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Venezuela am Abgrund: Überlebende fürchten, was jetzt kommt

Nach den Beben in Caracas haben viele alles verloren – und dürfen nicht mal zurück. Was Betroffene jetzt verzweifelt fragen.

26.06.2026, 05:02 Uhr

Nach schweren Erdbeben in Caracas: Überlebende bangen um Wohnungen und Zukunft

Cerafín Owaldo bittet eindringlich um nur wenige Minuten. Der 74-Jährige steht vor seinem schwer beschädigten Wohnhaus in der venezolanischen Hauptstadt Caracas, in dem er seit 40 Jahren lebt. Seit den verheerenden Erdbeben darf er das Gebäude jedoch nicht mehr betreten. Er fleht die Einsatzkräfte an, ihn wenigstens kurz hinaufzulassen, damit er ein paar Kleidungsstücke, seine Kreditkarte und die Medikamente seiner herzkranken Frau holen kann. Doch die Helfer verweigern ihm den Zutritt. Verzweifelt betont Owaldo immer wieder, dass es nur fünf Minuten dauern würde.

Seit den Beben am Mittwochabend Ortszeit verbringt er die Nächte nicht mehr in seiner Wohnung im Viertel Pinto Salinas, sondern in einer Notunterkunft. Zwar ist das Haus nicht eingestürzt, doch die Erschütterungen der Stärken 7,2 und 7,5 haben mehrere Wohnungen zerstört und so gravierende Schäden an der Bausubstanz verursacht, dass das Gebäude vorerst gesperrt bleibt. Vier Nachbarinnen von Owaldo kamen ums Leben. Gemeinsam mit anderen Bewohnern hat er vorübergehend auf einem nahegelegenen Sportplatz Zuflucht gefunden und sorgt sich nun um seine Zukunft.

Viele Wohnhäuser weisen nach den Erdbeben schwere strukturelle Schäden auf.

Owaldos Schicksal steht exemplarisch für das vieler Betroffener. Nach Angaben der Behörden wurden 250 Wohnhäuser vollständig zerstört oder schwer beschädigt. Vor Ort entsteht jedoch der Eindruck, dass die tatsächliche Zahl deutlich höher sein könnte. Zahlreiche Menschen werden weiterhin unter den Trümmern vermisst. Möglicherweise befinden sich dort noch Hunderte oder sogar Tausende Verschüttete. Gewissheit dürfte es wohl erst in einigen Wochen geben. Die Regierung spricht bislang von vorläufig 235 Todesopfern und mehr als 4.300 Verletzten. Angesichts des enormen Ausmaßes der Katastrophe ist jedoch zu erwarten, dass diese Zahlen noch steigen.

„Wie werden die Behörden uns helfen?”

Im Stadtteil San Bernardino verfolgen José Ángel Ascanio und seine Frau, wie die Trümmer eines eingestürzten Hauses weggeräumt werden. Es handelt sich um das Gebäude, in dem sie selbst gelebt haben. Ascanio kritisiert die Rettungsarbeiten deutlich: Das Land sei auf ein solches Unglück nicht vorbereitet gewesen. Aus seiner Sicht habe die Hilfe zu lange auf sich warten lassen, zudem fehle es an Technik und Maschinen. Einige seiner Nachbarn konnten nur noch tot geborgen werden. Helfer arbeiten sich vielerorts mit bloßen Händen und teils unter hohem Risiko durch die Trümmer, um Überlebende zu finden.

Ascanio selbst hat das Unglück überlebt, doch sein gesamter Besitz ist verloren. Er sagt, er sei dankbar, dass er seine Frau und seine Eltern in Sicherheit bringen konnte. Jetzt stelle sich jedoch die drängende Frage, wie konkrete Unterstützung aussehen werde und was die Behörden für die Betroffenen tun könnten. Seine Verzweiflung ist deutlich spürbar. Erst vor Kurzem habe das Paar die Wohnung gekauft, erzählt er. Man versuche, sich ein besseres Leben aufzubauen, und dann werde alles durch einen solchen Schicksalsschlag zerstört.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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