Bayern

«Kajal»: Jetzt startet der Prozess in Nürnberg

Mit Schminke geködert, mit Drogen willenlos gemacht? In Nürnberg startet jetzt der erste Prozess im Skandal-Komplex „Kajal“.

08.11.2026, 13:26 Uhr

Mit dem Verschenken von Kosmetik sollen junge Frauen und Mädchen angesprochen, anschließend mit Drogen oder Medikamenten gefügig gemacht und danach sexuell missbraucht worden sein: In Nürnberg ermittelt die Polizei gegen mutmaßliche Dealer aus dem Umfeld des Hauptbahnhofs. Nach bisherigen Erkenntnissen sollen sie zahlreiche Betroffene zunächst mit Schminke geködert und ihnen dann berauschende oder verschreibungspflichtige Mittel verabreicht haben.

Am Dienstag, dem 10. November, startet vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth das erste Verfahren im sogenannten Komplex „Kajal“. Angeklagt ist ein 22-Jähriger. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, einer damals 16-Jährigen in seiner Wohnung in zwei Fällen rezeptpflichtige Medikamente gegeben zu haben. Beim zweiten Vorfall soll er die Jugendliche zum Schlucken der Tabletten gedrängt und sie anschließend vergewaltigt haben. Zudem soll er seiner ebenfalls 16 Jahre alten Freundin Ecstasy überlassen haben. Für das Verfahren sind bis Anfang Dezember vier Verhandlungstage vorgesehen.

Erst ein Teil der Fälle vor Gericht

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft ist dieser Prozess nur ein kleiner Ausschnitt des gesamten Komplexes. Drei weitere Anklagen wurden bereits bei den Amtsgerichten in Erlangen und Fürth eingereicht. Darüber hinaus laufen noch 25 weitere Ermittlungsverfahren. Die Zahl der mutmaßlich Geschädigten liegt laut Behörde in etwa auf demselben Niveau wie die Anzahl der Verfahren.

Die Vorwürfe hatten in den vergangenen Monaten für großes Aufsehen gesorgt. Seit Mai arbeitet die Nürnberger Ermittlungsgruppe EKO „Kajal“ an den Fällen. Im Fokus steht vor allem das Umfeld des Hauptbahnhofs, das seit längerem als Brennpunkt gilt.

Wie die Bezeichnung „Kajal“ genau zustande kam, ist nicht abschließend geklärt. Eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft erklärte, ihr sei nicht bekannt, ob tatsächlich Kajalstifte verteilt wurden. Allgemein sei das Verschenken von Kosmetik jedoch als Hintergrund für den Namen genannt worden.

Inzwischen sitzen in dem Zusammenhang mehr als 20 Männer in Untersuchungshaft. Gegen sie wird nicht nur wegen Sexualstraftaten ermittelt, sondern auch wegen der Abgabe von Betäubungsmitteln und Medikamenten an Minderjährige. Dabei geht es unter anderem um Kokain, Crystal Meth, Ecstasy und verschreibungspflichtige Arznei.

Offene Dealerszene am Bahnhof

Nach Darstellung der Polizei entstand ab Ende 2023 im südlichen Bereich des Bahnhofs eine offen auftretende und zunehmend aggressive Drogenszene. Zeitweise hielten sich dort mehrere Dutzend Händler auf, die Passanten gezielt ansprachen. Wurden ihre Angebote abgelehnt, kam es laut Polizei immer wieder zu Streitigkeiten und Gewalttaten. Sowohl Körperverletzungen als auch Sexualdelikte nahmen spürbar zu. Besonders betroffen war der Nelson-Mandela-Platz.

Um die Lage zu entschärfen, ergriffen Stadt und Behörden mehrere Maßnahmen. Unter anderem wurden Pflanzen zurückgeschnitten, damit sich Dealer dort schlechter verbergen können. Zudem zeigte die Polizei nahezu dauerhaft Präsenz. Als wichtig bewertet werden auch die Einstufung des Bereichs als Waffen- und Messerverbotszone sowie als Cannabisverbotszone.

Die Justiz bündelte Verfahren gegen Intensivtäter bei spezialisierten Staatsanwälten. Insgesamt wurden nach Behördenangaben 40 Intensivtäter inhaftiert, 14 weitere abgeschoben – bezogen auf die Kriminalität in dem Gebiet insgesamt und nicht ausschließlich auf die EKO „Kajal“. Binnen eines Jahres habe sich die Zahl der Körperverletzungen etwa halbiert. Straftaten mit Messern seien um rund ein Drittel zurückgegangen.

Polizeipräsident Gernot Rochholz sagte im Oktober, der Nelson-Mandela-Platz sei wieder ein Ort, an dem man sich gerne und vor allem ohne große Sorge aufhalten könne. Zugleich warnte er davor, dass sich ähnliche Szenen an anderen Stellen neu bilden könnten. Sein Appell: Drogendealer dürften sich nirgendwo in Nürnberg sicher fühlen. Der Hauptbahnhof und sein Umfeld sollen daher auch in den kommenden Jahren ein Schwerpunkt polizeilicher Arbeit bleiben.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

Zurück zur Startseite →
Kommentare 0
Hinterlassen Sie Ihren Kommentar

TOP Neueste Meldungen