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Trauer um «Slow Food»-Ikone: Carlo Petrini ist tot

Was in den 80ern als Protest gegen Fast Food begann, wurde zur weltweiten Bewegung – die Geschichte dahinter überrascht.

22.05.2026, 06:23 Uhr

Slow-Food-Gründer Carlo Petrini mit 76 Jahren gestorben

Aus einem Protest gegen eine McDonald’s-Filiale in Rom entstand ein weltweites Netzwerk für bessere Ernährung: Carlo Petrini, der Gründer der Slow-Food-Bewegung, ist tot. Wie die Organisation mitteilte, starb der Italiener am Donnerstagabend nach langer Krankheit in seiner Heimatstadt Bra im Piemont. Petrini wurde 76 Jahre alt. Bra ist eine Gemeinde mit rund 30.000 Einwohnern in Norditalien.

Petrini prägte maßgeblich die Debatte über bewusste und bessere Ernährung in vielen Ländern. Häufig wurde er als „Genuss-Rebell“ beschrieben. Mit der Gründung von Slow Food Mitte der 1980er Jahre setzte er sich für ein „Recht auf Genuss“ ein – und für Lebensmittel, die gut, sauber und fair erzeugt werden.

Gegenmodell zu Fast Food

Heute ist Slow Food in mehr als 160 Ländern aktiv, auch in Deutschland. Die Bewegung versteht sich ausdrücklich als Gegenmodell zu Fast Food amerikanischer Prägung und zu Ketten wie McDonald’s. Getragen wird das Netzwerk von lokalen Gruppen, die unter anderem Kochkurse, Verkostungen und Besuche bei Produzenten organisieren.

Petrini, den viele einfach „Carlin“ nannten, wurde 1949 in Bra geboren. Als politisch Linker sah er sich als Teil der 68er-Bewegung. Nach einem abgebrochenen Soziologiestudium arbeitete er als Gastronom, Journalist und Schriftsteller.

Im Juli 1986 gründete er in seiner Heimat die Initiative Agricola, aus der später Slow Food Italia hervorging. Seine Ernährungsphilosophie fasste er in drei Worte: „Buono, pulito e giusto“ – gut, sauber und fair. Zum Symbol der Bewegung wurde die Weinbergschnecke, Sinnbild für Langsamkeit und bewusstes Genießen.

Ein Essen an der Spanischen Treppe

Auslöser für die Bewegung war der Protest gegen die Ausbreitung von Fast Food in Italien. Als McDonald’s in Rom eine Filiale an der Piazza Navona eröffnen wollte, organisierte Petrini mit Freunden aus dem Piemont, den nach dem Wein benannten „Freunden des Barolo“, ein großes Essen an der Spanischen Treppe. Aus dieser Aktion entwickelte sich später Slow Food.

International wurde die Bewegung im Dezember 1989, als Delegierte aus 20 Ländern in Paris ein gemeinsames Manifest unterzeichneten. 1992 entstand mit Slow Food Deutschland der erste nationale Verein; heute hat er mehr als 13.000 Mitglieder. Bis 2022 stand Petrini an der Spitze der internationalen Organisation, ehe er sich aus gesundheitlichen Gründen zurückzog.

In der Mitteilung zu seinem Tod würdigte Slow Food seine Energie, sein außergewöhnliches Einfühlungsvermögen, seinen Tatendrang und sein Lebensbeispiel als bleibende Orientierung.

Engagement über Slow Food hinaus

Petrini war Mitgründer der 2004 eröffneten Universität der Gastronomischen Wissenschaften im piemontesischen Pollenzo. Die Hochschule verfolgt einen interdisziplinären Zugang zum Thema Ernährung; dort studieren heute mehrere Hundert junge Menschen aus aller Welt.

Zudem gehörte er zu den Initiatoren des internationalen Netzwerks Laudato si, das Menschen unterschiedlicher Glaubensrichtungen zusammenbringt. Benannt ist es nach einer Enzyklika des im vergangenen Jahr verstorbenen Papstes Franziskus. Petrini selbst bezeichnete sich als nicht gläubig.

Internationale Anerkennung

Für sein Wirken erhielt Petrini zahlreiche Ehrungen. Das US-Magazin Time zeichnete ihn 2004 als einen der „Helden Europas“ aus. 2008 nahm ihn The Guardian als einzigen Italiener in eine Liste von 50 Menschen auf, die die Welt retten könnten. Immer wieder trat er auch bei großen internationalen Treffen auf, etwa bei Veranstaltungen der Vereinten Nationen und bei Klimagipfeln.

Einsatz für regionale und faire Ernährung

Petrini warb beharrlich für regionale Produkte und faire Bedingungen entlang der Lieferketten. So kritisierte er, es sei verantwortungslos, Tomaten aus Süditalien zu kaufen, die von Erntehelfern für nur drei Euro pro Stunde gepflückt würden. Ebenso stellte er den Sinn infrage, Bio-Birnen aus Argentinien über Kontinente hinweg einfliegen zu lassen.

Gute Ernährung, so seine Überzeugung, bleibe auch in einer hochtechnisierten Welt etwas Grundlegendes: „Wir essen keine Computer. Wir essen Auberginen und Tomaten.“

Ein Satz als Vermächtnis

Zu seinen bekanntesten Leitsprüchen gehörte: „Wer Utopie sät, wird Realität ernten.“ Petrini war schon seit längerer Zeit schwer krank. In einem seiner letzten Interviews sagte er der italienischen Zeitung Corriere della Sera, er denke durchaus an den eigenen Tod. Zugleich hoffe er, die Grundlagen dafür gelegt zu haben, dass seine Arbeit fortgeführt werde.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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