Häftling flieht aus JVA Duisburg-Hamborn – Polizei veröffentlicht Fahndung, Minister Limbach gerät weiter unter Druck
Ein 35-jähriger Untersuchungsgefangener ist am frühen Sonntagmorgen gegen 3.20 Uhr aus der Justizvollzugsanstalt Duisburg-Hamborn entkommen. Das bestätigte das NRW-Justizministerium. Auch bis zum frühen Nachmittag fehlte von dem Mann jede Spur, wie die Duisburger Polizei mitteilte. Die Fahndung läuft weiter.
Am Nachmittag veröffentlichte die Polizei einen Fahndungsaufruf mit weiteren Angaben zu dem Flüchtigen. Demnach ist der Mann etwa 1,75 Meter groß, schlank und trägt am rechten Oberarm eine auffällige Tätowierung mit dem Kopf einer Frau. Nach Behördenangaben soll er sich mehrfach mit teils falschen Personalien ausgewiesen haben.
Flucht über Fenster, Fassade und Dach
Nach bisherigen Erkenntnissen sägte der Gefangene einen Gitterstab vor dem Fenster seiner Zelle im dritten Stock durch. Das Ministerium geht inzwischen sicher davon aus, dass dies über einen längeren Zeitraum geschehen sein muss. Anschließend soll er die zusätzliche Feinvergitterung vor dem Fenster mit dem Zellentisch aufgehebelt haben.
Danach habe sich der Mann durch die schmale Öffnung gezwängt und sei an der Innenfassade vom dritten zum vierten Stock auf das Dach geklettert. Wie er anschließend auf der Außenseite des Gebäudes wieder nach unten gelangte, ist weiterhin unklar. Die JVA liegt mitten in der Stadt und ist nach außen nicht zusätzlich durch eine Mauer gesichert.
Versteck unter dem Linoleumboden entdeckt
Nach dem Ausbruch fanden Mitarbeiter in der Zelle zudem einen Hohlraum unter dem Linoleumboden nahe einer Wand. Ein Sprecher des Justizministeriums sprach von einem „raffinierten Versteck“. Es liegt nahe, dass dort Werkzeug verborgen worden sein könnte. Gefunden wurde darin allerdings nichts mehr.
Nach Einschätzung der Ermittler war das Versteck bei früheren Zellenkontrollen offenbar nicht aufgefallen.
Rätsel um den nächtlichen Kletterweg
In der Anstalt sorgt vor allem die Frage für Verwunderung, wie der Mann mitten in der Nacht die Fassade erklimmen und die Dachsicherung überwinden konnte. Offiziell gibt es dazu bislang keine nähere Erklärung.
In Justizkreisen wird auch darüber spekuliert, ob der 35-Jährige besondere Kletterfähigkeiten gehabt haben könnte. Als Vergleich wird auf einen früheren Fluchtfall in der JVA Bielefeld-Senne verwiesen, bei dem ein entwichener Häftling nach Angaben des Innenministeriums als Parkour-Sportler geübt im Überwinden städtischer Hindernisse gewesen sein soll.
Zu sechs Jahren Haft verurteilt
Der 35-Jährige ist serbischer Staatsangehöriger und gilt nicht als Gewaltverbrecher. Er saß seit dem 10. Februar wegen Diebstahlsvorwürfen in Untersuchungshaft. Ende Mai wurde er nach Angaben der Staatsanwaltschaft wegen zweier Wohnungseinbrüche mit hohem Schaden zu sechs Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.
Aus Justizkreisen hieß es zudem, der Mann soll bei den Taten nicht nur wertvollen Schmuck, sondern auch mehr als 200.000 Euro Bargeld erbeutet haben. Das erkläre die vergleichsweise hohe Strafe.
Ministerium untersucht Sicherheitslücke
NRW-Justizminister Benjamin Limbach bezeichnete die Flucht als inakzeptabel. Vorrang habe nun, den Gefangenen schnell wieder festzunehmen. Zugleich müsse vollständig aufgeklärt werden, wie es zu der Sicherheitslücke kommen konnte.
Ein Sicherheitsexperte des Ministeriums wurde unmittelbar nach dem Vorfall in die JVA entsandt. Limbach erklärte, man werde lückenlos untersuchen, wie der Ausbruch möglich war, um daraus umgehend die nötigen Konsequenzen zu ziehen. Nach Angaben aus dem Ministerium hatte er bereits am Sonntagmorgen selbst frühzeitig über den Fall informiert.
Opposition verlangt Antworten
Kritik kommt von der SPD-Opposition im Landtag. Die rechtspolitische Sprecherin Sonja Bongers forderte Aufklärung darüber, wie der Gefangene an mögliches Werkzeug gelangen konnte und warum die baulichen sowie technischen Sicherungen seine Flucht nicht verhindert haben.
Aus Sicht der SPD muss der Minister erklären, wie ein Gitterstab entfernt werden konnte, ohne dass dies entdeckt wurde. Zugleich zweifelt die Opposition daran, dass Limbach Sicherheitsmängel im nordrhein-westfälischen Strafvollzug rechtzeitig beheben kann.
Limbach steht ohnehin unter Druck. Hintergrund sind unter anderem frühere Vorwürfe, er sei nach Korruptionsvorwürfen gegen JVA-Bedienstete zu spät informiert worden beziehungsweise habe zu spät reagiert.
Klassische Ausbrüche sind selten
Klassische Ausbrüche aus geschlossenen Gefängnissen sind in Nordrhein-Westfalen nach Angaben des Ministeriums äußerst selten und seit Jahren nicht mehr vorgekommen. Als Ausnahme gilt ein Fall aus der JVA Bielefeld-Senne im vergangenen Jahr, bei dem ein Häftling zunächst ein knapp drei Meter hohes Rolltor und anschließend noch eine Mauer überwand. Offiziell wurde das jedoch nicht als klassischer Ausbruch, sondern als „Entweichung“ aus dem offenen Vollzug gewertet.
Solche Entweichungen oder verspäteten Rückkehrten nach Ausgang oder Freigang kommen demnach immer wieder vor. Für 2024 nannte das Ministerium 174 solcher Fälle – aber keinen klassischen Ausbruch aus einem geschlossenen Gefängnis. Ein Justizsprecher betonte, der Strafvollzug in NRW sei grundsätzlich sehr ausbruchsicher.
In Nordrhein-Westfalen gibt es laut Ministerium 36 Haftanstalten mit rund 18.000 Haftplätzen sowie fünf Jugendarrestanstalten. Aktuell sind demnach etwa 15.000 Menschen inhaftiert.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber