Im Wiener "Tatort: Gegen die Zeit" (ARD, 20.15 Uhr) führt der Fall an einen Ort, der kaum Hoffnung ausstrahlt: in die heruntergekommene sozialpädagogische Wohngemeinschaft "Sonnenhof" am Stadtrand. Dort leben Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren, die zwar Schutz finden sollen, zugleich aber spüren, wie weit sie von gesellschaftlicher Teilhabe entfernt sind. Die Stimmung ist angespannt, Ausbrüche von Wut, Verzweiflung und Hass prägen den Alltag. Dann wird auch noch der Leiter der Einrichtung tot aufgefunden.
Ein "Tatort" fast ohne klassische Krimi-Action
Die Folge setzt weniger auf rasante Polizeiarbeit als auf intensive Gespräche und psychologischen Druck. Oberstleutnant Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Majorin Bibi Fellner (Adele Neuhauser) ermitteln in einem Kammerspiel-artigen Setting: kaum Blaulicht, keine spektakuläre Spurensicherung, keine gerichtsmedizinischen Pointen. Stattdessen dominieren Konfrontationen, Befragungen und lautstarke Auseinandersetzungen. Fellner bringt es nach einem hitzigen Wortgefecht trocken auf den Punkt: "Da kriegt man ja Schädelweh."
Mord an David Walcher
Das Opfer ist David Walcher (Roland Silbernagl), Leiter der Jugend-WG. Er wurde unweit des "Sonnenhofs" erschlagen. Regisseurin und Co-Autorin Katharina Mückstein konzentriert sich jedoch nicht nur auf die Ermittlungen, sondern beleuchtet auch ausführlich die Vorgeschichte der Tat. Sämtliche Bewohnerinnen und Bewohner sowie die drei Betreuer geraten ins Visier. Die Figuren werden ohne Effekthascherei, aber mit viel Raum für Zwischentöne gezeichnet. Ein Betreuer sagt: "Ich trau‘ jedem alles zu" – ein Satz, dem man als Zuschauer kaum widersprechen mag.
Eisner und Fellner überzeugen mit Feingefühl
Krassnitzer und Neuhauser zeigen sich in ihrem vorletzten gemeinsamen Einsatz als eingespieltes Team, das nicht Härte, sondern vor allem Verständnis und Erfahrung ausstrahlt. Gerade dieses Einfühlungsvermögen öffnet ihnen den Zugang zu den Jugendlichen.
Im Zentrum des Verdachts steht Cihan (Alperen Köse), der seit der Mordnacht verschwunden ist. Er schlägt sich durch die Stadt, sucht Kontakt zu Bekannten und Familie und versucht unterzutauchen. Wie mehrere andere Jugendliche aus der WG ist auch er polizeibekannt. Eine Verfolgung mit Kriminalassistentin Meret Schande (Christina Scherrer) eskaliert, als Cihan ein Messer zieht und die Beamtin ihre Dienstwaffe richtet.
Bedrohlicher Nachbar rückt in den Fokus
Zusätzliche Spannung bringt ein geheimnisvoller Nachbar des "Sonnenhofs" ins Spiel. Der düstere Mann, begleitet von Schäferhund und Gewehr, hatte den Jugendlichen bereits mit dem Tod gedroht, nachdem sie angeblich seine Grundstücksgrenze missachtet und Dinge beschädigt hatten. Erst als Eisner mit der Spezialeinheit Cobra erscheint, öffnet der Mann das Tor und stellt sich den Fragen der Polizei – in auffällig dramatischer Manier.
Das Opfer hatte selbst dunkle Seiten
Im Verlauf der Suche nach dem Motiv zeigt sich, dass David Walcher nicht nur der engagierte Leiter der Einrichtung war. Auch seine private Seite gerät ins Licht: Seine Ex-Frau soll massiv unter seinem Stalking gelitten haben. Damit bekommt das Opfer eine deutlich ambivalentere Zeichnung.
Krassnitzer: "Eine Art langes Gespräch"
Im Gespräch mit der ARD ordnet Harald Krassnitzer die Geschichte auch gesellschaftlich ein. Die jungen Figuren des Films seien geprägt von Flucht, Vernachlässigung, Zurückweisung und ständigen Demütigungen. Strafen und bloße Einschränkungen, so seine Einschätzung, würden in einer derart brutalen Umgebung kaum etwas bewirken.
Für ihn gehört die Episode zu den besonderen Fällen der Reihe. Er beschreibt den Film als "eine Art langes Gespräch", das sich fast ohne Unterbrechung von der Nacht bis in den nächsten Tag ziehe und zu einer Erkenntnis führe, die ihn persönlich tief berührt habe.
Abschied für das Wiener Ermittler-Duo naht
Eisner und Fellner zählen zu den dienstältesten Teams der "Tatort"-Reihe. Harald Krassnitzer ist seit 1999 dabei, Adele Neuhauser verstärkt das Wiener Team seit 2011. Nach rund 40 gemeinsamen Fällen steht der Abschied bevor: Im Herbst ermitteln sie ein letztes Mal in der Folge "Dann sind wir Helden".
Nachfolge bereits geregelt
Die neuen Gesichter des Wiener "Tatort" stehen schon fest: Miriam Fussenegger und Laurence Rupp übernehmen ab 2027. Fussenegger wurde unter anderem als Buhlschaft im Salzburger "Jedermann" bekannt, Rupp gehört ebenfalls zu den profilierten österreichischen Schauspielern seiner Generation.
Mit dem neuen Team soll ein frischer Abschnitt für den ORF-"Tatort" beginnen. Geplant ist ein völlig neuer Ansatz: Die beiden Figuren werden als Halbgeschwister ermitteln. Der Start der Dreharbeiten für den ersten Fall ist nach aktuellem Stand für das Frühjahr 2026 vorgesehen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion