Steigende Preise für Einkäufe, Miete und andere Alltagsausgaben sind für viele Menschen in Deutschland weiterhin die größte Sorge. Das zeigt die Langzeitstudie „Die Ängste der Deutschen“, die in Berlin vorgestellt wurde. 59 Prozent der Befragten gaben an, davor große Angst zu haben.
Damit steht dieses Thema erneut an der Spitze der Untersuchung. Seit Beginn der jährlichen Erhebung im Jahr 1992 landete die Angst vor höheren Lebenshaltungskosten bereits zum 16. Mal auf Platz eins – bei insgesamt 35 Befragungen. Im Vergleich zum Vorjahr ist der Wert deutlich gestiegen: von 52 auf 59 Prozent.
Auf dem zweiten Platz folgt die Sorge vor Steuererhöhungen und Kürzungen staatlicher Leistungen. Diese Angst nannten 53 Prozent der Teilnehmer. Rang drei belegt die Befürchtung, der Staat könne durch die Aufnahme von Geflüchteten überfordert werden. Das äußerten 52 Prozent.
Die Studie wird im Auftrag der R+V-Versicherung erstellt. Für die aktuelle Ausgabe wurden zwischen Mai und Juli rund 2.400 Menschen ab 14 Jahren befragt. Sie bewerteten vorgegebene Themen auf einer Skala von 1 bis 7 – von „gar keine Angst“ bis „sehr große Angst“. Die Werte 5, 6 und 7 zählen dabei als große Angst und bilden die Grundlage für die Rangliste.
Unsicherheit prägt das Gefühl vieler Befragter
Nach Einschätzung des Wirtschaftspsychologen Burkhard Schmidt von der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen spiegeln die Ergebnisse vor allem ein Gefühl von Unsicherheit über die Zukunft wider. Viele Menschen wüssten nicht mehr, was als Nächstes teurer werde und worauf sie sich noch verlassen könnten.
Berichte über politische Unsicherheit, Kriege und steigende Spritpreise verstärkten dieses Empfinden zusätzlich. Laut Schmidt prägen erwartete Verluste den Blick vieler Menschen besonders stark.
Dazu passt, dass 51 Prozent große Angst vor einer schlechteren Wirtschaftslage äußerten – ein Plus von zehn Prozentpunkten. Zugleich fürchteten sich jedoch nur 20 Prozent der Erwerbstätigen um den eigenen Arbeitsplatz. Während viele ihre persönliche Situation noch als vergleichsweise stabil erlebten, werde die gesamtwirtschaftliche Lage oft als unsicher wahrgenommen.
Der Experte verweist außerdem darauf, dass die Inflation im Befragungszeitraum mit 2,3 bis 2,8 Prozent zwar vergleichsweise moderat gewesen sei. Trotzdem werde der Alltag für viele als deutlich teurer empfunden, weil das Preisniveau insgesamt inzwischen spürbar über dem von 2020 liege. Besonders bei häufig gekauften Dingen wie Lebensmitteln oder beim Tanken falle das stark auf. Für Gruppen wie Rentnerinnen und Rentner oder Haushalte mit hohen Energiekosten sei die Belastung zudem ganz konkret.
Frauen sorgen sich häufiger als Männer
Deutliche Unterschiede zeigt die Studie auch zwischen Frauen und Männern. Mit Ausnahme der Sorge vor einer Überforderung des Staats durch Geflüchtete und vor Spannungen durch Zuzug aus dem Ausland lagen die Werte bei Frauen in allen abgefragten Bereichen höher.
So bereiteten steigende Lebenshaltungskosten 63 Prozent der Frauen große Sorgen, bei den Männern waren es 55 Prozent. Schmidt sieht den Grund dafür nicht in einer grundsätzlich größeren Ängstlichkeit, sondern vor allem in wirtschaftlichen Unterschieden. Frauen verdienten im Schnitt weiterhin weniger und hätten auch im Alter oft geringere Einkommen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes lagen die Alterseinkünfte von Frauen ab 65 Jahren im Jahr 2025 rund 24 Prozent unter denen von Männern.
Hinzu kommt nach Einschätzung des Experten, dass Frauen häufiger direkten Kontakt zu Alltagspreisen hätten, etwa beim regelmäßigen Einkauf. Preisänderungen würden dann schneller wahrgenommen und wirkten sich stärker auf das persönliche Unsicherheitsgefühl aus.
Klima- und Naturängste weit hinten
Während finanzielle Sorgen die Umfrage klar dominieren, spielen andere Themen derzeit eine deutlich geringere Rolle. Die Angst vor dem Klimawandel erreicht nur 30 Prozent, die Furcht vor Naturkatastrophen 27 Prozent. Beide Werte gehören zu den niedrigsten, die in der Studie bislang für diese Themen gemessen wurden.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber