Allgemein

Mitten im Chaos ganz still: Was verbirgt der Wal?

Seit Tagen herrscht am Buckelwal vor Poel stundenlang Trubel und Lärm. Viele sagen beschwichtigend: Der Wal wirkt ganz ruhig. Doch genau das könnte beunruhigender sein, als es klingt.

26.04.2026, 04:00 Uhr

Seit Tagen herrscht direkt am vor der Ostseeinsel Poel gestrandeten Buckelwal reger Betrieb: Menschen halten sich in unmittelbarer Nähe des geschwächten Tieres auf, dazu kommen Boote und technisches Gerät. Auch Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus suchte wiederholt die Nähe zum Wal. Nachdem er bereits am Freitag erklärt hatte, direkt bei ihm gewesen zu sein, ließ er sich am Sonntag erneut zu dem Walbullen bringen und berührte ihn sogar.

Der Buckelwal wirkt dabei äußerlich ruhig. Fachleute warnen jedoch, dass dieser Eindruck täuschen kann. Aus ihrer Sicht ist die Nähe von Menschen für Wildtiere grundsätzlich eine Belastung – erst recht in einer Situation, in der das Tier kaum ausweichen kann.

Wildtiere zeigen Stress oft nicht sichtbar

Das Deutsche Meeresmuseum betont, dass Wildtiere nicht an Menschen gewöhnt sind. Jede Annäherung und vor allem zusätzlicher Lärm bedeuteten enormen Stress und lösten normalerweise Fluchtverhalten aus. Für den Buckelwal sei die Lage besonders dramatisch, weil er diese Fluchtmöglichkeit derzeit praktisch nicht habe.

Auch die Tierschutzorganisation Whale and Dolphin Conservation (WDC) erklärt, Kontakt zu Menschen bedeute für Wildtiere immer Stress. Nach WDC-Erfahrungen aus Rettungseinsätzen in Nordamerika hätten alle Meeressäuger bei Annäherungen Anzeichen von Angst gezeigt. Bei Robben sei das oft gut erkennbar, etwa durch Gähnen oder Schläge mit den Vorderflossen. Bei großen Walen bleibe Stress dagegen häufig unsichtbar. Er könne sich unter anderem in erhöhter Herz- und Atemfrequenz oder anderen physiologischen Reaktionen äußern, die von außen kaum zu erkennen sind.

Gut gemeinte Nähe kann zusätzlichen Stress auslösen

WDC rät deshalb, so viel Abstand wie möglich zu halten und den Wal nur aus der Ferne zu beurteilen. Menschen sollten nicht bei ihm bleiben, um ihm vermeintlich Gesellschaft oder Trost zu spenden. Auch wenn das gut gemeint sei, könne es das Tier zusätzlich belasten. Direkte Eingriffe am Wal sollten nur in Ausnahmesituationen erfolgen – mit möglichst wenigen Beteiligten und in kurzen, gezielten Maßnahmen.

Nach Einschätzung der Organisation kann auch die augenscheinliche Ruhe des Tieres in die Irre führen. Es gebe Daten, wonach manche Wale unter Stress und menschengemachtem Lärm lauter oder häufiger kommunizieren, während andere unter ähnlichen Bedingungen ihre Lautäußerungen ganz einstellen.

Auch körperliche Reaktionen seien sehr unterschiedlich. Manche Tiere zeigten Stress durch heftige Flossenschläge. Andere könnten in eine stressbedingte Myopathie geraten, bei der sich die Muskulatur verkrampft und das Tier äußerlich eher ruhig wirkt. Wie der Zustand des Wals vor Poel konkret zu bewerten ist, lasse sich aus der Distanz nur eingeschränkt sagen. WDC hat nach eigenen Angaben keinen Einblick in die Gespräche oder Konzepte vor Ort.

Scharfe Kritik an Auftreten vor Ort und an "vermeintlichen Experten"

Der Meeresbiologe Boris Culik fordert ein kompetentes, erfahrenes und klar verantwortliches Team aus Tierärzten, Biologen und Bootsführern. Stattdessen erlebe man derzeit eine "Kakophonie" aus wechselnden vermeintlichen Experten, Influencern, Politik, Behörden, Entscheidungswirrwarr und Bürokratie. Zu den Menschen, die dem Tier sehr nahe kamen, zählte auch Influencer Robert Marc Lehmann.

Auch Greenpeace-Experte Thilo Maack kritisiert das Vorgehen deutlich. Einem sterbenden Wildtier an Land – etwa einem Wolf, Hirsch oder Wildschwein – würde man ein solches, aus seiner Sicht fast würdeloses Gezerre nicht zumuten.

In die Kritik gerät außerdem, dass manche Beteiligte von einer Verbindung oder sogar einer Beziehung zum Tier sprechen. Fachleute warnen davor, das Verhalten des Buckelwals zu vermenschlichen. Auch Minister Backhaus hatte entsprechende Aussagen gemacht und etwa erklärt, der Wal scheine Vertrauen zu fassen und hebe dann den Kopf.

Sucht der Wal im Flachwasser gezielt einen Ruheplatz?

Mehrere Fachleute halten es für möglich, dass es dem Tier sehr schlecht geht, auch wenn ohne gründliche Untersuchung keine sichere Diagnose möglich ist. Inzwischen ist der Buckelwal in der Ostsee bereits fünfmal in flaches Wasser geschwommen. Denkbar ist, dass er frühere Orte wieder verließ, weil ihn der Lärm und die Unruhe dort störten – möglicherweise schon den ersten Platz vor Timmendorfer Strand.

WDC hält es für möglich, dass der Wal flaches Wasser bewusst aufsucht, um sich auszuruhen oder dort zu sterben. Auch Boris Culik hatte erklärt, ein geschwächter Wal könne gezielt stranden, wenn ihm das das Atmen erleichtere. Der Walforscher Fabian Ritter vermutet ebenfalls, dass das Tier im Flachwasser immer wieder eine Position sucht, in der es weniger Kraft aufbringen muss: Es müsse sich dort nicht ständig aktiv an die Oberfläche bewegen, könne trotz Schmerzen ruhen und weiter atmen.

Andreas Kinser von der Deutschen Wildtier Stiftung weist darauf hin, dass ein solches Verhalten bei verletzten Wildtieren nicht ungewöhnlich ist. Viele Tiere zögen sich bei schweren Verletzungen an ruhige Orte zurück. Wenn ein Tier nicht mehr fressen könne, könne sich der Sterbeprozess über Wochen hinziehen – bei großen Tieren oft besonders lange.

WDC hält Euthanasie für die einzig vertretbare Lösung

Nach Einschätzung von WDC wäre in der aktuellen Lage eine Euthanasie die einzig vertretbare Maßnahme, um das Tier von weiterem Leiden zu erlösen. Eine solche Maßnahme erfordere jedoch besondere fachliche Expertise sowie Erfahrung mit großen Walen und berge Risiken für die Einsatzkräfte.

Grundsätzlich lehnt WDC Rettungsaktionen bei gestrandeten Walen nicht ab. In Nordamerika ist die Organisation Teil eines offiziellen Strandungsnetzwerks und verfügt dort über eigene Einsatzteams. Im konkreten Fall kamen Fachleute jedoch schon Anfang April in einem wissenschaftlichen Gutachten zu dem Schluss, dass ein Rettungsversuch kaum Aussicht auf Erfolg habe und für den Wal erhebliche Risiken mit sich bringe. Aus Sicht von Thilo Maack hätte man dem Tier deshalb vor allem Ruhe verschaffen müssen – genau das geschehe derzeit nicht.

Selbst ein Transport bis in den Atlantik bietet kaum Hoffnung

WDC zufolge können die wiederholten Strandungen ein Hinweis darauf sein, dass der Wal bewusst immer wieder flache Bereiche ansteuert. Das spreche für einen grundsätzlich sehr schlechten Gesundheitszustand und womöglich weitere schwerwiegende Faktoren, die ihn daran hindern, länger im tieferen Wasser zu bleiben. Deshalb seien die Chancen auf ein langfristiges Überleben äußerst gering – selbst dann, wenn ein Transport bis in den Atlantik gelingen sollte.

Entscheidend müsse immer die langfristige Perspektive sein: ob ein Tier ohne anhaltende Schmerzen und schweres Leiden weiterleben kann. Beim Buckelwal vor Poel sieht WDC diese Aussicht als extrem gering an.

Zugleich erinnert die Organisation daran, dass der Fall zwar besonders sichtbar und erschütternd ist, ähnliches Leid aber meist unbemerkt geschieht: Weltweit leiden oder sterben jedes Jahr rund 300.000 Wale und Delfine über längere Zeit, weil sie sich in Fanggeräten der Fischerei verheddern.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

Zurück zur Startseite →
Kommentare 0
Hinterlassen Sie Ihren Kommentar

TOP Neueste Meldungen