Buckelwal vor Poel: Initiative plant neuen Rettungsversuch mit absenkbarem Lastkahn
Der vor der Ostsee-Insel Poel gestrandete Buckelwal liegt weiterhin in der wassergefüllten Kuhle am Ende der Kirchsee. In der Nacht wurde das Tier nach Angaben der Wasserschutzpolizei und von Helfern durchgehend beobachtet. Demnach war der Meeressäuger nur wenig aktiv.
Auf Livestreams war am frühen Morgen zu sehen, dass sich der Wal gelegentlich leicht bewegt und buckelt. Auch seine Atmung war regelmäßig an einer kleinen Wasserfontäne zu erkennen.
Rettungskonzept erneut verändert
Wie es mit dem vor Poel festsitzenden Buckelwal weitergeht, bleibt offen. Der zuvor diskutierte Abtransport durch Anheben mit Luftkissen sowie mit Pontons und einer Plane wird nicht umgesetzt. Stattdessen arbeitet die private Hilfsinitiative an einer neuen technischen Variante.
Nach Angaben aus dem Helferkreis soll das rund zwölf Tonnen schwere Tier nun mit einer sogenannten Barge transportiert werden. Dabei handelt es sich um einen etwa 15 Meter breiten, absenkbaren Lastkahn, der nicht selbstständig fährt, sondern von Schleppern gezogen wird. Die Barge sei aus dem Hamburger Raum auf dem Weg, müsse aber noch durch den Nord-Ostsee-Kanal und soll zuvor in einer Werft in Wismar stoppen. Wann sie ankommt, ist demnach noch unklar. Die Initiative verweist darauf, dass der Transport mit nur etwa fünf Knoten, also rund neun Kilometern pro Stunde, vorankomme.
Aus dem Umweltministerium Mecklenburg-Vorpommerns hieß es vor einer Lagebesprechung zunächst nicht, wie die Details des neuen Plans bewertet werden. Umweltminister Till Backhaus hatte bereits erklärt, das bisherige Vorgehen müsse neu geprüft werden. Weitere Schritte müssten fachlich fundiert sein, das Verhalten des Wals berücksichtigen und mit den zuständigen Behörden abgestimmt werden. Falls nötig, kann das Land eingreifen und Maßnahmen stoppen.
110 Meter lange Rinne zum Fahrwasser geplant
Parallel dazu soll der Weg vom derzeitigen Liegeplatz des Wals zum Fahrwasser freigemacht werden. Nach Angaben des von der Initiative beauftragten Baggerunternehmens ist geplant, eine rund 110 Meter lange, zehn Meter breite und zwei Meter tiefe Rinne auszubaggern. Das könnte demnach in gut zwei Tagen gelingen.
Ein weiterer Bagger, der bereits bei einer Strandung vor Timmendorfer Strand im Einsatz war, soll noch heute oder spätestens am frühen Morgen eintreffen. Offen ist bislang, wie der Wal anschließend durch die Rinne gelangen soll. Nach Angaben der Beteiligten wird noch abgestimmt, ob das Tier darüber freikommen oder auf anderem Weg transportiert werden soll.
Zwischen Rettung und palliativer Hilfe
Fachleute der Internationalen Walfangkommission (IWC) raten weiterhin dazu, den Meeressäuger möglichst ruhig zu versorgen und sich im Kern auf palliative Hilfe zu beschränken. Backhaus sieht darin eine Bestätigung des bisherigen Kurses. Schon Anfang April war ein Gutachten zu dem Ergebnis gekommen, dass ein aktiver Rettungsversuch nur geringe Erfolgschancen habe und zugleich erhebliche Risiken für das Tier berge.
Die Debatte über das richtige Vorgehen hält dennoch an. Die neuseeländische Wissenschaftlerin Karen Stockin verweist darauf, dass sich die Lage für Wildtiere verschlechtern könne, wenn wissenschaftliche Empfehlungen zugunsten öffentlicher Erwartungen beiseitegeschoben würden. Wahres Tierwohl könne im Einzelfall auch bedeuten, schmerzhafte Zurückhaltung zu üben, wenn es keine realistische Aussicht auf Erholung gebe.
Verhalten von Walen nur schwer steuerbar
Die Meeressäuger-Expertin Frances Gulland betonte in einem Interview, wie schwierig es sei, das Verhalten von Walen gezielt zu beeinflussen. Man könne weder mit ihnen kommunizieren noch sie einfach beruhigen.
Gulland erinnerte an Rettungsaktionen für zwei Buckelwale im Sacramento River im Jahr 2007. Damals seien unter anderem Walrufe, Alarmtöne, Metallgeräusche, Motoren und Wasser aus Feuerwehrschläuchen ausprobiert worden. Keines dieser Mittel habe die Tiere zuverlässig in die gewünschte Richtung gelenkt. Erst als man nichts mehr unternommen habe, seien sie schließlich selbst zurück ins Meer geschwommen.
Sender am Tier, Helfer entlasten den Körper
Nachdem der Wal rund drei Wochen an derselben Stelle festgelegen hatte, war er am Montagmorgen bei höherem Wasserstand überraschend losgeschwommen. Helfer auf Booten versuchten daraufhin, ihn in Richtung Ostsee zu lenken. Nach etwa zwei Stunden stoppte das offenbar erschöpfte Tier jedoch erneut am Übergang von der Kirchsee zur Wismarbucht.
Inzwischen wurde ein Sender am Wal befestigt. Sollte er sich doch noch befreien, könnte sein weiterer Weg nachvollzogen werden. Nach Einschätzung des Ministers ist der Buckelwal inzwischen bereits fünf- bis sechsmal gestrandet, wenn die Bewegungen vom Montag mitgezählt werden.
Die Helfer konzentrierten sich zuletzt darauf, dem Tier mehr Raum zu verschaffen. Der Untergrund wurde mit Saug- und Spültechnik bearbeitet, sodass der Wal nun in einer wassergefüllten Mulde liegt und möglichst wenig Druck auf Körper und Organe wirkt. Zum Schutz vor Sonne wurde sein Rücken mit nassen Tüchern bedeckt. Die am Dienstag angebotenen zweieinhalb Kilogramm Fisch nahm das Tier nicht an.
Ministerium duldet privaten Einsatz
Backhaus betonte, Untätigkeit vermeide zwar Fehler, sei in diesem Fall aber dennoch keine Lösung. Zugleich stellte er klar, dass die Privatinitiative weder einen offiziellen Auftrag noch eine ausdrückliche Genehmigung erhalten habe. Es handele sich vielmehr um eine rechtlich notwendige Duldung. Nach dem Bundesnaturschutzgesetz dürfe grundsätzlich jeder einem hilflosen Tier helfen.
Nach Angaben des Landes wird der Einsatz eng begleitet, Tierärztinnen und Tierärzte sind rund um die Uhr vor Ort. Der Minister kündigte außerdem an, den Fall politisch aufzuarbeiten. Solche Einsätze könnten künftig häufiger werden, weshalb er sich für bessere gemeinsame Strukturen im Umgang mit Großwalen einsetzen will.
Große öffentliche Aufmerksamkeit
Der gestrandete Buckelwal bewegt inzwischen auch über den eigentlichen Einsatz hinaus viele Menschen. Nach Angaben des Marktforschungsunternehmens Media Control ist die Nachfrage nach Büchern zum Thema Wale seit der ersten Sichtung Anfang März deutlich gestiegen. An der Spitze der Verkaufszahlen liegt demnach das Kinderbuch „Die Schnecke und der Buckelwal“ von Julia Donaldson und Axel Scheffler.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion