Autonomes Fahren in Berlin: Hoffnung auf schnellen Start im Stadtverkehr
Nicht mehr ein Mensch am Lenkrad, sondern Sensorik, Kameratechnik und Künstliche Intelligenz steuern autonome Fahrzeuge. Was in Städten der USA und Chinas vielerorts bereits zum Alltag gehört, könnte nach dem Willen der Berliner Verkehrsverwaltung bald auch in der Hauptstadt Realität werden.
Nach ersten Prüfungsfahrten mit einem selbstfahrenden Kleinbus zieht der TÜV ein positives Fazit: Vollautonome Fahrzeuge können den dichten Verkehr in einer Großstadt grundsätzlich sicher und verlässlich bewältigen. Ganz ohne Risiken oder Störungen geht es jedoch nicht.
Wann könnten autonome Fahrzeuge regulär unterwegs sein?
Berlins Verkehrssenatorin Ute Bonde (CDU) drängt auf einen zügigen Einsatz fahrerloser Fahrzeuge. Sie bezeichnete die Technik als möglichen "Gamechanger" und machte deutlich, dass sie eher mit einer kurzfristigen als mit einer fernen Zukunftsperspektive rechnet.
Einen festen Terminplan gibt es bislang aber nicht. In Deutschland befindet sich autonomes Fahren weiterhin vor allem in der Erprobung innerhalb von Pilotprojekten. Fachleute verweisen zudem auf aufwendige Zulassungsverfahren und hohe technische Anforderungen.
Was bedeutet autonomes Fahren auf Level 4?
In Deutschland ist bislang noch kein Fahrzeug der Automatisierungsstufe 4 für den regulären öffentlichen Straßenverkehr zugelassen. Rechtlich ist das jedoch grundsätzlich vorgesehen. Level 4 bedeutet, dass ein Fahrzeug in einem genau definierten Einsatzgebiet und unter bestimmten Bedingungen selbstständig fahren kann — also ohne Eingriff eines Fahrers.

Davon zu unterscheiden ist das sogenannte assistierte Fahren auf Level 2. Systeme wie Spurhalteassistenten, Überholhilfen oder andere Fahrerassistenzfunktionen sind in Deutschland längst in vielen Autos im Einsatz.
Wie realistisch ist ein breiter Einsatz?
Ricco Kämpfer, Fachmann für autonomes Fahren beim Beratungsunternehmen P3, hält den Einsatz von Level-4-Fahrzeugen im echten Straßenverkehr für durchaus realistisch. Allerdings seien die USA und China Europa bei kommerziellen Flotten noch deutlich voraus.
Für erste reguläre Anwendungen im öffentlichen Verkehr sowie bei Shuttle-Diensten in Deutschland nennt er einen Zeitraum zwischen 2028 und 2032. Zunächst dürften solche Angebote vor allem in kleineren Stadtgebieten, auf begrenzten Routen und besonders im Nahverkehr entstehen.
Auch andernorts laufen Vorhaben: In München planen Uber und das israelische KI-Unternehmen Autobrains den Einsatz von Robotaxis. In Berlin wollen die VW-Tochter Moia und die BVG autonome Shuttle-Fahrzeuge auf die Straße bringen.
Was genau wurde in Berlin getestet?
Nach Angaben des TÜV-Verbands fanden in Berlin erstmals Prüfungsfahrten eines autonomen Fahrzeugs unter realitätsnahen Bedingungen statt. Der Kleinbus mit dem Namen "Edgar" legte dreimal eine rund fünf Kilometer lange Strecke vom Bundesverkehrsministerium bis zum Kulturzentrum Radialsystem in Friedrichshain zurück. Das Fahrzeug dient eigentlich als Forschungsplattform der Technischen Universität München.
TÜV-Präsident Dirk Stenkamp erklärte, die Fahrten hätten gezeigt, dass autonomes Fahren auch im anspruchsvollen Berliner Stadtverkehr technisch machbar sei.
Solche Testfahrten sind Voraussetzung für eine sogenannte Betriebsbereichsgenehmigung. Laut TÜV wurde dabei erstmals in Deutschland ein Verfahren erprobt, mit dem sich das Verhalten autonomer Fahrzeuge in einer konkreten Umgebung praxistauglich und sicher bewerten lässt. Ziel ist es, Genehmigungen künftig deutlich standardisierter vergeben zu können.
Wie bewertet die Berliner Verkehrspolitik das Vorhaben?
Verkehrssenatorin Bonde sieht in der Technologie großes Potenzial für den öffentlichen Nahverkehr. Autonome Fahrzeuge könnten den ÖPNV grundlegend verändern und den Wechsel vom privaten Auto zu flexiblen Fahrdiensten erleichtern.
Zugleich verweist sie auf den demografischen Wandel und drohenden Personalmangel. Gerade deshalb könne autonomes Fahren aus ihrer Sicht wichtig werden, um den Nahverkehr in Deutschland langfristig aufrechtzuerhalten.
Experte Kämpfer betont allerdings, dass es bisher vor allem an Geld fehle. Zwar sei das Interesse bei Kommunen und Verkehrsunternehmen groß, doch für den Aufbau und Betrieb größerer Fahrzeugflotten fehlten bislang oft die nötigen finanziellen Mittel.
Wie sicher ist autonomes Fahren?
Nach Einschätzung des TU-München-Forschers Nijinshan Karunainayagam sind autonome Fahrzeuge in vielen Situationen sogar sicherer als Menschen, weil ihre Systeme die Umgebung umfassender erfassen können. Auch stockender Verkehr oder Staus seien meist kein ernstes Problem, da die Technik Objekte zuverlässig erkenne und sich entsprechend im Stop-and-Go-Verkehr bewegen könne.
Schwieriger werde es allerdings an Baustellen. Dort ändern sich Verkehrsführungen oft kurzfristig, was hohe Anforderungen an die Systeme stellt.
Eine weitere Herausforderung sind aggressive Verkehrsteilnehmer. Autonome Fahrzeuge fahren eher defensiv. Wenn andere Verkehrsteilnehmer riskanter oder regelwidrig unterwegs sind, reagiert das System besonders vorsichtig und bremst häufiger. Genau darin liegt laut Experten derzeit eine der größten praktischen Hürden im Alltag.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion