Urlaub vorbei – und plötzlich wirkt das Ausland oft moderner als Deutschland
Millionen Menschen kehren dieser Tage aus Italien, Spanien und anderen Ferienzielen nach Deutschland zurück. Neben der üblichen Wehmut über das Ende der freien Tage bleibt bei manchen noch ein zweites Gefühl: Früher stellte sich nach der Heimreise oft Erleichterung ein. Heute ist das nicht mehr selbstverständlich.
Bundeskanzler Friedrich Merz etwa hat sich mehrfach froh über die Rückkehr nach Deutschland gezeigt. Nach einer Afrika-Reise sagte er in diesem Jahr, erst im Ausland merke man wieder, was man am deutschen Brot habe. Doch genau diese Bestätigung des eigenen Landes erleben viele Reisende inzwischen seltener.
Lange galt Deutschland für viele als vorbildlich – effizient, gut organisiert, technisch überlegen. Dieses Bild bekommt jedoch Risse. Ob Straßen, Digitalisierung oder Service: Andere Länder haben deutlich aufgeholt, teils sogar überholt. Das verändert auch den Blick auf den Urlaub.
Wenn der Unterschied schon an der Grenze auffällt
Wer aus den Niederlanden nach Nordrhein-Westfalen fährt, merkt oft schon ohne Hinweisschild, dass er wieder in Deutschland ist: Der Fahrbahnbelag wird schlechter, die Fahrt lauter. Ähnliches berichten Bahnreisende, die an Grenzbahnhöfen den Unterschied zwischen gepflegter Infrastruktur im Nachbarland und dem Zustand auf deutscher Seite sehen.
Auch aus anderen Ländern bringen Urlauber ähnliche Eindrücke mit. Gelobt werden bequeme Regionalzüge in Frankreich, angenehm gekühlte U-Bahnen in Spanien oder stabile Netze in Schweden. Dazu kommt ein weiterer Punkt, der vielen auffällt: In London oder in skandinavischen Ländern ist bargeldloses Zahlen längst Alltag. Wer dort Scheine und Münzen hervorholt, wirkt mitunter fast aus der Zeit gefallen.

Schauspieler Sky DuMont zeigte sich kürzlich bei einem Besuch in Österreich begeistert davon, wie reibungslos dort vieles funktioniere. Er sagte, dort habe man Internet und könne problemlos telefonieren. In Hamburg-Blankenese, wo er lebt, falle das Netz dagegen oft aus. Auch günstigere Benzinpreise, pünktliche Züge und schnelle Verbindungen vom Flughafen hob er hervor. Sein Fazit: Österreich funktioniere einfach besser, und das genieße er sehr.
Reisen als Vergleich mit der Heimat
Der Psychologe Ulrich Schmidt-Denter, der sich mit Identitätsentwicklung im interkulturellen Vergleich beschäftigt hat, erklärt, dass Menschen im Ausland fast automatisch Vergleiche anstellen. Solche Vergleiche dienten oft der Selbstvergewisserung.
Gerade Deutsche seien dabei laut vielen Studien nicht unbedingt besonders gelassen oder innerlich gefestigt, sondern eher anfällig für Verunsicherung. Im Kontakt mit anderem, Fremdem – etwa im Urlaub – werde dieses Selbstbild zusätzlich herausgefordert.
Über lange Zeit wirkten dabei zwei unterschiedliche Haltungen. Auf der einen Seite stand ein gewisser Stolz darauf, aus einem wirtschaftlich starken und effizient organisierten Land zu kommen. In den Jahrzehnten nach dem Wirtschaftswunder führte das oft zu einem Gefühl der Überlegenheit gegenüber Ländern, die als weniger geordnet galten.
Der Historiker und Soziologe Hasso Spode, Autor einer Tourismusgeschichte, erinnert daran, dass deutsche Urlauber einst gern auf vermeintlich chaotische Zustände etwa in Italien herabsahen. Daraus entstanden auch unangenehme Klischees über das Auftreten deutscher Touristen im Ausland.
In den Niederlanden war etwa der Satz bekannt, in Deutschland sei alles besser. Solche Überheblichkeit spiegelte sich auch in Benimm-Ratgebern und Medienberichten der Nachkriegszeit. Jeden Sommer wurde über provinziell auftretende, besserwisserische Urlauber geschrieben – ein Bild, das später auch Satiren wie Gerhard Polts „Man spricht deutsh“ aufgriffen. Sogar Hinweise zum richtigen Verhalten gehörten dazu: keine Spaghetti mit dem Messer schneiden und auf dem Markusplatz besser nicht in Lederhose erscheinen.
Vom Überlegenheitsgefühl zur Verunsicherung
Schmidt-Denter meint, dieses frühere Gefühl nationaler Überlegenheit habe in gewissem Maß sogar zur politischen Stabilität der Bundesrepublik beigetragen. Wenn dieses Empfinden nun wegfalle, könne das Folgen haben.
Denn wer im Ausland immer häufiger erlebt, dass andere Länder bei Infrastruktur, Alltagstauglichkeit oder Digitalisierung besser abschneiden, nehme auch wahr, dass die vertraute deutsche Erfolgserzählung brüchig geworden ist. Nach Ansicht des Psychologen kann das zu einem negativeren kollektiven Selbstbild beitragen – und im Extremfall sogar das Vertrauen in das politische System schwächen.
Es gab auch immer die gegenteilige Haltung: Scham statt Stolz
Neben dem selbstbewussten Auftreten gab es jedoch schon immer eine zweite deutsche Reaktion auf das Reisen: Scham. Vor allem in gebildeten und eher linken Milieus wollte man im Ausland keinesfalls als unangenehmer Deutscher auffallen, sagt Spode. Dort trafen historisch bedingtes Schuldgefühl und Distanz zum Massentourismus aufeinander.
Auch Schmidt-Denter erinnert daran, dass einflussreiche Denker wie Theodor W. Adorno oder Jürgen Habermas in den frühen Jahrzehnten der Bundesrepublik Nationalstolz grundsätzlich kritisch sahen. Für manche wurde die Reise deshalb zu einer Art Suche nach einer unbeschwerten Ersatzheimat.
Viele wollten im Urlaub am liebsten gar nicht als Deutsche erkannt werden. Als besonders gelungen galt es, wenn man im Lieblingsland fast für einheimisch gehalten wurde. Treffen mit Landsleuten hingegen waren für einige eher peinlich als erfreulich – nach dem Motto: bloß nicht auffallen, bloß nicht dazugehören.
„Wir sind heute selbst die Chaoten“
Diese Gruppe könnte den relativen Bedeutungsverlust Deutschlands womöglich anders erleben, vermutet Schmidt-Denter: weniger als Demütigung, eher als Entlastung. Verlässliche aktuelle Daten dazu gebe es allerdings noch nicht. Belegt sei jedoch, dass der Wunsch auszuwandern in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen sei.
Spode formuliert es zugespitzt: Früher sei es besonders Linken peinlich gewesen, dass in Deutschland alles so geschniegelt und preußisch effizient wirkte. Heute habe sich das Bild gedreht. Nun seien eher die Rechten irritiert, weil Deutschland in vielem nicht mehr als Musterland gelte. Seine Zuspitzung: Die Deutschen seien inzwischen selbst die neuen Chaoten.
Sympathischer als früher?
Ganz ohne positive Nachricht endet der Befund aber nicht. Möglicherweise kommt ein bescheideneres Auftreten deutscher Reisender im Ausland sogar besser an als früheres Geltungsbedürfnis.
Spode verweist auf internationale Untersuchungen zur Beliebtheit von Touristen. Demnach liegen Japaner häufig auf Platz eins – und Deutsche direkt dahinter. So schlecht scheint ihr Ruf also trotz aller Selbstzweifel nicht zu sein.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber