unter Druck, teils seien sie bereits auf dem Rückzug. Für Sloterdijk ist das kein isoliertes Phänomen, sondern ein international sichtbarer Trend.

USA: eine Autokratie hinter demokratischer Fassade?

Besonders drastisch fällt sein Urteil über die Vereinigten Staaten aus. Dort laufe seit Langem ein „Staatsstreich in Zeitlupe“ – eine schleichende innere Aushöhlung der rund 250 Jahre alten Republik. Dieser Prozess sei so langsam, dass man ihn oft nur im Zeitraffer überhaupt erkenne.

Schritt für Schritt habe der Bundesstaat die Einzelstaaten entmachtet. In der Bilanz spricht Sloterdijk sogar von einer „nur noch demokratisch camouflierten Autokratie“. Vor diesem Hintergrund erscheine auch Trumps Aufstieg weniger überraschend. Der Autor der „Kritik der zynischen Vernunft“ sieht in ihm also nicht bloß eine Laune der Geschichte, sondern ein Symptom einer tieferen Entwicklung.

Trump als „verrückter König“

Trump beschreibt Sloterdijk als „Beinahe-Analphabeten an der Spitze einer Weltmacht“, zugleich als „mad man“ und moderne Variante eines „verrückten Königs“. In diese Reihe würden sonst Figuren wie Kaiser Nero oder Bayerns Märchenkönig Ludwig II. gestellt.

Hinzu komme Trumps offenkundige Neigung zur Selbstüberhöhung. Laut einem Bericht von „The Atlantic“ vergleiche er sich in jüngster Zeit häufiger mit Alexander dem Großen, Julius Cäsar oder Napoleon und halte sich gar für die mächtigste Person aller Zeiten. Sloterdijk verweist zudem darauf, dass Trump sich sogar in einer Art Heiler- oder Erlöserrolle inszeniert habe – als eine Art „Wunderheiler Jesus“.

Darin erkennt der Philosoph Parallelen zu mittelalterlichen Herrschern, denen wundertätige Kräfte zugeschrieben wurden. In England hielt sich dieser Glaube noch bis ins 17. Jahrhundert. Ähnliche Züge sieht Sloterdijk auch bei anderen heutigen Führungsfiguren: Indiens Premier Narendra Modi werde von Teilen seiner Anhängerschaft als göttliches Wesen verehrt. Mit spöttischem Unterton spricht Sloterdijk dabei von einer Gabe der „multiplen Location“ – also der Fähigkeit, gleichsam an mehreren Orten zugleich präsent zu sein.

Monumente der Macht

Auch in seinem Hang zu repräsentativen Bauprojekten sieht Sloterdijk Trump in einer Tradition historischer Herrscher. Der US-Präsident wolle in Washington einen Triumphbogen errichten, der den Arc de Triomphe in Paris um mehr als 25 Meter überragen solle – Kritiker sprechen bereits vom „Arc de Trump“. Hinzu kommen Pläne für den Abriss des Ostflügels des Weißen Hauses und für einen Ballsaal nach französischem Vorbild.

Für Sloterdijk passt all das zu einer Herrscherpose, die stärker auf Selbstdarstellung als auf Staatskunst ziele. Trump sei seinem Wesen nach weniger Politiker als „ein Clown, der den Diktator gibt“. Er wirke wie ein unreif gebliebener Mensch, der im Staat ein übergroßes Spielzeug entdeckt habe. Allerdings, so warnt Sloterdijk, dürfe man die Größe des Spielzeugs nicht mit historischer Größe des Spielers verwechseln.

Putin hält Sloterdijk für gefährlicher

So scharf seine Kritik an Trump auch ausfällt – für noch bedrohlicher hält Sloterdijk den russischen Präsidenten Wladimir Putin. Einen zentralen Unterschied sieht er darin, dass Trump aus seiner Sicht keinen durchdachten Plan verfolge. Gerade das sei dessen große Schwäche, die Europa nutzen sollte.

Sloterdijk verweist auf Widersprüche in Trumps Politik: Einerseits wolle er die USA abschotten, andererseits greife er auf verschiedenen Schauplätzen der Welt militärisch ein. Putin dagegen verfolge sehr wohl ein strategisches Ziel – die vermeintliche Wiederherstellung eines russischen Imperiums.

Zugleich wolle Putin die Umsetzung dieses Projekts noch zu Lebzeiten erleben. Genau darin liege die besondere Gefahr, meint Sloterdijk. Weil der Kremlchef spüre, dass seine Zeit begrenzt sei, könne er vor dem Ende zu schwerwiegenden Fehlentscheidungen neigen. Ein „apokalyptisches Szenario“ sei deshalb nicht auszuschließen.

Was Machiavelli Europa heute raten würde

Sollte Machiavelli heute noch einmal auftreten, dann vermutlich als Politikberater, vermutet Sloterdijk. Und was würde er Europa empfehlen? Wahrscheinlich, so die Überlegung des in Berlin lebenden Philosophen mit Sommersitz in Südfrankreich, würde der nüchterne Analytiker den Europäern raten, sowohl nationalistische Verengungen als auch pazifistische Illusionen hinter sich zu lassen.

Im Zeitalter der selbsternannten „großen Männer“ liege die einzige realistische Chance der Europäischen Union zur Selbstbehauptung in einer Stärkung ihrer politischen und strategischen Handlungsfähigkeit.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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