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Bayreuther «Rienzi»: So endet die Demokratie

Bayreuth wagt zum Jubiläum ein heikles Wagner-Tabu: Erstmals erklingt „Rienzi“ – von den Regisseurinnen als Mahnmal gelesen.

24.07.2026, 12:37 Uhr

Die erste „Rienzi“-Produktion in der Geschichte der Bayreuther Festspiele versteht das Regie-Duo Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka als warnendes politisches Zeichen. Gerade in einer Zeit, in der rechtspopulistische und faschistische Tendenzen wieder stärker sichtbar würden, habe Wagners frühe Oper eine beklemmende Aktualität, sagte Szemerédy der Deutschen Presse-Agentur.

Uns war von Anfang an klar, dass dies eine sehr besondere Aufgabe ist, der wir uns mit großer Verantwortung stellen“, sagte die Regisseurin. Gemeinsam mit Parditka bringt sie das Werk nun in Bayreuth auf die Bühne.

„Rienzi“ als Mahnmal für die Demokratie

Für Szemerédy ist „Rienzi“ ein Mahnmal. Im Mittelpunkt stehe die Frage, wann eine Demokratie kippt und ab welchem Punkt sie fast unmerklich in andere politische Mechanismen übergeht.

Wagners dritte Oper erzählt vom Aufstieg und Fall des römischen Volkstribuns Cola di Rienzo, der die Macht der herrschenden Klasse brechen will – und schließlich am eigenen Größenwahn scheitert. Das Werk galt einst als Wagners größter Erfolg.

Hitler-Bezug bleibt historisch brisant

Mit der Oper verbindet sich seit langem ein besonderer historischer Schatten. Der oft zitierte Satz „In jener Stunde begann es …“ wird Adolf Hitler zugeschrieben, nachdem er als Jugendlicher in Linz eine Aufführung gesehen haben soll. Überliefert wurde das von seinem Jugendfreund August Kubizek.

Oft wird „Rienzi“ deshalb als Hitlers Lieblingsoper bezeichnet. Einen Beleg dafür gibt es nach Angaben des Direktors des Richard-Wagner-Museums, Sven Friedrich, allerdings nicht. Dass das Werk für Hitler eine Rolle spielte, stehe für ihn dennoch außer Frage. So habe die Ouvertüre regelmäßig die Reichsparteitage der NSDAP eröffnet. Zugleich, so Friedrich, lasse sich daraus keine völlig herausgehobene Sonderstellung der Oper im Verhältnis zu Hitlers Wagner-Verehrung insgesamt ableiten.

Erstaufführung in Bayreuth zum 150-jährigen Bestehen

Dass ausgerechnet dieses Werk nun erstmals auf dem Grünen Hügel zu sehen ist, hat symbolische Kraft: Die Bayreuther Festspiele feiern in diesem Jahr ihr 150-jähriges Bestehen. Für die Aufnahme von „Rienzi“ ins Programm war sogar ein Beschluss des Stiftungsrats nötig. Richard Wagner selbst wollte seine 1842 uraufgeführte frühe Oper, die er als „Ungethüm“ und „Schreihals“ bezeichnete, eigentlich nicht im Bayreuther Repertoire haben.

Szemerédy sieht in der Entscheidung ein bewusstes Signal: Wer „Rienzi“ gerade jetzt und zum ersten Mal in Bayreuth spiele, setze sich mit der eigenen Vergangenheit auseinander. Solche Werke dürften nicht verdrängt oder vergessen werden.

Premiere mit mehreren Besonderheiten

Die Premiere findet an diesem Sonntag (26. Juli) statt – nach einer Gedenkveranstaltung für jüdische Musiker, die in der NS-Zeit verfolgt wurden.

Die Aufführung markiert gleich mehrere Premieren: Zum ersten Mal überhaupt wird „Rienzi“ bei den Bayreuther Festspielen gespielt. Und zum ersten Mal in der Festspielgeschichte führen dort Frauen Regie, die nicht Wagner mit Nachnamen heißen. Bisher hatten in Bayreuth neben Cosima Wagner und ihrer Urenkelin Katharina Wagner ausschließlich Männer inszeniert.

Cosima Wagner, dann Katharina Wagner – und jetzt wir“, sagte Parditka.

„Ein toxisches Stück“ in einer Dystopie

Szemerédy nennt „Rienzi“ ein „toxisches Stück“, möglicherweise sogar ein gefährliches – jedenfalls dann, wenn man die historische Belastung mitdenke. Die Aufgabe habe darin bestanden, sich der Figur und dem Werk neu zu nähern und zu untersuchen, wie viel Hitler tatsächlich in „Rienzi“ stecke – und umgekehrt.

Zugleich sollte die Inszenierung nicht bei der Vergangenheit stehen bleiben. Das Team wollte aus dem schwer belasteten Stoff etwas entwickeln, das auch für die Gegenwart spreche und eine mögliche Zukunft mitdenke. Deshalb verorten die Regisseurinnen die Handlung in einer zeitlich unbestimmten Zukunft, also in einer Dystopie.

Katharina Wagner sagte zuletzt im Podcast „BackstageClassical“, die Inszenierung zeige mit großer Härte, wie Macht Menschen verändern, korrumpieren und regelrecht wahnsinnig machen könne.

Kritik an der Jubiläumswahl

Nicht alle bewerten die Werkentscheidung positiv. Der Bayreuther Musikwissenschaftler Anno Mungen hält es für problematisch, „Rienzi“ ausgerechnet im Jubiläumsjahr erstmals aufzuführen. Gerade weil der Nationalsozialismus Jubiläen besonders aufgeladen habe, sei diese Wahl nicht unheikel, sagte er dem „Nordbayerischen Kurier“.

Richard-Wagner-Museumsdirektor Friedrich widerspricht. Wenn man zum Jubiläum bewusst einen Akzent setzen wolle, dann gerade mit dem Werk, das die Ambivalenz von 150 Jahren Festspielgeschichte in seiner Rezeptionsgeschichte besonders deutlich abbilde.

Auch die Festspiele selbst werben für die Seltenheit des Abends: Auf ihrer Homepage bezeichnen sie „Rienzi“ als selten gespieltes Bindeglied zwischen Grand Opéra und Musikdrama – mit orchestraler Wucht und emotionaler Tiefe. Gerade deshalb sei die Aufführung in Bayreuth eine besondere Gelegenheit, Wagners frühen Triumph dort neu zu entdecken, wo er bislang nie erklungen ist.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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