Schatten der Vergangenheit über dem Grünen Hügel
Zwischen den langen Pausen im Bayreuther Festspielhaus bleibt genug Zeit für einen Rundgang über das Gelände. Wer dabei die Freiluftausstellung „Verstummte Stimmen“ besucht, stößt auf die Erinnerung an jüdische Künstlerinnen, Künstler und Mitarbeitende der Festspiele, die ausgegrenzt, verfolgt oder ermordet wurden.
Inzwischen gibt es unter demselben Titel auch ein neues Digitalprojekt. Darin werden die Schicksale von 300 Künstlern und Mitarbeitern großer deutscher Opernhäuser dokumentiert, die in der NS-Zeit entrechtet, verfolgt oder getötet wurden. Bayreuths Oberbürgermeister Andreas Zippel (SPD) betont, man dürfe nie vergessen, was geschehen sei: Man gebe den „verstummten Stimmen“ wieder eine Stimme.
Die Vergangenheit ist auf dem Grünen Hügel bis heute präsent – und viele Kapitel davon sind düster. Wie schwierig der Umgang damit weiterhin ist, zeigt schon die Auseinandersetzung um eine Gedenkveranstaltung zum 150. Jubiläum der Bayreuther Festspiele.
Welche Antwort findet Michel Friedman?
Richard Wagner äußerte sich wiederholt offen antisemitisch. Ob sich diese Haltung auch in seinen Opern widerspiegelt, ist in der Forschung weiter umstritten. Der Theater- und Musikwissenschaftler Anno Mungen vertritt die Auffassung, dass antisemitische Motive und Stereotype auch im Werk selbst zu finden seien – etwa im „Ring“.
Später wurde Bayreuth zu einem Zentrum nationalistisch-völkischen Denkens. Adolf Hitler war dort ein gern gesehener Gast und enger Vertrauter der Familie Wagner. Die Verflechtung zwischen den Festspielen und dem Nationalsozialismus war besonders eng. Damit stellt sich bis heute die Frage, wie – und ob – man vor diesem Hintergrund ein Festspieljubiläum feiern und Wagner unbefangen genießen kann.
Mit großer Spannung wird deshalb die Rede des jüdischen Publizisten Michel Friedman erwartet, die er am 26. Juli im Festspielhaus halten soll. Zwischenzeitlich war die Veranstaltung unter Verweis auf Sicherheitsbedenken abgesagt worden. Nach heftiger Kritik entschuldigte sich Festivalleiterin Katharina Wagner bei Friedman.
„Der Boden in Bayreuth ist kontaminiert“
Wie Friedman auf Bayreuth blickt, hat er bereits deutlich gemacht. In einem Interview sagte er, „der Boden in Bayreuth ist kontaminiert“: Wagner habe das Gift ausgestreut, in den 1930er Jahren sei es noch tiefer eingesickert, und mit der Gründung der Bundesrepublik sei dort nichts wirklich aufgeräumt worden.
Die Geschichte lässt sich nicht rückgängig machen. Umso wichtiger ist die Frage, wie ernst Bayreuth seine eigene Aufarbeitung nimmt. Der Autor Bernd Buchner kritisiert, dass Katharina Wagner den selbst formulierten Anspruch, die Vergangenheit aufzuarbeiten, nicht eingelöst habe. Insgesamt habe diese Auseinandersetzung in Bayreuth sehr spät begonnen – später als in vielen anderen Bereichen der Bundesrepublik. Die Vergangenheit sei dort über sehr lange Zeit verdrängt worden.
Nach Buchners Einschätzung zeigte sich aufseiten der Festspiele über Jahre eine Mischung aus Passivität und Unvermögen, die an Fahrlässigkeit grenze. Die entscheidenden Impulse zur Aufarbeitung seien eher aus der Wissenschaft gekommen als aus der Festivalleitung selbst.
Das Bayreuther „Kunstwunder“
Bemerkenswert bleibt, wie schnell die stark von der NS-Ideologie geprägten Festspiele nach dem Krieg wieder zu einem kulturellen Vorzeigebetrieb der Bundesrepublik mit internationaler Ausstrahlung werden konnten. Buchner verweist darauf, dass der erste Bundespräsident Theodor Heuss und der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer Bayreuth aus politischen Gründen gemieden hätten.
Gleichzeitig sei Bayreuth ein Spiegel deutscher Nachkriegsgeschichte gewesen. Die Verdrängung, die die Adenauer-Zeit geprägt habe, habe es auch dort gegeben. Statt sich intensiv mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, sei – fast parallel zum westdeutschen Wirtschaftswunder – ein regelrechtes „Kunstwunder“ entstanden: Wieland Wagner habe die Opern seines Großvaters ästhetisch neu erfunden und den Festspielen ein modernes Profil gegeben.
Danach wuchs Bayreuths Ansehen rasant. Zu den Gästen zählten der heutige britische König Charles, das schwedische Königspaar und Michail Gorbatschow. Spätestens seit Angela Merkel Kanzlerin war, gilt der Festspielauftakt am 25. Juli für die politische Spitze als Pflichttermin.
Aufarbeitung direkt auf der Bühne
Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit fand schließlich auch Eingang in die Inszenierungen. Katharina Wagner thematisierte in ihrer ersten Bayreuther Regiearbeit, den „Meistersingern von Nürnberg“, die belastete Geschichte des Hauses. Später setzte Barrie Kosky mit demselben Werk ein markantes Zeichen, indem er für das Bühnenbild den Gerichtssaal der Nürnberger Prozesse nachbilden ließ. Auch Stefan Herheims „Parsifal“ verband das Werk eindrucksvoll mit deutscher Geschichte und gilt vielen bis heute als Maßstab.
Bleibt die Frage, ob Besucherinnen und Besucher diese historische Last stets mitdenken müssen, wenn sie nach erfolgreichem Ticketkauf den Grünen Hügel hinaufgehen und sich über das internationale Publikum aus Ländern wie Japan oder Südkorea freuen. Buchner meint, niemand könne dazu gezwungen werden, sich dieses Wissen anzueignen. Zugleich gelte: Je stärker ein aufgeklärtes historisches Bewusstsein im Publikum verbreitet sei, desto offener sei man auch für kritische Inszenierungen und für eine selbstkritische Sicht auf Bayreuth.
Nicht nur auf 1933 schauen
Nach Buchners Ansicht darf der Blick nicht erst mit der NS-Machtübernahme beginnen. Schon 1923 hätten die Wagners und Bayreuth erheblich zum Aufstieg des Nationalsozialismus beigetragen. Diese Geschichte beginne also nicht erst 1933, sondern deutlich früher. Hinzu komme die Verdrängungskultur der 1950er Jahre.
Der Historiker Sven Fritz, der am Projekt „Verstummte Stimmen“ mitarbeitet, verweist zudem darauf, dass die Besetzungspolitik in Bayreuth bereits seit dem späten 19. Jahrhundert darauf ausgerichtet gewesen sei, jüdische Mitwirkende möglichst auszuschließen. Das sei über Jahrzehnte hinweg faktisch eine Art „Firmenpolitik“ auf dem Grünen Hügel gewesen.
Auch an anderen Wagner-Orten wird über diese Geschichte nachgedacht. Vladimir Jurowski, Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper, erklärte zuletzt, Wagners Opern hätten das NS-Regime und das Ende des Zweiten Weltkriegs überlebt. Für die Rezeption des Komponisten habe es wohl kaum etwas Schädlicheres geben können als Hitlers persönliche Bewunderung für Wagner und dessen Werke. Dennoch seien Hitler und das NS-Regime Geschichte, während Wagners Opern bis heute fast überall auf der Welt gespielt würden.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber