Bayern

Dann der Knall: Warum der Anschlag 2016 bis heute wirkt

Nur der Attentäter starb bei der Explosion in Ansbach – doch warum es damals nicht viel schlimmer kam, ist bis heute rätselhaft.

20.07.2026, 04:00 Uhr

Zehn Jahre nach Ansbach: Wirt erinnert sich an Anschlag, viele Fragen bleiben offen

Jedes Jahr kurz vor dem 24. Juli kehren bei Norbert Imschloß die Bilder jenes Abends zurück. Meist beginne das schon an seinem Geburtstag rund zwei Wochen vorher, sagt der Gastwirt aus Ansbach. Dann denke er daran, dass er eigentlich zwei Geburtstage habe. Nur drei oder vier Sekunden hätten damals über Leben und Tod entschieden.

Am 24. Juli 2016 erschütterte eine Explosion den Gastgarten seines Weinlokals. Verübt wurde der Anschlag von einem syrischen Flüchtling, dessen eigentliches Ziel nach bisherigen Erkenntnissen offenbar ein Musikfestival in der Innenstadt war.

Der heute 69-Jährige erinnert sich, dass ihm der junge Mann schon vor der Tat aufgefallen war. Er sei vor dem Lokal auf und ab gegangen, habe merkwürdig geschaut und sich immer wieder über seinen Rucksack gebeugt. Imschloß selbst stand nur vier bis fünf Meter entfernt am Hauseingang. Dann detonierte der Sprengsatz.

Teil einer Welle der Gewalt

Die Tat wurde später vielfach als erster islamistischer Selbstmordanschlag auf deutschem Boden bezeichnet. Sie fiel in eine Phase schwerer Gewalt in Deutschland und Europa. Am 14. Juli 2016 tötete ein islamistisch motivierter Täter in Nizza 86 Menschen. Am 22. Juli erschoss ein rassistisch motivierter Deutsch-Iraner in München neun Menschen. Im Dezember 2016 starben in Berlin 13 Menschen bei einem islamistischen Anschlag.

Dass in Ansbach nicht zahlreiche Festivalbesucher getötet wurden, dürfte mehrere Gründe gehabt haben. Zum einen gelang es dem damals 27 Jahre alten Täter nicht, mit dem Sprengstoffrucksack auf das eigentliche Festivalgelände zu kommen. Zum anderen waren die Sicherheitsvorkehrungen nach vorherigen schweren Gewalttaten bereits verschärft worden. Hinzu kommt: Bis heute ist nicht einmal sicher, ob der Mann tatsächlich plante, sich selbst zu töten.

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) verweist darauf, dass die Kontrollen damals gegriffen hätten. Der Täter habe es nicht geschafft, mit dem Sprengstoff auf das Festivalgelände zu gelangen. Herrmann war noch in der Tatnacht nach Ansbach gereist, um sich selbst ein Bild von der Lage zu machen.

Ein Ereignis, das Spuren hinterlassen hat

Wolfgang Decker vom Bayerischen Roten Kreuz gehörte damals zu den ersten Sanitätern am Ort des Geschehens. Zunächst sei man davon ausgegangen, dass eine Gasflasche explodiert sei, sagt er rückblickend. Nach dem Anschlag in München habe zwar ein mulmiges Gefühl geherrscht. Dass es aber in einer eher ländlich geprägten Region zu einem solchen Angriff kommen könnte, habe damals kaum jemand erwartet.

Während des Einsatzes habe für ihn vor allem die Versorgung der Verletzten im Vordergrund gestanden. Besonders belastend sei die Situation für seine Familie gewesen: Wegen des überlasteten Handynetzes konnten Angehörige ihn zunächst nicht erreichen.

Ob sich ein Gewaltjahr wie 2016 heute wiederholen könnte, bewertet Herrmann optimistisch. Die Bedrohung durch islamistischen Terrorismus sei in Deutschland und Bayern zwar weiterhin hoch. Zugleich betont er, die Sicherheitsbehörden seien hellwach und vorbereitet.

Ermittlungsergebnisse bis heute nicht öffentlich

Schon kurz nach dem Anschlag stellten sich viele Fragen zum Täter und zum behördlichen Umgang mit ihm. Der Syrer war als Asylbewerber über Bulgarien und Österreich nach Deutschland gekommen und lebte hier nur mit einer Duldung. Bei dem Mann, der schon zuvor aufgefallen war, war offenbar auch eine psychische Problematik erkannt worden. Behandelt wurde er von einem Heilpraktiker, dessen Sachkunde Gerichte in anderen Fällen angezweifelt hatten.

Später wurde eine Verbindung zur Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) nachgewiesen, die den Anschlag propagandistisch für sich reklamierte. Kurz vor der Explosion soll der Mann noch Kontakt zu einer Verbindungsperson gehabt haben. Aus Medienberichten geht hervor, dass die ausgewerteten Konversationen darauf hindeuten, dass er sich womöglich gar nicht selbst töten wollte, sondern den Sprengstoffrucksack auf das Festivalgelände bringen wollte.

Die Bundesanwaltschaft hat ihre Ermittlungsergebnisse bis heute nicht öffentlich gemacht. Aus Karlsruhe heißt es lediglich, die Ermittlungen dauerten an.

Nach Einschätzung des Verfassungsschutzes hat sich das Profil möglicher Gefährder inzwischen verändert. Sie sind oft jünger, ideologisch weniger festgelegt, zugleich aber häufig zu besonders brutaler Gewalt bereit. Als besondere Herausforderung gilt die schnelle, meist im Internet stattfindende Radikalisierung Minderjähriger. Zudem agieren potenzielle Täter heute häufiger in kleineren Gruppen statt in großen Netzwerken.

Erinnerung und politische Auseinandersetzungen

Für Norbert Imschloß stand nach dem Anschlag nie zur Debatte, seinen Betrieb aufzugeben. Dass sich eine solche Tat noch einmal in seinem Garten ereignen könnte, glaubt er nicht. Für ihn war es ein tragischer Zufall.

Sorgen bereitet ihm heute eher der Umgang mit dem Jahrestag. Nach seinen Angaben versuchten in den vergangenen Jahren immer wieder AfD-Mitglieder, am Anschlagsort Blumen niederzulegen. Imschloß kritisiert, dass die Tat aus seiner Sicht von Menschen ideologisch ausgenutzt werde, die mit dem eigentlichen Geschehen wenig zu tun hätten.

Für den 24. Juli sind nach Angaben der Stadt Ansbach bereits Versammlungen angemeldet. Die AfD plant demnach Veranstaltungen in der Innenstadt. Mehrere Organisationen, Gewerkschaften und Parteien wollen dem mit einem "Markt der Demokratie" begegnen und an verschiedenen Orten ein Zeichen für Vielfalt und Menschenwürde setzen.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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