Jedes Jahr kurz vor dem 24. Juli kehren bei Norbert Imschloß die Erinnerungen an den Anschlag von Ansbach zurück. Meist beginne das schon an seinem Geburtstag, rund zwei Wochen vorher, sagt der Gastwirt. Dann denke er daran, dass er eigentlich zwei Geburtstage habe. Nur wenige Sekunden hätten damals über Leben und Tod entschieden.
Am 24. Juli 2016 riss eine Explosion den Gastgarten seines Weinlokals in Ansbach aus dem Alltag. Verübt wurde der Anschlag von einem syrischen Flüchtling, dessen eigentliches Ziel nach bisherigen Erkenntnissen wohl ein Musikfestival in der Innenstadt war.
Der heute 69-Jährige berichtet, der junge Mann sei ihm schon vor der Tat aufgefallen. Er sei vor dem Lokal auf und ab gegangen, habe merkwürdig geschaut und sich immer wieder über seinen Rucksack gebeugt. Imschloß selbst stand nach eigener Erinnerung nur vier bis fünf Meter entfernt am Hauseingang, als der Sprengsatz detonierte.
Teil einer Welle der Gewalt
Die Tat gilt vielen als erster islamistischer Selbstmordanschlag auf deutschem Boden. Sie war Teil einer Gewaltserie, die vor zehn Jahren Deutschland und Europa erschütterte. Am 14. Juli 2016 tötete ein islamistisch motivierter Täter in Nizza 86 Menschen. Am 22. Juli erschoss ein rassistisch motivierter Deutsch-Iraner in München neun Menschen. Im Dezember 2016 starben in Berlin 13 Menschen bei einem islamistischen Anschlag.
Dass in Ansbach nicht zahlreiche Festivalbesucher starben, sondern nur der 27 Jahre alte Attentäter selbst, dürfte mehrere Gründe haben. Nach Einschätzung aus dem Umfeld der Ermittlungen spielte wohl auch das dilettantische Vorgehen des Täters eine Rolle. Entscheidend war zudem, dass er mit dem Sprengstoffrucksack nicht auf das Festivalgelände gelangte. Nach den vorangegangenen Taten waren die Sicherheitsvorkehrungen bereits verschärft worden. Bis heute ist außerdem nicht sicher, ob der Mann tatsächlich seinen eigenen Tod plante.
Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) erinnert daran, dass die Kontrollen vor Ort funktioniert hätten. Der Täter habe es nicht geschafft, mit seinem Rucksack samt Sprengstoff auf das eigentliche Festivalgelände zu kommen. Herrmann war noch in der Nacht nach Ansbach gereist, um sich selbst ein Bild von der Lage zu machen.
Ein Ereignis, das Spuren hinterlassen hat
Wolfgang Decker vom Bayerischen Roten Kreuz gehörte damals zu den ersten Sanitätern am Tatort. Zunächst habe man angenommen, eine Gasflasche sei explodiert, sagt er rückblickend. Nach dem Anschlag in München habe es zwar ein ungutes Gefühl gegeben. Dass ein solcher Angriff in einer eher ländlich geprägten Region möglich sein könnte, habe damals jedoch kaum jemand erwartet.
Während des Einsatzes sei für ihn vor allem die Versorgung der Verletzten entscheidend gewesen. Besonders belastend sei die Lage für seine Familie gewesen, weil sie ihn wegen eines überlasteten Handynetzes zunächst nicht habe erreichen können.
Ob sich ein Gewaltjahr wie 2016 wiederholen könnte, bewertet Herrmann dennoch eher optimistisch. Die Bedrohung durch islamistischen Terrorismus in Deutschland und Bayern sei weiterhin hoch. Zugleich betont der Minister, die bayerischen Sicherheitsbehörden seien hellwach.
Ermittlungsergebnisse bis heute nicht öffentlich
Schon kurz nach dem Anschlag gab es viele Fragen zum Täter und zum behördlichen Umgang mit ihm. Der Syrer war als Asylbewerber über Bulgarien und Österreich nach Deutschland gekommen und lebte hier nur mit einer Duldung. Bei dem Mann, der schon zuvor aufgefallen war, war offenbar auch eine psychische Problematik erkannt worden. Behandelt wurde er von einem Heilpraktiker, dem Gerichte in anderen Fällen die nötige Sachkunde abgesprochen hatten.
Später wurde eine Verbindung zum Terrornetzwerk "Islamischer Staat" (IS) nachgewiesen, das die Tat propagandistisch für sich reklamierte. Kurz vor der Explosion soll der Mann noch Kontakt zu einer Verbindungsperson gehabt haben. Aus ausgewerteten Konversationen lässt sich Medienberichten zufolge ableiten, dass er sich womöglich gar nicht selbst töten wollte, sondern den Sprengstoffrucksack auf das Festivalgelände bringen wollte.
Die Bundesanwaltschaft hat ihre Ermittlungsergebnisse bis heute nicht veröffentlicht. Aus Karlsruhe heißt es lediglich knapp, die Ermittlungen dauerten an.
Nach Einschätzung des Verfassungsschutzes hat sich das Profil möglicher Gefährder inzwischen verändert. Sie sind oft jünger, ideologisch weniger festgelegt und zugleich häufiger zu besonders brutaler Gewalt bereit. Als besondere Herausforderung gilt die schnelle, meist online verlaufende Radikalisierung Minderjähriger. Zudem agieren potenzielle Täter heute eher in kleinen Gruppen als in großen Netzwerken.
Erinnerung und politische Auseinandersetzungen
Für Norbert Imschloß stand nach dem Anschlag nie zur Debatte, seinen Betrieb aufzugeben. Dass sich eine solche Tat noch einmal in seinem Garten ereignen könnte, glaubt er nicht. Für ihn war es ein tragischer Zufall.
Sorgen bereitet ihm heute eher der Umgang mit dem Jahrestag. Nach seinen Angaben versuchen seit einigen Jahren immer wieder AfD-Mitglieder, am Anschlagsort Blumen niederzulegen. Imschloß kritisiert, dass die Tat aus seiner Sicht von Menschen ideologisch genutzt werde, die mit dem eigentlichen Geschehen wenig zu tun hätten.
Für den 24. Juli sind nach Angaben der Stadt Ansbach bereits Versammlungen angemeldet. Die AfD plant demnach Veranstaltungen in der Innenstadt. Mehrere Organisationen, Gewerkschaften und Parteien wollen dem mit einem "Markt der Demokratie" begegnen und an verschiedenen Orten ein Zeichen für Vielfalt und Menschenwürde setzen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber