Der VfB Stuttgart hat nach einem hochdramatischen 2:1 nach Verlängerung gegen den SC Freiburg zum zweiten Mal in Serie das Finale des DFB-Pokals erreicht – ein Novum in der Vereinsgeschichte. Während die Fans Trainer Sebastian Hoeneß nach dem Halbfinal-Krimi auf den Zaun rufen wollten, bremste der Coach die Euphorie bewusst.
"Ich hatte nicht das Gefühl, dass es der richtige Moment ist", sagte Hoeneß nach dem Last-Minute-Sieg. Der 43-Jährige verwies darauf, dass Stuttgart in dieser Saison noch zwei große Ziele vor sich habe: die erneute Qualifikation für die Champions League und den möglichen Pokalsieg im Finale gegen den FC Bayern am 23. Mai in Berlin.
DFB: Aberkanntes Freiburger Tor hätte zählen müssen
Trotz des Stuttgarter Jubels sorgt vor allem eine umstrittene Schiedsrichterentscheidung weiter für Ärger. Nach dem Halbfinale stellte der Deutsche Fußball-Bund klar, dass das aberkannte Freiburger Tor zum zwischenzeitlichen 2:1 aus seiner Sicht hätte zählen müssen.
Die Szene spielte sich direkt zu Beginn der Verlängerung ab. Lucas Höler setzte sich im Duell mit Jeff Chabot durch und traf, doch Schiedsrichter Tobias Welz hatte zuvor bereits ein Foul gepfiffen. Nach DFB-Bewertung handelte es sich dabei allerdings um einen robusten, aber regelkonformen Zweikampf. Mit Hilfe der TV-Bilder wäre es demnach die bessere Entscheidung gewesen, weiterspielen zu lassen und den Treffer anzuerkennen.
Marco Fritz, Leiter Regelauslegung und Evaluation in der DFB Schiri GmbH, erklärte, Welz habe in der Dynamik der Aktion einen unerlaubten Armeinsatz erkannt. Die Fernsehbilder sprächen jedoch eher dafür, dass beide Spieler im Laufduell normal den Körper einsetzten.
Freiburg hadert, selbst Stuttgart zeigt Verständnis
Für Freiburg war die Szene besonders bitter, weil der Treffer die Breisgauer in der ersten Minute der Verlängerung in Führung gebracht hätte. Stattdessen blieb es beim 1:1 – und in der 119. Minute entschied Tiago Tomás die Partie doch noch für den VfB.
Höler konnte den Pfiff überhaupt nicht nachvollziehen. Nach dem Spiel sprach er von einer Entscheidung, die für ihn nicht erklärbar sei. Auch Kapitän Christian Günter kritisierte die Bewertung scharf und hielt den Kontakt für viel zu harmlos. Trainer Julian Schuster sah sich durch die spätere DFB-Einschätzung bestätigt.
Bemerkenswert war, dass auch die Stuttgarter die Freiburger Wut nachvollziehen konnten. Nationalstürmer Deniz Undav sprach von einem massiven Fehler des Schiedsrichters. Hoeneß sagte ebenfalls klar, dass man diese Szene nicht hätte abpfeifen dürfen.
Undav ging sogar noch weiter und kritisierte auch die generelle Spielleitung von Tobias Welz. Dem VfB-Profi fehlte in dem emotionalen Halbfinale das nötige Fingerspitzengefühl. Zudem bemängelte er, der Referee sei kaum gesprächsbereit gewesen.
Hoeneß bremst die Party – zwei große Ziele bleiben
Die ausgelassene Feier nach dem Abpfiff wollte Hoeneß daher zwar genießen, aber nicht überhöhen. Auf die Fan-Forderung "Hoeneß auf den Zaun" ging er nicht ein. Der Trainer machte deutlich, dass es dafür womöglich erst noch einen ganz großen Erfolg brauche.
Stuttgart will den Schwung aus dem Pokal nun in den Saisonendspurt mitnehmen. Schon im Bundesliga-Alltag gegen Werder Bremen sollen die nächsten Punkte im Rennen um die Champions-League-Plätze folgen. Hoeneß formulierte dieses Ziel nun offensiver als zuvor.
Erstmals zwei Pokal-Endspiele nacheinander
Mit dem erneuten Finaleinzug schreibt der VfB Vereinsgeschichte. Nie zuvor stand der Club zweimal in Folge im Endspiel des DFB-Pokals. Nach dem Triumph im Vorjahr bietet sich den Schwaben nun die Chance, den Titel zu verteidigen.
Im Finale wartet jedoch die wohl größtmögliche Aufgabe: der FC Bayern. Für Hoeneß ist die Ausgangslage klar. Wenn beide Teams zehnmal gegeneinander spielten, würden die Münchner vermutlich sehr viele dieser Spiele gewinnen, sagte er sinngemäß. Entscheidend sei aber, dass diesmal nur eine Partie anstehe.
Undav formulierte den Außenseiter-Plan mit einem Augenzwinkern: Stuttgart müsse darauf hoffen, dass die Bayern Fehler machen, und diese konsequent nutzen. Trotz der jüngsten Niederlagen gegen München sieht sich der VfB nicht chancenlos.
VfB glaubt an seine Stärke in großen Spielen
Hoeneß hält seine Mannschaft für besonders widerstandsfähig in Drucksituationen. Sein Team habe das, was es für wichtige Spiele brauche, sagte der Coach. Dieser besondere Geist sei in der Mannschaft vorhanden.
Die jüngsten Duelle mit den Bayern verliefen allerdings ernüchternd: Stuttgart verlor in dieser Saison unter anderem 0:5 in der Liga, 1:2 im Supercup und zuletzt 2:4 in München. Dennoch lebt die Hoffnung, dass in einem Endspiel alles möglich ist.
Unter Hoeneß ist beim VfB nicht nur die sportliche Qualität gewachsen, sondern auch das Selbstverständnis, um Titel mitzuspielen. Undav betonte, die Mannschaft habe wieder einen Pokal gewinnen wollen – oder zumindest die Chance darauf haben wollen. Genau diese Chance ist nun da, auch wenn die Aufgabe gegen Bayern "sehr, sehr schwer" werde.
Halbfinale mit "Potenzial für Herzrhythmusstörungen"
Wie nervenaufreibend der Abend gegen Freiburg war, brachte Sportvorstand Fabian Wohlgemuth mit einem Satz auf den Punkt: Das Spiel habe "Potenzial für Herzrhythmusstörungen" gehabt. Tatsächlich schwankte die Partie in der Verlängerung mehrfach hin und her.
Dass am Ende trotzdem Stuttgart jubelte, lag an Tiago Tomás. Der Portugiese wurde mit seinem artistischen Treffer in der 119. Minute zum Matchwinner und anschließend von seinen Mitspielern gefeiert. Hoeneß sprach nach dem Schlusspfiff von einem "emotionalen Overload".
Die ganz große Party soll für den VfB aber erst noch kommen. Berlin gegen Bayern, Pokalfinale, Titelchance und Champions-League-Hoffnung: Für Hoeneß ist das die Konstellation, die kaum zu toppen ist. Vielleicht ist dann auch der Moment gekommen, doch noch auf den Zaun zu steigen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion